— Du, Lukas, nimmst ihre Koffer, rufst ein Taxi und bringst deine Schwester dorthin, wo du sie untergebracht hättest, wenn es diese Wohnung nicht gäbe.
— Meinst du das jetzt ernst? — Maria lachte sogar kurz auf. — Um diese Uhrzeit?
— Ernsthafter geht es kaum.
— Und wenn ich wirklich nirgends hin kann?
— Das hättest du klären müssen, bevor du deine Sachen in eine fremde Wohnung schleppst.
Lukas’ Gesicht verdunkelte sich.
— So redest du nicht mit meiner Schwester.
— Und du hast nicht das Recht, über meine Wohnung zu verfügen.
— Schon wieder dieses „meine Wohnung, meine Wohnung“!
— Weil du mir gerade bewiesen hast, dass du es vergisst, sobald ich es nicht laut ausspreche.
Ein schweres Schweigen legte sich über den Raum. Maria war die Erste, die den Blick abwandte. Sie ging zum Fenster. Draußen wurde es bereits dämmrig, unten im Hof glitten die Scheinwerfer der Autos über die kahlen Äste der Bäume. Mit verschränkten Armen blieb sie dort stehen, und Anna erinnerte sich auf einmal erschreckend klar daran, wie alles mit dieser Familie angefangen hatte.
Am Anfang war Maria herzlich gewesen. Bei der Hochzeit hatte sie Anna umarmt, sie „Anni“ genannt, nach der Renovierung gefragt und ihren Geschmack gelobt. Später aber, als herauskam, dass Anna die Wohnung nicht von ihren Eltern bekommen hatte und sie ihr auch nicht einfach „zugefallen“ war, sondern dass sie sie noch vor Lukas selbst gekauft, jahrelang abbezahlt und dafür eisern gespart hatte, bekam Marias Stimme einen anderen Klang. Es war kein offener Neid. Schlimmer. Es war dieses herablassende Lächeln eines Menschen, der eine Tatsache zwar zur Kenntnis nimmt, sie aber trotzdem nicht für gerecht halten will.
— Du hast halt Glück gehabt, — hatte sie einmal beim Familienessen hingeworfen. — Das Wohnungsproblem ist bei dir erledigt.
Anna hatte damals noch ruhig geantwortet:
— Glück ist dafür nicht ganz das passende Wort.
Maria hatte nur die Schultern gezuckt.
— Ja eh, schon klar. Wir sind alle müde und geplagt.
Nach solchen Sätzen hatte Lukas meistens das Gesicht verzogen und gesagt:
— Maria, lass es. Warum musst du immer sticheln?
Aber echte Empörung hatte nie in seiner Stimme gelegen. Nur dieses matte Bedürfnis, die Kante ein bissl abzuschleifen. Als wäre nicht das, was seine Schwester sagte, das Problem, sondern der Umstand, dass Anna es hörte.
In den ersten zwei Ehejahren hatte Anna versucht, darüber hinwegzusehen. Menschen waren verschieden, Familien hatten unterschiedliche Umgangsformen, jeder redete anders. Sie wollte nicht zu einer Frau werden, die in jeder Bemerkung der Schwiegerverwandtschaft gleich eine Bedrohung witterte. Doch die Kleinigkeiten sammelten sich. Einmal kam Maria ohne vorher anzurufen vorbei. Ein anderes Mal nahm sie eine Handcreme aus dem Regal und meinte: „Ups, ich hab gedacht, dir ist das eh wurscht.“ Dann erklärte sie eines Tages, aus dem kleinen Zimmer sollte man endlich ein „ordentliches Schlafzimmer“ machen, weil es doch komisch sei, wenn Gäste kämen und „bei euch alles so unpraktisch“ wirke. Lukas bat Anna jedes Mal, sich nicht daran aufzuhängen.
— Sie ist halt direkt. Nimm’s dir nicht so zu Herzen.
Nur funktionierte Marias Direktheit immer nur in eine Richtung. Sie durfte fremde Dinge kritisieren, über fremde Zeit verfügen, in fremde Räume hineinregieren. Sobald man ihr aber im selben Ton antwortete, begann das Theater über Kränkung, Erschöpfung und „dann sag ich eben gar nichts mehr“.
