„Weil ich die Schlösser austauschen hab lassen, Lukas“, sagt Katharina ruhig, während ihr Ex-Mann wütend gegen die Tür tritt

Rücksichtslos, bedrohlich, doch längst überfällig und gerecht.
Geschichten

Sie hat versucht, vernünftig mit ihm zu reden, hat ihn gebeten, seine Besuche wenigstens vorher anzukündigen. Doch irgendwann ist das Maß voll gewesen. Der endgültige Auslöser war ein Nachmittag, an dem Katharina früher als sonst von der Arbeit heimgekommen ist, mit einer Migräne, die ihr den Schädel zu sprengen schien. Kaum hatte sie aufgesperrt, sind ihr im Vorzimmer fremde weiße Sneakers mit klobiger Sohle aufgefallen. Aus dem Wohnzimmer drangen Lukas’ Lachen und die helle, aufgesetzte Stimme seiner neuen Flamme. Die beiden waren angeblich nur gekommen, um „die Winterjacke zu holen“, hatten es sich aber gleich auf Katharinas Sofa bequem gemacht und tranken Tee mit ihren Keksen.

Diesmal hat Katharina keine Szene gemacht. Wortlos ist sie in die Küche gegangen, hat aus dem kleinen Kasterl jene Schlüssel genommen, die Lukas unvorsichtigerweise auf der Kommode liegen gelassen hatte, und sie in ihre eigene Tasche gesteckt. Danach ist sie ebenso schweigend ins Wohnzimmer zurückgekehrt und hat den beiden zur Tür gedeutet. Lukas hat sich aufgeregt, Leonie hat theatralisch die Augen verdreht, aber am Ende sind sie gegangen. Am nächsten Morgen hat Katharina einen Schlüsseldienst bestellt.

„Katharina, jetzt übertreib doch nicht gleich“, rief Lukas hinter der Tür, und sein Ton kippte plötzlich von aggressiv zu schmeichelnd. Genau so hat er immer geklungen, wenn er wieder Geld für irgendeinen unnötigen Auto-Schnickschnack wollte. „Wir sind doch erwachsene Leute. Ja, wir sind geschieden, na und? Muss man deswegen gleich so radikal sein? Die Schlüssel brauch ich nur aus praktischen Gründen. Vielleicht kommt Post für mich, irgendwelche Schreiben oder Rechnungen. Und außerdem liegt die Hälfte von meinen Sachen noch bei dir.“

„Deine Post lege ich dir unten in den Briefkasten, den Schlüssel dafür hast du. Und deine Sachen stehen alle hier, fertig eingepackt in Sackerln und Taschen“, antwortete Katharina unbewegt. „Bestell dir einen Transport.“

„Ich hab aber grad kein Geld für irgendwelche Möbelpacker!“, brüllte Lukas wieder los. „Und ein Auto hab ich auch nicht! Ich bin mit dem Bus gekommen! Mach auf, ich stell die Taschen nur kurz ins Stiegenhaus, irgendwann hol ich sie dann. Und überhaupt muss ich aufs Klo!“

Katharina schloss für einen Moment die Augen. Diese kindische, manipulative Art machte sie nur noch müde.

„Im Einkaufszentrum ums Eck gibt es eine ausgezeichnete gratis Toilette, Lukas. Deine Sachen stelle ich vor die Wohnungstür. Wenn du sie bis heute Abend nicht abgeholt hast, rufe ich eine Reinigungsfirma, und die bringt alles zum Müll.“

Dann drückte sie auf ihrem Handy das Gespräch weg. Draußen war noch ein undeutliches Schimpfen zu hören, danach entfernten sich schwere Schritte die Stiege hinunter. Kurz darauf fiel unten die Haustür ins Schloss.

Katharina atmete langsam aus, löste sich vom Metallrahmen der Tür und ging in die Küche. Sie setzte den Wasserkocher auf. Ihre Hände zitterten noch leicht vor Anspannung, doch in ihr breitete sich ein unerwartetes Gefühl von Leichtigkeit aus. Sie hatte es wirklich getan. Den letzten Faden, an dem er sie noch hatte ziehen wollen, hatte sie durchtrennt.

Das Handy auf dem Tisch vibrierte erneut. Auf dem Display stand: „Barbara“. Ihre Schwiegermutter. Genauer gesagt: ihre ehemalige Schwiegermutter.

Katharina goss heißes Wasser in ihr Häferl, warf ein Sackerl Kamillentee hinein und tippte erst dann in aller Ruhe auf das grüne Symbol.

„Ja, Barbara, Grüß Gott.“

„Katharina, was ist denn bei euch los?“, begann die ältere Frau, ihre Stimme vibrierte vor Empörung und war zugleich voller gekünstelter Tragik. „Lukas hat mich gerade angerufen, der Bub war ja fast am Weinen! Er sagt, du hast ihn auf die Straße gesetzt, die Schlösser ausgetauscht und willst seine Sachen ins Stiegenhaus werfen! Hast du in deinem Alter gar kein Gewissen mehr?“

„Mit zunehmendem Alter werden Menschen im Idealfall vernünftiger, Barbara“, erwiderte Katharina ruhig, setzte sich an den Küchentisch und umklammerte das warme Häferl mit beiden Händen. „Hat Lukas Ihnen nicht erzählt, dass wir seit eineinhalb Monaten geschieden sind?“

„Was hat denn das mit der Scheidung zu tun?“, fuhr Barbara auf. „In Familien passiert allerhand! Man streitet, man rennt auseinander. Der Bub ist halt einmal ausgerutscht, wem passiert so etwas nicht? Diese junge aufgeputzte Tussi wird ihm eh bald langweilig, dann wäre er von selber wieder heimgekommen. Und du reißt gleich alle Brücken ab! Wie soll er denn jetzt nach Hause kommen?“

„Das ist nicht mehr sein Zuhause. Das ist meine Wohnung. Und er ist nicht einfach ausgerutscht, er hat sich ganz bewusst dafür entschieden, zu gehen und ein neues Leben anzufangen. Dann soll er dieses neue Leben bitte auch woanders aufbauen.“

„Deine Wohnung! Na hör einer an, plötzlich bist du die große Eigentümerin!“, kreischte Barbara. „Habt ihr etwa nicht in der Ehe dort gewohnt? Hat mein Sohn nicht seine ganze Seele in diese Bude gesteckt? Wir gehen vor Gericht! Wir holen uns die Hälfte! Für die Renovierungen, für die Möbel, für die verlorenen Jahre!“

Katharina nahm einen kleinen Schluck Tee. Die Kamille tat ihr gut und beruhigte sie.

„Barbara, ich respektiere Ihr Alter wirklich, aber bleiben wir bei den Tatsachen. Die Wohnung habe ich von meiner leiblichen Tante geerbt. Nach dem Gesetz fällt so ein Eigentum bei einer Scheidung nicht in die Aufteilung. Gemeinsame große Renovierungen hat es bei uns keine gegeben. Sämtliche Möbel sind von meiner Gehaltskarte bezahlt worden, die Rechnungen und Kontoauszüge liegen ordentlich in meiner Mappe. Lukas hat in den letzten fünf Jahren, wenn man großzügig rechnet, insgesamt vielleicht eineinhalb Jahre gearbeitet.“

Hedis Stube