Leonies rosaroter Mantel: fünfundvierzig Euro. Die Stiefel: fünfunddreißig. Drei Pullover: fünfundfünfzig. Leonies Bilderbücher: zwölf. Zwei Handtücher aus dem Bad: acht. Die Porzellanplatte: wieder zurückgebracht, aber der Wille dazu war dagewesen. Ein Kochtopf, den ihre Mutter ihr hinterlassen hatte: unbezahlbar. Die Ledermappe mit der Ansichtskarte und den Fotos: unbezahlbar. Der Inhalt der Schmuckschatulle — ein Goldring, silberne Ohrringe, eine Brosche: unbezahlbar.
„Eineinhalb Seiten“, sagte sie in das leere Zimmer hinein und legte den Kugelschreiber weg.
Im Licht der Lampe schaute Anna auf ihre eigene Schrift, und in ihr verschob sich etwas. Ihre Hände ballten sich nicht mehr, im Hals brannte nichts. Stattdessen legte sich etwas viel Leiseres auf ihre Brust: ein Satz, der von innen kam und nicht ausgesprochen werden musste. Also das war es.
„Claudia?“ Am nächsten Vormittag hielt sie das Handy ans Ohr. Sie kannten einander seit zwanzig Jahren. Claudia war Anwältin für Familienrecht, buk am Wochenende Kirschkuchen und formulierte unter der Woche Scheidungsanträge. „Kannst du mir bei etwas helfen?“
„Natürlich. Was ist los?“ Claudias Stimme war sofort hellwach, wie immer, wenn sie merkte, dass es ernst wurde.
Anna erzählte es ihr. Ohne Hast, ohne Übertreibung. Sie nannte die Posten, die Zeiträume, die Beträge in Euro.
Claudia ließ sie ausreden. Dann sagte sie:
„Fotografier das Heft ab. Alles, was du aufgeschrieben hast.“
„Mach ich.“
„Mach Fotos von den leeren Laden, vom leeren Kasten, von der Schatulle, von jedem Ort, an dem etwas fehlt. Wenn du alte Bilder hast, auf denen die Sachen zu sehen sind — Leonie in dem Mantel, du mit dem Schmuck, irgendwas —, such sie zusammen.“
„In Ordnung.“
„Druck außerdem die Kontoauszüge vom letzten halben Jahr aus. Die wöchentlichen Einkäufe stehen dort drauf, und dann können wir berechnen, wie viel du für Lebensmittel ausgegeben hast, die regelmäßig aus dem Kühlschrank verschwunden sind.“
„Verstanden.“
„Und Anna?“ Claudias Ton wurde weicher, aber nicht mitleidig. Eher genau, wie jemand, der Koordinaten durchgibt. „Lass das Schloss tauschen.“
„Meinst du das ernst?“
„Dein Name steht auch im Mietvertrag. Du bist nicht verpflichtet, einer dritten Person einen Schlüssel zu deiner Wohnung zu überlassen. Was da passiert ist, ist keine Hilfe und keine Fürsorge. Rechtlich gesehen ist das unbefugtes Betreten und die Wegnahme fremder Sachen.“
Anna stand in der Küche, das Telefon fest ans Ohr gedrückt. Am Kühlschrank hing Leonies Zeichnung: ein Haus, darin eine Familie — Mama, Papa, kleines Mädchen —, und rund um das Haus ein Zaun.
„Den Schlosser schick ich dir“, sagte Claudia. „Heute Nachmittag um drei. Das Ganze kostet sechzig Euro.“
„Passt.“
„Und sag Lukas nichts. Niemandem. Tu es einfach.“
Anna beendete das Gespräch. Sie betrachtete Leonies Bild am Kühlschrank, das Haus mit dem Zaun, und dachte: Du hast recht, mein Kind. Ein Haus braucht einen Zaun.
Der Schlosser kam schon um halb drei. Ein junger Mann, wortkarg und flink. Anna stand im Vorzimmer und sah zu, wie er den alten Schließzylinder herausnahm und den neuen einsetzte. Die ganze Sache dauerte keine zwei Minuten.
„Bitte, zwei Schlüssel“, sagte er und legte sie auf den Tisch. „Mit dem alten lässt sich die Tür nimmer aufsperren.“
Zwei Minuten, und was drei Jahre lang offengestanden war, war zu. Anna zahlte bar, aus dem eigenen Geldbörsel. Die neuen Schlüssel rochen nach Metall und waren kalt. Sie steckte beide in ihre Manteltasche. Den alten Schlüssel gab sie in ein Kuvert und schrieb darauf: „Ungültig.“ Dann schob sie das Kuvert in die Lade, neben das Heft.
Am Nachmittag fotografierte sie die ganze Wohnung ab. Die leere Schmuckschatulle, aufgeklappt auf dem Regal. Die Lade im Nachtkastl, in der früher die Ledermappe gelegen hatte. Leonies Kasten, in dem an der Stelle des Mantels nur ein leerer Kleiderbügel hing. Sie druckte die Kontoauszüge aus und unterstrich mit rotem Stift die wöchentlichen Einkäufe: jeweils zwanzig bis fünfundzwanzig Euro, von denen regelmäßig die Hälfte aus dem Kühlschrank verschwunden war. Alles fotografierte sie und schickte es Claudia.
„Angekommen“, schrieb Claudia am Abend zurück. „Morgen setze ich die Aufforderung auf. Bis dahin: Ruhe.“
Anna wollte ohnehin nicht reden. Ihre Schultern fühlten sich lockerer an als seit Wochen, und im Schlaf presste sie die Zähne nicht mehr aufeinander. Die beiden neuen Schlüssel drückten in ihrer Tasche. Für den Moment genügte das.
Zwei Tage später kam Lukas früher heim als sonst. Er rief aus dem Stiegenhaus an.
„Die Tür geht nicht auf“, sagte er ins Telefon.
„Ich hab das Schloss tauschen lassen“, antwortete Anna. „Ich komm und sperr dir auf.“
Unten im Stiegenhaus stand Lukas mit seiner Tasche. Sein Gesicht war rot angelaufen.
„Warum hast du das gemacht? Das ist auch meine Wohnung.“
„Ich weiß. Deshalb bekommst du einen Schlüssel.“ Anna drückte ihm einen der neuen Schlüssel in die Hand. „Deine Mutter bekommt keinen.“
