Lukas starrte auf den Schlüssel in seiner Handfläche, als hätte Anna ihm etwas hingelegt, dessen Sinn er nicht begreifen konnte.
„Drei Jahre lang hat sie einen Schlüssel zu dieser Wohnung gehabt“, sagte Anna. Ihre Stimme blieb ruhig, gerade und kühl, wie der Zeiger einer Waage. „In dieser Zeit hat sie uns regelmäßig den Wocheneinkauf aus dem Kühlschrank geholt. Sie hat Leonies Mantel mitgenommen, ihre Stiefel, drei Pullover und ihre Bilderbücher. Sie hat die Briefe meiner Mutter eingesteckt, ihre Fotos, ihren Schmuck. Kein einziges Mal hat sie gefragt. Und du hast jedes Mal gesagt: Meine Mutter meint es nur gut.“
Lukas zog die Schultern hoch. Anna kannte diese Bewegung. Gleich würde er sagen, sie übertreibe, sie mache aus allem ein Drama.
„Jetzt“, sagte sie, noch bevor er den Mund aufmachen konnte, „gibt es eine genaue Aufstellung von allem, was aus dieser Wohnung verschwunden ist. Ich habe den leeren Kasten fotografiert, die leere Schachtel, die leere Lade. Die Kontoauszüge habe ich ausgedruckt. Die Liste und die Belege liegen bei meiner Anwältin.“
„Anwältin?“ Lukas’ Gesicht veränderte sich, als hätte ihm jemand die Luft aus der Brust genommen. „Anna, das ist meine Mutter. Das ist eine Sache innerhalb der Familie.“
„Nein“, sagte Anna. „Das war einmal.“
Sie gingen schweigend hinauf. In der Wohnung stellte Lukas seine Tasche im Vorzimmer ab und blieb dort stehen, als wüsste er nicht, in welchen Raum er gehen sollte.
„Das meinst du nicht ernst“, sagte er leise.
„Deine Mutter hat den Ring meiner Mutter mitgenommen.“ Annas Stimme zitterte nicht. Sie hätte sich gewünscht, dass sie zitterte; das wäre irgendwie menschlicher gewesen, weicher. Aber ihre Hände blieben still, und in ihrer Brust saß seit Tagen diese kalte, klare Festigkeit, die sie aufrecht hielt. „Meine Mutter hat ihn sich am Sterbebett vom Finger gezogen und mir in die Hand gedrückt. Und du hast gesagt: Sie hebt ihn nur auf. Sag mir, Lukas, was soll das bedeuten?“
Lukas gab keine Antwort. Er ging ins Schlafzimmer und zog die Tür hinter sich zu. Anna hörte, dass er telefonierte — natürlich mit seiner Mutter. Zuerst sprach er gedämpft, dann lauter, dann wieder gepresst und hastig. Sie ging nicht zur Tür, um zu lauschen. Stattdessen setzte sie sich zurück in den Fauteuil und nahm ihr Buch hoch. Worum es auf der Seite ging, wusste sie nicht mehr. Es war auch nicht wichtig.
Barbara läutete am nächsten Morgen um neun. Anna öffnete, blieb aber in der Tür stehen und machte keinen Schritt zur Seite.
„Schatz“, sagte Barbara und lächelte. Es war dieses Lächeln, mit dem sie seit zwanzig Jahren alles geglättet, verschoben und für sich entschieden hatte. „Lukas hat mir gesagt, dass da ein Missverständnis passiert ist. Ich wollte doch nur helfen. Du weißt ja, ich helfe immer.“
„Ich weiß“, sagte Anna. „Und jetzt kannst du helfen, indem du alles zurückbringst, was du mitgenommen hast.“
Am Rand von Barbaras Lächeln entstand ein kleines Zittern, wie ein feiner Sprung in einer Porzellantasse.
„Aber das waren doch nur ein paar Kleidungsstücke und diese kleine Schachtel. Ich habe das ja nur aufgehoben, bis die Kleine größer ist, und—“
„Die Liste liegt bei meiner Anwältin“, unterbrach Anna sie. „Jeder Gegenstand ist darauf vermerkt, mit Datum und geschätztem Wert. Die Summe liegt bei über tausend Euro, und da ist der Schmuck noch gar nicht eingerechnet. Für den gibt es keinen Betrag, der ausdrücken könnte, was er mir bedeutet.“
Barbara hörte auf zu lächeln. Übrig blieb etwas Härteres, etwas Scharfes, das Anna bisher immer nur hinter der Hilfsbereitschaft geahnt hatte.
„Anna, das ist lächerlich. Ich habe nichts gestohlen. Wir sind Familie.“
„Du hast ohne meine Zustimmung wiederholt eine Wohnung betreten und daraus Wertgegenstände entfernt“, sagte Anna. Sie wusste, dass dieser Satz von Claudia stammte. Aber inzwischen gehörte er auch ihr, weil sie ihn sich eingeprägt hatte und weil er wahr war. „Das Schloss ist getauscht. Einen Schlüssel bekommst du nicht. Ich erwarte, dass die Sachen noch diese Woche wieder hier sind.“
Barbara sah sie einen Moment lang an. In diesem Blick lag alles: Überraschung, Wut, Berechnung und zuletzt, ganz schwach, das Begreifen, dass es diesmal nicht so laufen würde wie sonst.
„Sieht Lukas das auch so?“, fragte Barbara. Ihre Stimme war schmal geworden, wie eine Messerklinge.
„Ich sehe das so“, antwortete Anna. „Und in dieser Sache ist es egal, was Lukas denkt.“
Barbara drehte sich um und ging. Sie knallte die Tür zum Stiegenhaus nicht zu. Sie zog sie langsam und exakt ins Schloss, und gerade das war schlimmer als jedes Zuschlagen.
Am Abend, nachdem Leonie eingeschlafen war, ging Anna durch die Wohnung und machte, wie jeden Abend, ein Licht nach dem anderen aus. In der Küche blieb sie stehen, öffnete eine Lade und nahm das Kuvert mit dem alten Schlüssel heraus. Einen Augenblick lang hielt sie ihn in der Hand. Er war abgenützt, an den Kanten blank, vom jahrelangen Angreifen glatt geworden.
Dann ließ sie ihn in den Mistkübel fallen, zwischen Kaffeesud und Zwiebelschalen.
Sie ging zur Wohnungstür, steckte den neuen Schlüssel ins Schloss und sperrte zweimal zu. Das Klicken war leise, aber fest. So klang es, wenn in einem Zimmer endlich Ruhe einkehrte, nachdem alle gegangen waren.
