„Ich will meine Tochter sehen“ flehte er heiser, die Wache blieb wie angewurzelt stehen

Unfassbar ungerecht, diese letzte Bitte zerreißt Seelen.
Geschichten

„… und ich fürchte, wir haben den Falschen verurteilt“, fügte Michael mit gedämpfter Stimme hinzu.

Rund 320 Kilometer entfernt, in einem Vorort von Dallas, verschluckte sich Maria, eine 68-jährige pensionierte Pflichtverteidigerin, beinahe an ihrem Kaffee, als die Meldung über den Bildschirm lief.

Ganz am Anfang ihrer Laufbahn hatte sie einmal einen Unschuldigen nicht retten können. Dieser Fehler hatte sich wie ein Schatten an ihr festgekrallt und sie über Jahrzehnte hinweg nicht losgelassen.

Als sie nun im Fernsehen Lukas’ Augen sah, erkannte sie darin denselben Ausdruck wieder.

Keine paar Stunden später sass Maria bereits über der Akte zum Mord an Lukas’ Ehefrau, der fünf Jahre zurücklag. Seite um Seite arbeitete sie sich durch Vermerke, Protokolle und alte Beweislisten.

Was sie dabei fand, liess ihr keine Ruhe mehr.

Der Staatsanwalt, der damals die Verurteilung von Lukas durchgesetzt hatte — und der inzwischen als Richter Stefan bekannt war — hatte private geschäftliche Verbindungen zu Lukas’ jüngerem Bruder Tobias. Ausgerechnet Tobias hatte kurz nach Lukas’ Verhaftung den grössten Teil des elterlichen Vermögens geerbt.

Noch merkwürdiger war, dass Hannah, Lukas’ Frau, in den Wochen vor ihrem angeblichen Tod Finanzaufstellungen und juristische Unterlagen durchforstet hatte.

Maria begann, jene Punkte miteinander zu verbinden, die andere lieber übersehen hatten.

Anna hingegen war nach dem Besuch im Gefängnis völlig verstummt. In dem staatlichen Kinderheim, in dem sie seit sechs Monaten lebte — unter der Vormundschaft von Onkel Tobias —, sprach sie kaum noch ein Wort. Wenn sie etwas mitteilen wollte, tat sie es nur über Zeichnungen.

Eine davon stach besonders hervor.

Darauf war ein Haus zu sehen. Eine Frau lag am Boden. Über sie beugte sich ein Mann in einem blauen Hemd. Und weiter hinten, im Gang, kauerte eine kleine Gestalt, halb versteckt im Schatten.

Lukas hatte nie ein blaues Hemd besessen.

Tobias dagegen trug fast ständig eines.

Weniger als 30 Stunden vor der geplanten Hinrichtung klingelte bei Maria das Telefon. Am anderen Ende meldete sich ein Mann, der seit fünf Jahren wie vom Erdboden verschwunden gewesen war: Felix, der frühere Gärtner der Familie.

„Ich habe gesehen, was in jener Nacht passiert ist.“

Hedis Stube