„Lukas, erklärst du mir jetzt selber, was das hier werden soll, oder soll ich gleich die Polizei rufen?“ — drohte Anna im Vorzimmer, den Mantel noch an, und legte die Schlüssel langsam auf die Kommode

Unverschämte Gleichgültigkeit fühlt sich wie Verrat an.
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— Lukas, erklärst du mir jetzt selber, was das hier werden soll, oder soll ich gleich die Polizei rufen? — Anna ist im Vorzimmer stehen geblieben, den Mantel noch an, und ihr Blick ist von den fremden Koffern zur halb offenen Tür des großen Zimmers gewandert.

Es sind zwei Koffer gewesen: ein dunkelblauer auf Rollen und ein alter bordeauxroter mit einem abgewetzten Griff. Daneben lag eine Sporttasche, aus der ein Riemen herausgehangen ist, und auf der kleinen Bank stand bereits ein Einkaufssackerl mit Patschen, einer Zahnbürste und irgendwelchen Cremetiegeln. Das Ganze hat nicht nach „wir schauen nur kurz vorbei“ ausgesehen, sondern nach dem Beginn eines neuen Lebens. Oder zumindest nach dem Versuch, so zu tun, als hätte dieses neue Leben hier schon angefangen.

Aus dem Zimmer waren Stimmen zu hören. Eine Frauenstimme — sicher, ein wenig scharf, mit genau jenem Tonfall, bei dem sich Anna jedes Mal der Kiefer verkrampft hat. Und eine Männerstimme — gedämpft, beschwichtigend, fast entschuldigend, aber ohne jede Unruhe. Gerade dieses Fehlen von Unruhe hat sie am meisten getroffen. Nicht Überraschung, nicht Verlegenheit, kein hastiger Versuch, ihr schon an der Tür etwas zu erklären. Sondern die ganz normale Stimme eines Menschen, der das Geschehen offenbar für selbstverständlich hält.

Anna hat die Wohnungstür hinter sich etwas lauter zugemacht, als sie es vorgehabt hatte. Im stillen Vorzimmer klickte das Schloss, und sofort hat Lukas aus dem Zimmer herausgeschaut.

— Ah, du bist schon da? — sagte er, als wäre sie nicht in ihre eigene Wohnung heimgekommen, sondern bei Bekannten zu Besuch aufgetaucht.

— Wie ich sehe, nicht ohne Grund, — erwiderte Anna und legte die Schlüssel langsam auf die Kommode.

Lukas trat in den Gang, rieb sich über den Nacken und lächelte aus irgendeinem Grund.

— Fang bitte nicht gleich an. Ich erklär dir jetzt alles.

Nur beeilte er sich mit dieser Erklärung nicht.

Anna ging weiter und blieb auf der Schwelle zum Zimmer stehen.

Dort, beim weit geöffneten Kasten, stand seine Schwester Maria. In der einen Hand hielt sie einen Stapel T-Shirts, mit der anderen zog sie den Reißverschluss einer Reisekosmetiktasche zurecht. Auf dem Sofa lagen bereits ihre Jeans, eine Strickjacke, ein Ladegerät fürs Handy und ein Sackerl mit Hauskleidung. Maria hob den Kopf, begegnete Annas Blick und wurde nicht einmal verlegen. Sie hob nur das Kinn ein wenig, als hätte sie sich innerlich schon auf einen Streit eingestellt und beschlossen, in keinem einzigen Punkt nachzugeben.

— Servus, — sagte sie. — Wir haben nicht gedacht, dass du so früh kommst.

Anna antwortete nicht. Sie schaute nicht Maria an, sondern den offenen Kasten. Auf das freie Fach, in dem am Morgen noch ihre Decken und eine Schachtel mit saisonalen Sachen gelegen hatten. Die Schachtel war weg. Die Decke ebenfalls.

— Ich hab das vorerst auf die Loggia gestellt, — sagte Lukas hastig, weil er ihren Blick bemerkt hatte. — Da passiert nichts damit. Dort ist es trocken.

Anna drehte sich zu ihm um.

— Du hast meine Sachen auf die Loggia geräumt?

— Nur vorübergehend. Mach jetzt bitte kein Drama daraus.

