„Meine Mutter hat die Schachtel mitgenommen, während du nicht daheim warst“ sagte Michael beiläufig, Anna erstarrte mit dem Messer in der Hand

Diese stillen Lügen sind zutiefst verletzend und feige.
Geschichten

„Meine Mutter hat die Schachtel mitgenommen, während du nicht daheim warst“, sagte Michael und tippte dabei auf seinem Handy herum, als würde er bloß vom Wetter reden.

Anna stand an der Küchenarbeitsplatte, ein Messer in der Hand, vor ihr lag auf dem Schneidbrett ein halbierter Paprika. Der Satz war nicht laut gewesen. Gerade deshalb blieb ihre Hand mitten in der Bewegung stehen.

„Welche Schachtel?“, fragte sie leise und legte das Messer an den Rand des Bretts.

„Die mit dem Schmuck. Jetzt tu nicht so. Sie passt eh nur darauf auf. Sie hat gemeint, bei uns gibt es keinen Safe, und die Kleine greift überall hinein.“

Lena war sieben Jahre alt und hatte in ihrem ganzen Leben diese Schachtel nie angerührt. Anna wusste das. Michael wusste es genauso.

„Wann hat sie sie geholt?“, fragte Anna.

„Gestern. Oder vorgestern. Keine Ahnung, ich hab nicht darauf geachtet.“ Er hob kurz den Blick, sah ihr aber nicht in die Augen, sondern irgendwo an ihrem Ohr vorbei. „Wieso, ist irgendwas?“

Anna betrachtete ihren Mann. Seit siebzehn Jahren kannte sie dieses Gesicht, und seit siebzehn Jahren hatte sie gelernt, wann es besser war zu reden und wann Schweigen weniger kostete.

„Nein“, sagte sie. „Es ist nichts.“

An diesem Abend, als Michael eingeschlafen war, verließ sie das Schlafzimmer und öffnete den Kasten im Wohnzimmer. Ganz oben, hinter einem alten Schal, hatte sie die Schmuckschachtel aufbewahrt — zumindest hatte sie dort ihren Platz gehabt, solange noch etwas darin gewesen war. Anna nahm sie heraus und schüttelte sie vorsichtig. Nichts. Aus dem Samtfutter stieg sogar noch ein schwacher Hauch vom Parfum ihrer Mutter auf, ein Duft, der sich über die Jahre hineingesogen hatte.

„Fragst du sie zurück?“, sagte Anna am nächsten Morgen in der Küche zu Michael.

„Was?“ Er starrte in seinen Kaffee.

„Den Schmuck. Von deiner Mutter.“

„Ich hab dir doch gesagt, sie verwahrt ihn. Oder hast du Angst darum?“ Er zog die Augenbrauen hoch. „Meine Mutter stiehlt nicht, Anna.“

Sie stiehlt nicht. Anna hörte diese Worte, und in ihrer Brust drehte sich etwas langsam herum, wie ein Schlüssel im Schloss. Denn genau das hatte Michael auch vor drei Jahren gesagt, als er Barbara den Reserveschlüssel zur Wohnung gegeben hatte.

„Falls irgendwas ist, soll Mama hereinkommen können“, hatte er damals erklärt, und Anna hatte genickt. Was hätte sie sonst tun sollen? Seiner Schwiegermutter verweigert man keinen Schlüssel. Jedenfalls nicht, wenn es nach Michael ging.

Im ersten Monat ist nichts passiert. Im zweiten kam Anna von der Arbeit heim, und im Wohnzimmer hingen frisch gewaschene Vorhänge.

„Mama hat gesehen, dass sie schmutzig sind“, sagte Michael beim Abendessen. „Sie wollte nur helfen.“

„Sie waren nicht schmutzig. Ich hab sie vor zwei Wochen gewaschen.“

„Um Gottes willen, Anna. Sie hat die Vorhänge gewaschen. Kannst du dich nicht einmal freuen, wenn jemand mithilft?“

Anna antwortete nicht. Sie dachte nur: Jemand ist in unsere Wohnung gegangen, während ich nicht da war, und hat meine Sachen angegriffen. Ausgesprochen hat sie es nicht. Hätte sie es gesagt, hätte Michael gemeint, sie mache schon wieder ein Theater. Sagte sie nichts, blieben die Vorhänge trotzdem gewaschen.

Dann kamen die Samstage. Barbara sperrte am Vormittag mit ihrem Schlüssel auf, ging mit Straßenschuhen durch den Gang und machte den Kühlschrank auf.

„Bei uns ist es ausgegangen, Schatzerl“, sagte sie lächelnd und räumte ihr Sackerl voll. „Du kaufst ja eh wieder ein.“

Käse, Butter, drei Packungen Extrawurst, Sauerrahm. Woche für Woche. Anna rechnete nach: Im Monat verschwanden auf diese Weise fünfzig bis fünfundsechzig Euro einfach aus ihrem Kühlschrank.

„Michael, allein heute waren das dreizehn Euro“, sagte sie an einem solchen Samstagabend und hielt ihm den Kassabon hin.

„Das ist meine Mutter. In der Familie rechnet man Essen nicht gegeneinander auf.“ Er sprach aus dem Fauteuil heraus, mit dieser Stimme eines Lehrers, der einem langsamen Kind etwas Selbstverständliches erklärt.

„Aber ich hab es von meinem Gehalt gekauft.“

„Von unserem“, verbesserte er sie und wandte sich wieder dem Fernseher zu.

Anna blieb in der Küche stehen, den Bon noch immer in der Hand. Sie dachte: Jetzt gehe ich hinein und schreie. Aber sie ging nicht. Wenn sie laut geworden wäre, hätte Michael gesagt: „Warum bist du so?“ Und dieser Satz hätte sich schlimmer angefühlt als der fehlende Käse. Also begann sie, im Geschäft die doppelte Menge mitzunehmen und einen Teil extra in ein Sackerl zu legen, weil Barbara ihn ohnehin holen würde. Dann hörte sie sich selbst beim Denken zu, und ihr Magen zog sich zusammen, als ihr klar wurde, dass sie ihre eigene Plünderung bereits einplante.

Einmal kam sie früher von der Arbeit heim. Es war halb zwei, im Stiegenhaus war es still. Sie sperrte die Tür auf, und Barbara stand im Vorzimmer, ein Sackerl in der Hand.

„Jessas, Schatzerl, hast du mich erschreckt!“ Barbara legte sich die Hand aufs Herz. „Ich hab nicht gedacht, dass du so früh kommst.“

„Was nimmst du da mit?“, fragte Anna und schaute auf das Sackerl.

„Nichts Besonderes. Die Kleine ist aus ein paar Büchern herausgewachsen, und da war noch ein Tablett, das ihr ja sowieso nie verwendet.“

Anna schaute in das Sackerl.

Hedis Stube