Jetzt schaute Anna ihren Mann an und begriff plötzlich: Eigentlich ging es gar nicht nur um Maria. Maria war lediglich durch eine Tür gegangen, die man ihr aufgemacht hatte. Die eigentliche Frage stand ihr gegenüber, in Jogginghose und T-Shirt, und tat angestrengt so, als ließe sich alles mit ein paar beleidigten Blicken wieder einrenken.
— Ich warte, — sagte Anna.
— Worauf? — fuhr Lukas sie an.
— Dass du die Koffer nimmst.
— Ich bringe sie jetzt sicher nirgends hin.
Anna nickte, als hätte sie genau diese Antwort erwartet.
— Gut.
Sie holte ihr Handy heraus.
Maria drehte sich ruckartig um.
— Was machst du da?
— Ich löse das Problem auf die einzige Weise, die du und Lukas mir übriggelassen habt.
— Bist du narrisch? — Lukas machte einen Schritt auf sie zu. — Willst du wegen eines Familiengesprächs die Polizei rufen?
Anna sah zuerst auf den Bildschirm, dann zu ihm.
— Nein. Noch nicht. Den Schlüsseldienst.
Er wirkte für einen Moment vollkommen überrumpelt.
— Was für einen Schlüsseldienst?
— Einen ganz normalen. Damit morgen Früh die Schlösser getauscht werden.
Maria schlug mit der flachen Hand auf die Armlehne des Sessels.
— Das ist jetzt wirklich ein Zirkus.
— Nein, Maria. Der Zirkus war vor meiner Ankunft, als ihr beschlossen habt, ohne die Eigentümerin der Wohnung Übersiedlung zu spielen.
In Lukas’ linker Wange zuckte ein Muskel. Wenn er wirklich zornig wurde, schien diese Wange immer wie versteinert.
— Du machst alles nur schlimmer.
— Nein. Ich sorge dafür, dass sich der heutige Tag nicht wiederholt.
Er warf seiner Schwester einen kurzen Blick zu. Sie verstand ihn sofort und wandte sich ab. Zwischen den beiden huschte etwas Altes, längst Eingeübtes auf: Jetzt durchhalten, gemeinsam Druck machen, dann bleibt sie, Anna kühlt sich ab, die Nacht glättet alles. So hatten sie es wahrscheinlich geplant. Nicht ausgesprochen, aber darauf vertraut: Am Abend kocht es hoch, in der Früh ist schon wieder Ruhe.
Anna kannte diesen Mechanismus. Zuerst wird man vor vollendete Tatsachen gestellt. Danach heißt es, es sei nun zu spät zum Widersprechen, weil ja schon alles passiert sei. Dann soll man sich nicht so aufregen, weil es den anderen ohnehin schlecht genug gehe. Und nach einer Woche, vielleicht nach zwei, klebt die neue Wirklichkeit am Zuhause wie feuchter Staub auf dem Fensterbrett. Dann ist es anstrengender, sie wegzuwischen, als sich an sie zu gewöhnen. Genau darauf war es hinausgelaufen.
— Du hast fünf Minuten, — sagte sie zu Lukas. — Entweder ihr geht von selbst, oder ich rufe die Polizei und melde, dass sich Leute in meiner Wohnung befinden, die ich nicht hereingelassen habe.
— Bist du noch bei Verstand? — fragte er, diesmal leiser.
— Mehr als je zuvor.
Maria hob den Kopf.
— Lukas, hörst du das? Sie ist bereit, deine Schwester mit der Polizei hinauswerfen zu lassen. Da siehst du, wie sie wirklich zu uns steht.
— Verdreh es nicht, — sagte Anna. — Meine Haltung hast du in dem Moment gesehen, in dem du nicht einmal selbst bei mir angerufen hast. Du hättest meine Nummer wählen und sagen können: „Anna, ich hab ein Problem, kann ich ein paar Tage bei euch unterkommen?“ Aber das hast du nicht getan. Warum? Weil du die Antwort schon gekannt hast?