Dieses „mach kein Drama“ hat bei ihm immer gleich geklungen. Als wäre nicht er es, der fremde Grenzen überschreitet, sondern sie, die ihn damit ermüdet, dass sie es überhaupt bemerkt.

Anna zog langsam ihren Mantel aus, hängte ihn sorgfältig an den Haken und kehrte ins Zimmer zurück. In ihr kochte jetzt nichts mehr. Im Gegenteil — alles hatte sich zu einem festen, kalten Punkt zusammengezogen. Wenn ein Mensch zornig ist, sagt er leicht zu viel. Wenn ein Mensch aber aufhört, zornig zu sein, und plötzlich das ganze Bild erkennt, wird er wirklich gefährlich.

Lukas begann sofort schneller zu reden:

— Maria steckt in einer schwierigen Lage. Für ein paar Wochen, höchstens einen Monat. Sie weiß momentan nicht wohin. Du verstehst doch, dass ich meine Schwester nicht auf der Straße stehen lassen konnte.

— Auf der Straße? — fragte Anna nach.

— Das hab ich bildlich gemeint.

— Und wo hat sie gewohnt, bevor du sie mit Koffern hierhergebracht hast?

Maria schlug die Lade der Kommode zu und antwortete selbst:

— Ich hab eine Wohnung gemietet. Die Eigentümerin will verkaufen und hat mich gebeten, auszuziehen. Nebenbei bemerkt hab ich dir nichts getan, Anna. Ich versteh nicht, warum du mich so anschaust.

Jetzt sah Anna sie direkt an.

— Weil du deine Sachen in meiner Wohnung einräumst, ohne dass ich zugestimmt habe.

— Geh bitte, tu nicht so, als hätte ich mich dir auf den Hals gesetzt, — schnaubte Maria. — Ich bin ja keine Fremde.

Lukas fiel sofort ein:

— Eben. Sie ist nicht irgendwer. Sie ist meine leibliche Schwester.

Anna richtete den Blick auf ihren Mann. Ein paar Sekunden sagte niemand ein Wort. Irgendwo bei den Nachbarn oben wurde etwas Schweres über den Boden gezogen; ein Knarren lief über die Decke, dann wurde es wieder still.

Und dann fragte Anna ruhig, ohne zu schreien, ohne Zittern in der Stimme:

— Lukas, seit wann wohnt deine Schwester in meiner vorehelichen Wohnung?

Maria erstarrte, den Stapel Kleidung noch immer in der Hand, ohne ihn ins Fach zu legen.

Lukas öffnete den Mund, brachte aber nichts heraus. Die Sicherheit, mit der er ins Vorzimmer gekommen war, fiel ihm sichtbar von den Schultern. Wahrscheinlich, weil in dieser Formulierung kein Platz mehr für seinen geliebten Nebel geblieben ist: „unser Gemeinsames“, „Familie“, „was ist denn schon dabei“. Die Worte standen hart und genau im Raum: deine Schwester, meine Wohnung, vorehelich.

— Anna, warum musst du das jetzt so sagen? — brachte er schließlich hervor. — Wir sind immerhin verheiratet.

— Das ist keine Antwort.

— Weil ich gemeint hab, dass man in so einer Situation kein Verhör veranstalten muss.

— Und ich meine, dass man in meiner Wohnung keine Menschen einquartiert, ohne mich zu fragen.

Maria warf die Sachen abrupt aufs Sofa.

— Wenn ich gewusst hätte, was für einen Empfang du mir hier bereitest, wäre ich gar nicht erst hergekommen.

— Dann wärst du eben nicht gekommen, — sagte Anna.

Maria blinzelte, offenbar nicht darauf gefasst, dass man ihr ohne die übliche höfliche Verpackung antworten würde.

Lukas machte einen Schritt nach vorn.

— Anna, bitte, reden wir vernünftig. Es ist doch nichts Schreckliches passiert.

Sie neigte den Kopf leicht zur Seite, als würde sie in diesen vertrauten Satz hineinhorchen und prüfen, ob sie sich vielleicht verhört hatte.

— Nichts Schreckliches? Du räumst meine Sachen auf die Loggia, sagst mir kein Wort, bringst deine Schwester hierher, die schon beginnt, sich häuslich einzurichten, und behauptest, es sei nichts Schreckliches passiert?

