Aus dem Wagen stieg eine Sozialarbeiterin. An ihrer Hand hielt sie ein achtjähriges Mädchen mit hellem Haar und ernsten, blauen Augen.
Anna hat den langen Gang durch das Gefängnis durchquert, ohne eine einzige Träne zu vergießen. Kein Zittern, kein Wanken. Sogar die Häftlinge sind verstummt, als das Kind an ihren Zellen vorbeigeführt worden ist.
Im Besucherraum saß Lukas bereits am Tisch. Seine Handgelenke steckten in Handschellen, eine Kette hielt ihn an der Tischplatte fest. Er wirkte viel magerer, als Anna ihn in Erinnerung gehabt hat, und der ausgebleichte orange Overall ließ ihn noch zerbrechlicher erscheinen.
„Mein kleines Mädchen …“, brachte er nur flüsternd hervor, während sich Tränen in seinen Augen sammelten.
Anna machte langsam ein paar Schritte auf ihn zu. Sie lief nicht. Sie weinte auch nicht.
Dann tat sie das Einzige, womit niemand gerechnet hatte.
Sie umarmte ihn.
Eine ganze Minute lang blieb es still. Kein Wort fiel zwischen Vater und Tochter.
Schließlich beugte sich Anna zu seinem Ohr und flüsterte ihm etwas zu, so leise, dass es niemand sonst im Raum verstehen konnte.
Was danach geschah, ließ sämtliche Justizwachebeamte erstarren.
Lukas wurde kreidebleich. Ein Zittern ging durch seinen ganzen Körper. Er starrte seine Tochter an, und in seinem Blick lagen gleichzeitig nackte Angst und ein plötzlich aufflammender, beinahe fiebriger Hoffnungsschimmer.
„Bist du dir sicher?“, fragte er mit brechender Stimme.
Anna nickte.
Im nächsten Moment sprang Lukas so abrupt auf, dass der Sessel krachend nach hinten kippte.
„Ich bin unschuldig!“, schrie er. „Jetzt kann ich es beweisen!“
Die Wache stürzte sofort auf ihn zu, weil sie glaubte, er würde sich widersetzen. Doch Lukas kämpfte nicht gegen sie. Er weinte. Er schluchzte mit einer Verzweiflung, die anders war als die dumpfe Hoffnungslosigkeit, die ihn fünf Jahre lang umklammert hatte.
Michael beobachtete die Szene auf dem Sicherheitsmonitor.
Etwas war gekippt.
Binnen einer Stunde traf er eine Entscheidung, die seine gesamte Laufbahn gefährden konnte. Er rief im Büro des Generalstaatsanwalts von Texas an und verlangte einen Aufschub der Hinrichtung um 72 Stunden.
„Welche neuen Beweise sollen das bitte sein?“, fuhr ihn die Stimme am anderen Ende der Leitung an.
Michael starrte auf das eingefrorene Bild am Bildschirm: Annas Gesicht.
„Ein Kind, das etwas mitangesehen hat.“
