Darin lagen Lenas drei Märchenbücher, eine Porzellanplatte – die Platte ihrer Mutter, auf der sie früher immer die Mehlspeisen aus der Küche hereingetragen hatte – und zwei Geschirrtücher.
„Das war die Platte von meiner Mama“, sagte Anna. Ihre eigene Stimme klang ihr dabei fremd: ausgetrocknet und eben, wie die obere Kante eines Gartenzauns zwischen zwei Nachbarn.
„Ach, das hab ich ja nicht gewusst, Schatzerl. Wenn du willst, stell ich sie wieder zurück.“
Barbara ging in die Küche, legte die Platte auf die Arbeitsfläche, nahm das Sackerl aber wieder mit. Wegen der Bücher sagte Anna nichts. Hätte sie etwas gesagt, hätte Barbara wieder diesen Satz gebracht: „Ich hab ja nur helfen wollen.“ Und Anna spürte, dass in ihr etwas zerbrechen würde, wenn sie das noch ein einziges Mal hören müsste – etwas, das sich nachher nicht mehr zusammenkleben ließ.
Am Abend sagte sie zu Michael: „Deine Mutter war da, während ich nicht daheim war. In ihrem Sackerl war die Platte von meiner Mama.“
„Sie hat sie eh zurückgestellt, oder?“ Michael schaute sie nicht einmal an.
„Weil ich sie erwischt hab.“
„Anna, bitte fang jetzt nicht damit an. Meine Mutter ist siebzig und allein. Daraus muss man keinen Krieg machen.“
„Ich mach keinen Krieg. Ich sag nur, sie könnte fragen, bevor sie Sachen aus meiner Wohnung mitnimmt.“
„Aus unserer Wohnung“, besserte Michael sie aus – zum zweiten Mal innerhalb von drei Monaten. Und Anna merkte, dass es bei dieser Korrektur nicht um Gemeinsamkeit ging, sondern darum, dass sie in allem, was „gemeinsam“ war, weniger zählte.
An einem Dienstagnachmittag machte sie Lenas Kasten auf. Der rosa Mantel war weg, die Stiefel ebenfalls, und drei Pullover fehlten auch.
„Mama hat die Sachen mitgenommen“, sagte Michael, noch bevor Anna fragen konnte. „Das Nachbarsmäderl braucht sie. Lena ist da sowieso schon rausgewachsen.“
„Ist sie nicht.“
„Doch. Mama hat gesagt, an den Schultern ist alles zu eng.“
„Michael.“ Anna stand vor dem offenen Kasten und spürte, wie sich ihr Hals zusammenzog. „Den Mantel hab ich vor zwei Monaten gekauft. Er hat fünfundvierzig Euro gekostet.“
„Trotzdem ist er ihr zu klein.“
„Nein. Der Mantel war von mir gekauft. Lena hat ihn geliebt. Gestern hat sie gefragt, wo er ist.“
„Und was hast du ihr gesagt?“
„Dass ihn die Oma mitgenommen hat. Weil das die Wahrheit ist.“
Michael seufzte auf diese Art, die bedeuten sollte, dass er der einzige Erwachsene im Raum war.
„Anna. Meine Mutter meint es gut. Verstehst du das denn nicht?“
Anna verstand es. Sie verstand es ganz genau. Sie verstand, dass Barbara nicht gefragt hatte, ob sie die Sachen nehmen durfte. Sie verstand auch, dass Michael ihr nichts davon gesagt hatte. Und sie verstand, dass es nicht um den Mantel ging, sondern darum, dass sie in ihrem eigenen Haushalt nicht entscheiden durfte, was blieb und was verschwand. Sie machte den Kasten zu und ging abwaschen.
Dann war das Nachtkastl dran. An einem Sonntagabend zog sie die Lade auf, und das kleine Lederetui war nicht mehr da. Darin hatte die letzte Ansichtskarte ihrer Mutter gelegen – vom Balaton, aus dem Jahr 1998: „Mein liebes Mädel, das Wasser ist warm und der Sonnenuntergang wunderschön“ – außerdem zwei Fotos: das Hochzeitsbild ihrer Mutter und ein gemeinsames Bild, auf dem Anna fünf Jahre alt war, auf dem Schoß ihrer Mutter saß und beide lachten.
„Keine Ahnung“, sagte Michael am Telefon, er war in der Garage. „Du hast es sicher irgendwo anders hingelegt.“
„Hab ich nicht. Seit fünf Jahren liegt es in dieser Lade.“
„Dann hat Lena damit gespielt.“
„Lena macht das Nachtkastl nicht auf. Und das weißt du genauso gut wie ich.“
In der Leitung wurde es still. Schließlich sagte Michael:
„Ich frag meine Mutter.“
Eine halbe Stunde später rief er zurück. Seine Stimme klang leicht, viel zu leicht.
„Mama sagt, sie hat beim letzten Putzen die alten Papiere und Fotos zusammengesammelt, weil alles so unordentlich war. Die Sachen sind bei ihr, sicher verwahrt.“
„Ich hab sie nicht gebeten, bei mir zu putzen.“
„Sie wollte doch nur helfen.“
„In diesem Etui war der Brief meiner Mutter, Michael. Meine Mutter hat mir auf dem Sterbebett ihren Ring gegeben, und dieser Ring war in dem Kästchen, das deine Mutter gestern mitgenommen hat. Nennst du das auch Hilfe?“
Michael schwieg. Dann sagte er leiser und vorsichtiger, als hätte er begriffen, dass das hier nicht mehr der übliche Ablauf war:
„Es ist ja nichts verloren gegangen. Mama hebt es auf. Wo ist jetzt das Problem?“
Anna legte auf. Sie setzte sich auf die Bettkante und ließ die Hände in den Schoß sinken. Sie weinte nicht. Sie dachte nur: Wenn ich schreie, heißt es, ich übertreibe. Wenn ich weine, heißt es, ich mache ein Drama. Wenn ich schweige, verschwindet morgen das Nächste. Also werde ich nicht schweigen. Aber schreien werde ich auch nicht. Ich mache etwas anderes.
Sie wartete, bis Michael eingeschlafen war. Dann ging sie ins Wohnzimmer, knipste die Leselampe an und holte ein altes Heft hervor. Aus dem Gedächtnis begann sie aufzuschreiben, was ihr in den vergangenen drei Jahren alles als fehlend aufgefallen war. Käse, Butter, Extrawurst – regelmäßig, fast jede Woche; geschätzter Wert pro Monat fünfzig bis fünfundsechzig Euro, über drei Jahre beinahe zweitausendfünfhundert Euro. Dann setzte sie bei Lena an.