Maria wurde blass, presste aber sofort die Lippen zusammen.
— Weil man mit dir nicht normal reden kann.
— Normal wäre gewesen, zu fragen.
Lukas setzte sich plötzlich auf einen Stuhl und starrte auf den Boden. Das war kein gutes Zeichen. Es bedeutete, dass er nichts mehr regeln wollte. Er zog sich in seine schweigende Verteidigung zurück, aus der später zuverlässig der Satz wachsen würde: „Du hast alles kaputtgemacht.“
Und Anna erinnerte sich auf einmal an jenen Tag, an dem sie zum ersten Mal gespürt hatte, dass in ihrer Ehe ein Riss entstanden war — nicht durch einen Streit, sondern durch Lukas’ Gewohnheit, für sie beide zu entscheiden.
Das war fast ein Jahr her. Damals hatte er Maria ohne jede Absprache einen Schlüsselbund gegeben, angeblich nur, damit sie die Pflanzen gieße, während sie drei Tage weg seien. Anna hatte es zufällig erfahren, als sie die Schwester ihres Mannes zwei Tage vor der Abreise im Stiegenhaus traf.
— Ach, ich hab nur geschaut, ob der Schlüssel passt, — hatte Maria munter erklärt.
Anna hatte damals innerlich alles zusammengezogen, doch Lukas winkte wieder ab.
— Das ist doch nur für den Fall der Fälle.
Nur tauchte dieser „Fall der Fälle“ danach noch zweimal auf. Einmal kam Maria herein, um sich „nach dem Regen schnell umzuziehen“, weil sie gerade in der Nähe gewesen sei. Beim zweiten Mal wollte sie ein Ladegerät holen, das sie angeblich nach einem Familienessen vergessen hatte. Anna verlangte die Schlüssel zurück. Maria gab sie zurück. Allerdings mit einem Gesichtsausdruck, als hätte man ihr nicht den Zugang zu einer fremden Wohnung genommen, sondern eine wohlverdiente Auszeichnung entrissen.
Und jetzt standen Koffer im Vorzimmer. Kein Zufall. Eine Fortsetzung.
— Lukas, — sagte Anna, — ich sage es nicht noch einmal. Entweder du regelst das jetzt wie ein erwachsener Mensch, oder ich regle es selbst. Dann beschwer dich aber nicht über die Folgen.
Er hob den Kopf.
— Und was sollen das für Folgen sein? Drohst du mir jetzt mit Scheidung?
Sie hatte nicht damit gerechnet, dass er das so schnell aussprechen würde. Nicht einmal ängstlich klang es. Eher wie ein gereizter Wurf, mit dem man den anderen zum Zurückweichen zwingen will.
Anna sah ihn lange an.
— War das jetzt als Drohung gemeint oder als Vorschlag?
Lukas zuckte mit der Schulter.
— Ich sage nur, dass man so keine Familie führt.
— Eine Familie baut man nicht auf heimlichen Einzügen auf.
Maria packte plötzlich den Griff ihres Koffers.
— Gut, genug. Ihr braucht wegen mir kein Drama aufführen. Ich gehe jetzt.
Lukas sprang sofort auf.
— Wohin willst du denn gehen? Es ist schon Abend.
— Das ist nicht deine Sorge, — sagte Anna trocken. — Ihr Bruder hat beschlossen, dass meine Wohnung ein Ausweichquartier ist. Jetzt darf er auch anfangen, den Kopf zu benutzen.
Doch Maria ging nicht. Sie blieb stehen und sah Lukas an. In diesem Blick lag nicht der Wunsch, eine Lösung zu finden, sondern eine Forderung: Beweis mir, dass du auf meiner Seite bist. Anna hatte diesen Blick schon oft gesehen — am festlich gedeckten Tisch, in Nachrichten am Handy, bei kleinen häuslichen Reibereien. Die Schwester war daran gewöhnt, dass ihr Bruder sich früher oder später zwischen sie und jede Schwierigkeit stellte. Auch dann, wenn sie sich die Schwierigkeit selbst eingebrockt hatte.
