„Weil ich die Schlösser austauschen hab lassen, Lukas“, sagt Katharina ruhig, während ihr Ex-Mann wütend gegen die Tür tritt

Rücksichtslos, bedrohlich, doch längst überfällig und gerecht.
Geschichten

„Sag einmal, bist du noch ganz bei Trost? Warum lässt sich mein Schlüssel nicht mehr drehen?“

Lukas’ Stimme überschlug sich am Telefon beinahe. Er schnaufte schwer, und sogar durch den Lautsprecher war zu hören, wie seine wütenden Schritte im Stiegenhaus dumpf widerhallten.

Katharina stand im Vorzimmer und lehnte mit dem Rücken an der kühlen Fläche der neuen Wohnungstür. Draußen, keine zehn Zentimeter von ihr entfernt, tobte ihr Ex-Mann. Durch den Türspion sah sie seine Umrisse: das gerötete Gesicht, die offenstehende Jacke, die fahrigen Bewegungen. Immer wieder riss er an der Klinke und drückte mit der Schulter gegen die Tür.

„Weil ich die Schlösser austauschen hab lassen, Lukas“, sagte Katharina ruhig und gleichmäßig, während sie ihr Spiegelbild in der Front des Einbaukastens betrachtete. „Heute in der Früh war der Installateur da. Er hat ein ordentliches Sicherheitsschloss eingebaut.“

„Was redest du da für einen Unsinn? Welche Schlösser?“ Auf der anderen Seite krachte es dumpf; offenbar hatte Lukas mit dem Schuh gegen das Metall getreten. „Mach sofort auf! Ich brauch meine Winterreifen vom Balkon und die Kiste mit dem Werkzeug! Außerdem wollte ich noch ein paar Sachen holen.“

„Deine Sachen sind fertig zusammengeräumt“, erwiderte Katharina und blickte zu den vier großen karierten Taschen, die ordentlich nebeneinander bei der Schuhablage standen. „Die Reifen liegen auch schon im Gang, ich hab sie vom Balkon hereingerollt. Die Werkzeugtaschen sind ebenfalls da. Ruf dir ein Lastentaxi, dann bring ich dir alles hinunter ins Erdgeschoß. Oder du kommst selbst rauf und nimmst es mit. Aber in die Wohnung lasse ich dich nicht mehr.“

„Du bist ja krank!“ brüllte es gleichzeitig aus dem Handy und aus dem Stiegenhaus. „Das ist genauso meine Wohnung! Ich hab hier fünfzehn Jahre gewohnt! Ich hab renoviert! Diese Fliesen im Vorzimmer hab ich eigenhändig gelegt!“

Katharina lachte leise auf. Diese männliche, erstaunlich selektive Erinnerung verblüffte sie immer wieder. Die Wohnung hatte sie lange vor ihrer Bekanntschaft mit Lukas von ihrer Tante geerbt. Im Grundbuch stand ausschließlich ihr Name. Und die „Renovierung“, mit der ihr Ex-Mann bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit prahlte, hatte im Wesentlichen darin bestanden, dass er tatsächlich die Fliesen im Vorzimmer verlegt hatte – nachdem er zuvor die Hälfte des Materials ruiniert und die neue Sesselleiste mit Kleber verschmiert hatte. Die Tapeten hatte eine Firma angebracht, den Boden hatten Arbeiter verlegt, die Sanitäranlagen waren von Fachleuten getauscht worden. Bezahlt hatte all das Katharina aus ihren eigenen Ersparnissen. Lukas befand sich damals gerade wieder einmal in seiner dauerhaften Phase der „Selbstfindung“ und hielt sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser.

„Lukas, hör auf zu hämmern, du verschreckst die Nachbarn“, sagte Katharina und strich sich eine lose Haarsträhne aus dem Gesicht. „Laut Unterlagen gehört diese Wohnung mir. Wir sind rechtskräftig geschieden. Der Beschluss ist gültig. Einen Hauptwohnsitz hast du hier nie gehabt, weil du ja unbedingt bei deiner Mutter gemeldet bleiben wolltest, wegen irgendwelcher Vorteile bei den Betriebskosten. Also hast du auf diese Wohnfläche ungefähr so viele Ansprüche wie der Hausmeister vom Nebenhaus.“

Danach entstand eine schwere Stille. Durch den dicken Stahl der Tür hörte Katharina nur noch, wie ihr ehemaliger Mann angestrengt vor sich hin schnaufte.

Ihre Trennung war lang, zäh und kräftezehrend gewesen. Lukas war nicht einfach ins Ungewisse gegangen, sondern zu Leonie, der „verständnisvollen“ und „unkomplizierten“ Leonie. Sie arbeitete als Administratorin in jenem Fitnessstudio, in das Lukas seit einiger Zeit abends immer öfter gegangen war, angeblich um Stress abzubauen. Leonie war fünfundzwanzig, lachte hell über seine völlig unlustigen Witze und sah ihn mit großen, bewundernden Augen von unten herauf an. Katharina hingegen sah ihren Mann mit zweiundvierzig direkt an, ohne Verklärung und ohne Illusionen, und erwartete von ihm nichts weiter als eine selbstverständliche Beteiligung am Haushaltsbudget und an der Hausarbeit. Natürlich fiel der Vergleich in seinen Augen nicht zu ihren Gunsten aus.

An jenem Abend, als Lukas seinen ersten Koffer gepackt hatte, gab er sich unerträglich überlegen. Er sprach davon, dass man nur ein Leben habe, dass ihn der Alltag ersticke, dass er Leichtigkeit, Aufbruch und Inspiration brauche. Katharina hatte keine einzige Träne vergossen. Sie stand nur am Fenster, die Arme vor der Brust verschränkt, und sah zu, wie er seine teuren Hemden achtlos in die Tasche stopfte – jene Hemden, die sie ihm jeden Morgen gebügelt hatte.

Sie hatte geglaubt, mit seinem Auszug wäre alles vorbei. Doch Lukas sah das anders. Nachdem er in die Mietwohnung seiner neuen Muse übersiedelt war, behandelte er Katharinas Zuhause weiterhin wie ein kostenloses Lager, eine Wäscherei und eine praktische Zwischenstation. Er konnte an einem Samstagvormittag einfach auftauchen, mit seinem Schlüssel aufsperren, mit Straßenschuhen bis in die Küche gehen, Kaffee trinken, im Kühlschrank herumstöbern, seine Angelsachen mitnehmen und verschwinden, ohne sich darum zu kümmern, dass auf dem Tisch ein schmutziges Häferl zurückblieb.

Am Anfang hat Katharina das noch hingenommen und es auf die Trägheit einer langen Ehe geschoben.

Hedis Stube