„Ich will meine Tochter sehen“ brachte er mit heiserer Stimme hervor, kurz vor der Hinrichtung

Unfassbare Ungerechtigkeit hing wie eine unerträgliche Last.
Geschichten

Kurz vor der Hinrichtung flüsterte seine achtjährige Tochter ihm etwas ins Ohr, das die Justizwachebeamten wie angewurzelt stehen ließ — und nur 24 Stunden später musste der gesamte Bundesstaat alles stoppen.

Unmittelbar bevor der zum Tod verurteilte Häftling durch eine tödliche Injektion sterben sollte, äußerte er seinen letzten Wunsch: Er wollte seine kleine Tochter sehen, die er seit drei Jahren nicht mehr in den Armen gehalten hatte.

Was das Kind ihm dann zuflüsterte, sprengte ein fünf Jahre altes Urteil auf, legte Korruption in der Justiz bis hinauf in höchste Kreise frei und brachte ein Geheimnis ans Licht, auf das niemand vorbereitet gewesen war.

Die Wanduhr zeigte Punkt 6:00 Uhr, als die Beamten die Zelle von Lukas öffneten. Fünf Jahre hatte er im Todestrakt der Huntsville Unit in Texas verbracht.

Fünf Jahre lang hatte Lukas seine Unschuld in Betonwände geschrien, die ihm niemals geantwortet haben. Jetzt, da ihn nur noch wenige Stunden von der festgesetzten Hinrichtung trennten, blieb ihm nur ein einziger Wunsch.

„Ich will meine Tochter sehen“, brachte er mit heiserer Stimme hervor. „Nur ein einziges Mal. Bitte, lassen Sie mich Anna sehen, bevor alles vorbei ist.“

Einer der Wachleute schaute ihn mit ehrlichem Mitleid an. Der andere schüttelte bloß den Kopf.

Trotzdem landete die Bitte schließlich auf dem Schreibtisch von Stefan, dem Gefängnisleiter — einem sechzigjährigen Veteranen, der bereits mehr Hinrichtungen beaufsichtigt hatte, als er sich eingestehen wollte.

An Lukas’ Fall hatte ihn von Anfang an etwas beunruhigt. Die Beweise hatten wasserdicht gewirkt: seine Fingerabdrücke auf der Waffe, Blut auf seiner Kleidung, dazu ein Nachbar, der behauptet hatte, ihn in jener Nacht aus dem Haus kommen gesehen zu haben.

Doch Lukas’ Augen hatten nie wie die eines Mörders ausgesehen.

Nach einem langen Schweigen gab Stefan die Anweisung:

„Bringen Sie das Kind herein.“

Drei Stunden später rollte ein weißer Dienstwagen des Staates auf den Parkplatz des Gefängnisses.

Hedis Stube