— Ich wollte am Abend mit dir reden.

— Das hast du bereits getan. Mit deinen Handlungen.

Maria verzog den Mund zu einem Lächeln, doch es geriet nervös.

— Was klammerst du dich denn so an diese paar Quadratmeter? Lukas ist dein Mann und kein Untermieter.

Anna wandte sich ihr zu.

— Noch ein Wort über Quadratmeter, und dieses Gespräch wird sehr kurz.

Maria zog die Augenbrauen hoch.

— Drohst du mir?

— Ich warne dich.

Lukas fuhr sich mit der Hand übers Gesicht. Er sah jetzt so aus wie vor den großen Familienessen, wenn ihm klar wurde, dass er es gleich allen gleichzeitig recht machen müsste — und dass das nicht gelingen würde.

— Maria, sei jetzt bitte einmal still, — sagte er leise.

— Warum soll ausgerechnet ich still sein? Ich werde hier behandelt, als säße ich auf der Anklagebank.

— Weil die Frage nicht an dich gerichtet ist, — schnitt Anna ihr das Wort ab. — Dich hat nicht der Kasten im Vorzimmer eingeladen und auch nicht das Sofa im Zimmer. Lukas hat dich hergebracht. Also spreche ich mit ihm.

Sie setzte sich auf die Kante des Sessels, ohne die Schuhe auszuziehen. Die Tasche legte sie neben sich. Das war eine alte Gewohnheit von ihr: Wenn ein Gespräch unangenehm wurde, setzte sie sich zuerst. Ein stehender Mensch verliert schneller die Beherrschung. Ein sitzender hält länger durch.

— Also. Du hast beschlossen, Maria hier wohnen zu lassen. Allein. Ohne Anruf, ohne Nachricht, ohne eine Frage. Stimmt das?

— Ich hab gewusst, dass du dich dagegenstellen wirst, — antwortete Lukas und schaute zur Seite.

— Das heißt, du hast es bewusst hinter meinem Rücken gemacht.

— Ich hab es gemacht, weil keine Zeit war.

— Für einen Anruf hätten vierzig Sekunden gereicht.

Er schwieg.

Maria schlug plötzlich mit der Hand auf ihren Oberschenkel, als wollte sie das Gespräch antreiben.

— Hört ihr euch eigentlich selber zu? Das wird ja lächerlich. Ich bin nicht auf Urlaub hergekommen. Ich hab echte Probleme. Oder bist du eine von den Frauen, denen es nur darum geht zu zeigen, wer hier die Hausherrin ist?

— Ich bin hier die Hausherrin, — sagte Anna.

Sie sagte es leise, aber nach diesen Worten schien die Luft im Zimmer kälter zu werden.

Lukas mischte sich sofort ein:

— Schluss jetzt. Wir werden hier nicht anfangen, Rechte gegeneinander aufzurechnen. Maria bleibt ein bisschen, danach findet sie etwas anderes.

Anna sah ihn so aufmerksam an, dass er den Blick senkte.

— Habt ihr schon besprochen, welches Zimmer freigemacht wird?

Er antwortete nicht gleich. Und genau das war die Antwort.

— Ich habe gefragt: Habt ihr schon besprochen, welches Zimmer freigemacht wird?

— Ich dachte, Maria wäre im großen Zimmer am besten aufgehoben. Sie arbeitet von daheim, sie braucht einen Tisch.

Anna atmete langsam durch die Nase aus.

— Im großen Zimmer steht mein Arbeitstisch. Meine Mappen. Mein Laptop. Meine Unterlagen. Und meine Sachen.

— Man könnte es vorübergehend umstellen …

Er brach ab. Zu spät fiel ihm ein, dass das Wort „umstellen“ in einer solchen Lage wie ein Urteil klang. Nicht über Möbel — sondern über Ordnung, Gewohnheiten und das Recht, über das eigene Zuhause zu verfügen.

Anna stand auf.

— Gut. Dann hört ihr mir jetzt beide sehr genau zu. Maria bleibt hier weder für eine Nacht noch für eine Woche noch für ein „wir schauen dann je nach Situation“.

Hedis Stube