„Und ich bin überzeugt, dass wir den falschen Mann verurteilt haben.“
Zweihundert Meilen entfernt, in einem Vorort von Dallas, ist Theresa, achtundsechzig Jahre alt und längst pensionierte Strafverteidigerin, beinahe das Häferl Kaffee aus der Hand gefallen, als sie den Bericht in den Nachrichten gesehen hat.
Ganz am Anfang ihrer Laufbahn hatte sie einmal einen Unschuldigen nicht retten können. Dieser Fehler hatte sich in ihr festgesetzt und sie über Jahrzehnte verfolgt.
Als sie nun im Fernsehen Lukas’ Augen gesehen hat, ist ihr dieser Blick sofort bekannt vorgekommen.
Noch am selben Tag hat Theresa begonnen, die Akten zum Mord an Lukas’ Ehefrau von vor fünf Jahren durchzuarbeiten.
Was sie darin entdeckt hat, hat ihr keine Ruhe mehr gelassen.
Der Staatsanwalt, der damals Lukas’ Verurteilung durchgebracht hatte — und heute als Richter Andreas bekannt war — stand in einer privaten Geschäftsbeziehung zu Lukas’ jüngerem Bruder Felix. Ausgerechnet Felix hatte kurz nach Lukas’ Festnahme den größten Teil des elterlichen Vermögens geerbt.
Noch merkwürdiger war, dass Lukas’ Frau Maria in den Wochen vor ihrem Tod Finanzunterlagen und juristische Dokumente durchforstet hatte.
Theresa begann, Verbindungen zu sehen, die andere offenbar nie hatten sehen wollen.
Anna war unterdessen seit dem Besuch im Gefängnis völlig verstummt. Im staatlichen Kinderheim, in dem sie seit sechs Monaten lebte — unter der Vormundschaft ihres Onkels Felix —, verständigte sie sich fast nur noch über Zeichnungen.
Eine davon stach besonders heraus.
Darauf war ein Haus zu sehen. Eine Frau lag am Boden. Über sie beugte sich ein Mann in einem blauen Hemd. Und im Gang kauerte eine zweite, winzige Gestalt, halb verborgen im Schatten.
Lukas hatte nie ein blaues Hemd besessen.
Felix dagegen trug beinahe ständig eines.
Weniger als dreißig Stunden blieben bis zur Hinrichtung, als Theresa einen Anruf von einem Mann erhielt, der seit fünf Jahren verschwunden war: Jonas, dem ehemaligen Gärtner der Familie.
„Ich habe gesehen, was in jener Nacht geschehen ist.“
