„Weil ich die Schlösser austauschen hab lassen, Lukas“, sagt Katharina ruhig, während ihr Ex-Mann wütend gegen die Tür tritt

Rücksichtslos, bedrohlich, doch längst überfällig und gerecht.
Geschichten

Den Rest der Zeit ist er auf dem Sofa gelegen und hat nach seiner großen Berufung gesucht. Wenn Sie klagen wollen – bitte, nur zu. Dann darf Ihr Sohn halt die Gerichtskosten und den Rechtsanwalt zahlen. Ich bin sicher, Leonie wird von diesen Aussichten begeistert sein.“

Am anderen Ende der Leitung breitete sich ein schweres, zähes Schweigen aus. Barbara war keine dumme Frau. Sie hat sehr wohl begriffen, dass Katharina in jedem einzelnen Punkt recht hatte. Trotzdem versuchte sie, wie so oft, mit Druck und Frechheit durchzukommen, nur um ihren längst erwachsenen Sohn zu verteidigen.

„Du bist ein grausliches Weib, Katharina“, sagte die ehemalige Schwiegermutter schließlich bitter. „Kein Funken Mitgefühl hast du. Der Mann steht jetzt mit nichts da, und du freust dich auch noch. Wenigstens seine Sachen hättest du ihm ordentlich geben können, wie ein normaler Mensch.“

„Ich gebe ihm ausnahmslos alles zurück, was ihm gehört. Bis hin zu den alten Socken und den kaputten Angelruten. Die Taschen stehen im Vorzimmer. Wenn Sie sich solche Sorgen um Ihren Sohn machen, können Sie gern herkommen und ihm beim Abholen helfen. Alles Gute, Barbara. Und bleiben Sie gesund.“

Katharina beendete das Gespräch und stellte das Handy sofort auf lautlos. Sie hatte noch etwas zu Ende zu bringen.

Sie ging zurück ins Vorzimmer. Dort standen vier riesige karierte Tragetaschen, solche, wie man sie von Leuten kennt, die halbe Haushalte übersiedeln. Wie unförmige Hügel ragten sie nebeneinander auf. Zwei Abende lang hatte Katharina daran gearbeitet. Systematisch war sie jeden Kasten, jede Lade und jedes Fach durchgegangen. Sie hatte ausgeleierte T-Shirts herausgezogen, verwaschene Jeans, Kabel ohne erkennbaren Zweck, irgendwelche Autoteile, eine Sammlung leerer Biergläser, die Lukas aus unerfindlichen Gründen oben auf dem Kasten gehortet hatte. Sogar auf den Balkon war sie hinausgestiegen und hatte die Winterreifen hervorgeholt, die sie in feste Müllsäcke gepackt hatte.

Während sie seine Sachen zusammengeräumt hatte, war in ihr weder Traurigkeit noch Wehmut aufgekommen. Da war nur ein fast körperlicher Widerwille gewesen, gemischt mit gereizter Erschöpfung. Unglaublich, wie viel Gerümpel ein Mensch ansammeln konnte, der in dieses Zuhause nichts eingebracht hatte außer leeren Versprechen, Ausreden und Forderungen.

Katharina trat zur Wohnungstür, drehte den glänzenden Knauf des neuen Schlosses und schaute hinaus auf den Stiegenabsatz. Draußen war es still, niemand war zu sehen. Also begann sie, eine Tasche nach der anderen über die Schwelle zu ziehen. Sie waren schwer, die Griffe schnitten ihr in die Handflächen, doch sie biss die Zähne zusammen und schleppte sie hinaus. Danach rollte sie die vier Autoreifen hinaus und stellte sie ordentlich in die Ecke neben dem Lift.

Als Letztes brachte sie den Werkzeugkoffer hinaus. Ein schweres Kunststoffding, bedeckt mit einer Schicht Baustaub. Lukas hatte ihn vor ungefähr zehn Jahren gekauft, weil er damals groß angekündigt hatte, die Küchenmöbel selbst aufzubauen. Am Ende hatte er nach einer halben Stunde geflucht, alles liegen lassen und einen Monteur gerufen.

Nachdem nun sein gesamter Besitz vor der Tür stand, ging Katharina wieder in die Wohnung. Sie schloss ab. Zweimal drehte sie den Schlüssel im Schloss. Das satte Klicken des Mechanismus klang in ihren Ohren wie die schönste Musik der Welt.

Dann holte sie ein feuchtes Tuch und wischte den Boden im Vorzimmer gründlich auf. Sie entfernte die schmutzigen Spuren von Lukas’ Schuhen und den Staub, den die hinausgeschleppten Taschen hinterlassen hatten. Es ging ihr nicht nur darum, den Boden sauber zu bekommen. Sie wollte diesen Raum von ihm befreien. Von seiner schlechten Laune, von seinen ewigen Nörgeleien über angeblich versalzene Suppe, von dem billigen Rasierwasser, mit dem er sich vor Treffen mit seiner neuen Freundin regelrecht überschüttet hatte.

Ungefähr zwei Stunden vergingen. Katharina hatte sich inzwischen ein leichtes Abendessen gemacht, Fisch mit Gemüse im Rohr gebacken und leise Musik eingeschaltet. Sie saß an ihrem frisch abgewischten Tisch und genoss die ungewohnte Ruhe, als es plötzlich hartnäckig an der Tür läutete.

Das Läuten war lang, ungeduldig, fast aggressiv. Katharina legte langsam die Gabel zur Seite, tupfte sich mit der Serviette die Lippen ab und ging hinaus in den Gang.

Sie schaute durch den Spion. Auf dem Stiegenabsatz stand Lukas. Neben ihm trat Leonie unruhig von einem Fuß auf den anderen. Sie kaute nervös Kaugummi und starrte auf das Display ihres Handys. Ein Stück hinter den beiden wartete ein unbekannter Mann in blauem Arbeitsgewand, in der Hand einen massiven Werkzeugkoffer.

Katharinas Herz setzte für einen Moment aus. Doch gleich darauf zwang sie sich zur Ruhe. Sie hatte geahnt, dass es ungefähr so kommen würde.

„Katharina, mach auf!“, brüllte Lukas und hämmerte mit der Faust gegen die Tür. „Ich hab einen Fachmann mitgebracht! Wenn du es nicht im Guten verstehst, reißen wir dir deine tolle Tür samt Stock heraus! Ich hab das Recht, in die Wohnung zu gehen, wo meine Sachen sind!“

Leonie verzog genervt das Gesicht.

„Luki, wie lang dauert das denn noch? Mir ist kalt. Und überhaupt stinken diese Taschen nach altem Zeug. Wir sind doch wegen der Kaffeemaschine hergekommen, das hast du versprochen.“

Katharina sperrte auf, ließ die Tür aber an der dicken Stahlkette hängen, die sie vorsorglich gleich mit den neuen Schlössern hatte montieren lassen. Durch den schmalen Spalt zog ihr Zigarettenrauch entgegen.

„Grüß Gott“, sagte Katharina höflich und sah den fremden Mann im Arbeitsgewand direkt an.

Hedis Stube