„Ich will meine Tochter sehen“ brachte er mit heiserer Stimme hervor, kurz vor der Hinrichtung

Unfassbare Ungerechtigkeit hing wie eine unerträgliche Last.
Geschichten

Eine Sozialarbeiterin stieg aus und half einem achtjährigen Mädchen aus dem Wagen. Das Kind hatte blondes Haar und ernste, blaue Augen, die viel älter wirkten, als sie sein konnten.

Anna ist den Gang der Justizanstalt entlanggegangen, ohne eine Träne zu vergießen. Kein Zittern, kein Schluchzen, kein panischer Blick. Sogar die Häftlinge sind verstummt, als sie an ihnen vorbeigeführt worden ist.

Im Besucherraum saß Lukas bereits am Tisch. Seine Hände steckten in Handschellen, die Kette war an der Tischplatte befestigt. Er wirkte schmäler, eingefallener, als Anna ihn in Erinnerung gehabt hatte, und die ausgebleichte orange Anstaltskleidung hing lose an ihm.

„Mein kleines Mädchen …“, hauchte er, während ihm die Tränen in die Augen stiegen.

Anna machte ein paar langsame Schritte auf ihn zu. Sie lief nicht. Sie weinte nicht.

Dann tat sie das Einzige, womit niemand gerechnet hatte.

Sie umarmte ihn.

Eine ganze Minute lang sagte keiner von beiden auch nur ein Wort.

Schließlich beugte sich Anna zu seinem Ohr und flüsterte ihm etwas zu, so leise, dass es sonst niemand im Raum verstehen konnte.

Was danach geschah, ließ sämtliche Justizwachebeamten erstarren.

Lukas wurde kreidebleich. Sein ganzer Körper begann zu beben. Er starrte seine Tochter an, und in seinem Blick lagen zugleich nackte Angst und ein plötzlich aufflammender Funke Hoffnung.

„Bist du dir ganz sicher?“, fragte er mit brüchiger Stimme.

Anna nickte.

Im nächsten Augenblick sprang Lukas so abrupt auf, dass der Sessel krachend nach hinten kippte.

„Ich bin unschuldig!“, schrie er. „Jetzt kann ich es beweisen!“

Die Beamten stürzten sofort auf ihn zu, weil sie glaubten, er würde sich widersetzen. Doch Lukas kämpfte nicht gegen sie an. Er weinte. Er schluchzte mit einer Verzweiflung, die anders klang als die hoffnungslose Stille der vergangenen fünf Jahre.

Stefan hatte die Szene über den Sicherheitsmonitor verfolgt.

Etwas war anders geworden.

Binnen einer Stunde fasste er einen Entschluss, der seine gesamte Laufbahn gefährden konnte. Er rief im Büro der texanischen Generalstaatsanwaltschaft an und beantragte einen Aufschub der Hinrichtung um 72 Stunden.

„Was für neue Beweise sollen das sein?“, verlangte die Stimme am anderen Ende der Leitung zu wissen.

Stefan starrte auf das eingefrorene Bild am Bildschirm: Annas Gesicht.

„Ein Kind, das Zeugin von etwas geworden ist“, sagte er leise.

Hedis Stube