„Ich verdiene genug für uns alle“, sagte er, und Anna gab nach und wurde Hausfrau

Dieses vermeintliche Glück fühlte sich plötzlich verräterisch an.
Geschichten

Als die Richterin den Beschluss verlesen hat, hat Anna zu ihrem Ex-Mann hinübergeschaut. Lukas saß mit gesenktem Kopf da, die Hände zu Fäusten geballt.

Nach der Verhandlung hat er sie im Gang eingeholt.

„Du hast mir eine Falle gestellt.“

„Nein“, erwiderte Anna ruhig. „Das hast du ganz allein geschafft. Du hast geglaubt, ich lasse mich von deinen Drohungen einschüchtern. Dass ich bei dir bleibe, deine Affären schlucke und mir weiter alles gefallen lasse.“

„Woher hattest du diese Unterlagen? Diese Beweise?“

„Ich habe sie aufgehoben. Schon immer.“ Sie sah ihn fest an. „Weißt du, Lukas, ich bin nicht blöd. Ich habe gemerkt, wie du dich veränderst. Die letzten zwei Jahre habe ich mich vorbereitet. Für den Fall der Fälle. Und dann ist dieser Fall eben eingetreten.“

„354.000 Euro … so viel Geld habe ich nicht einfach herumliegen.“

„Dann verkaufst du Geschäfte. Oder das Haus. Oder dein Auto. Mir ist das wurscht. Du hast sechs Monate.“

Anna drehte sich um und ging Richtung Ausgang.

„Anna!“, rief er ihr nach.

Sie blieb stehen und wandte sich noch einmal um.

„Ich dachte, du liebst mich.“

„Das habe ich auch. Fünfzehn Jahre lang. Aber du hast diese Liebe ausgenützt, mit Füßen getreten und verraten. Jetzt liebe ich nur noch mich selbst. Und mein neues Leben.“

Dann ist Anna gegangen. Gesehen haben sie einander danach lange nicht mehr.

Um das Geld aufzubringen, musste Lukas drei seiner sieben Geschäfte verkaufen. Zusätzlich hat er Kredite aufgenommen. Sein Unternehmen ist ordentlich ins Wanken geraten. Und Lena, die von seinen finanziellen Schwierigkeiten erfahren hat, hat sich erstaunlich rasch einen anderen wohlhabenden Liebhaber gesucht.

Anna hingegen hat mit dem zugesprochenen Betrag ihre eigene Buchhaltungsfirma gegründet. Klein war sie am Anfang, aber solide und gut geführt. Sie ist zu jenem Beruf zurückgekehrt, den sie immer gemocht hatte. Drei Mitarbeiter stellte sie ein, dazu mietete sie ein bescheidenes Büro.

Ein Jahr später betreute ihre Firma bereits zwanzig Kundinnen und Kunden und brachte ein verlässliches Einkommen.

Anna kaufte sich eine Wohnung. Keine riesige, nur eine kleine Zweizimmerwohnung, aber sie gehörte ihr. Ganz allein ihr. Sie richtete alles nach ihrem Geschmack her, holte sich eine Katze und schrieb sich für einen Italienischkurs ein.

Ihr Alltag wurde ruhig. Frei. Und zum ersten Mal seit langer Zeit wirklich glücklich.

Julia kam oft zu Besuch. Dann saßen sie zusammen, tranken Wein und lachten.

„Weißt du noch, wie Lukas im Gerichtssaal ausgeschaut hat? Kreidebleich war er“, sagte Julia kichernd.

„Natürlich weiß ich das noch.“ Anna lächelte. „Er war überzeugt, ich breche zusammen. Dass ich Angst bekomme, ohne Geld dazustehen.“

„Stattdessen hast du ihn sauber ausgespielt.“

„Nicht ausgespielt“, meinte Anna. „Ich habe nur meine Rechte gekannt. Und dir verdanke ich, dass ich sie durchsetzen konnte.“

Julia winkte ab. „Geh bitte. Ich mag es einfach, wenn Gerechtigkeit gewinnt.“

Eines Tages ist Anna Lukas zufällig begegnet. In einem Einkaufszentrum. Er wirkte müde, gealtert, als hätte ihn die Zeit schneller eingeholt als andere.

„Servus“, sagte er leise.

„Servus.“

„Wie geht’s dir?“

„Sehr gut. Und dir?“

Er zuckte mit den Schultern. „Na ja. Ich versuche, das Geschäft wieder aufzubauen. Nach … nach allem ist das nicht so einfach.“

Anna nickte nur.

„Ich wünsche dir alles Gute.“

Dann ging sie weiter. Ohne sich umzudrehen.

Lukas blieb stehen und sah ihr nach. Einer schönen, selbstsicheren Frau, die er durch seine eigene Dummheit verloren hatte.

Anna aber schlenderte weiter durch das Einkaufszentrum und dachte: Manchmal fallen Drohungen auf jene zurück, die sie ausgesprochen haben.

Lukas hatte gemeint, er könne sie mit der Scheidung einschüchtern und sie damit zum Schweigen bringen. Am Ende war er es gewesen, der eine Lektion erhalten hatte.

Eine harte. Eine teure. Aber eine gerechte.

Man sollte Frauen niemals unterschätzen. Schon gar nicht jene, die fünfzehn Jahre lang ertragen, aufgebaut und geliebt haben.

Denn irgendwann ist die Geduld zu Ende. Und dann beginnt die Gerechtigkeit.

Hedis Stube