„Weil ich die Schlösser austauschen hab lassen, Lukas“, sagt Katharina ruhig, während ihr Ex-Mann wütend gegen die Tür tritt

Rücksichtslos, bedrohlich, doch längst überfällig und gerecht.
Geschichten

„Sind Sie vom Aufsperrdienst?“

Der Handwerker nickte und verlagerte unsicher das Gewicht von einem Fuß auf den anderen. Ganz wohl schien ihm bei der Sache nicht zu sein.

„Ja, grüß Sie. Der junge Herr da hat angerufen“, erklärte er und deutete mit dem Kinn in Richtung Lukas. „Er hat gemeint, seine Frau habe die Schlüssel verloren und sie kämen nicht mehr in die Wohnung.“

„Dieser junge Herr“, sagte Katharina, jedes Wort klar und scharf gesetzt, „ist mein Ex-Mann. Die Wohnung steht in meinem alleinigen Eigentum. Sie ist nicht während der Ehe angeschafft worden. Dieser Herr ist hier nicht gemeldet, besitzt keinen Anteil und hat keinerlei Recht an dieser Adresse. Seine Sachen stehen neben Ihnen am Gang in diesen Taschen. Sollten Sie jetzt mit Ihrem Werkzeug auch nur meine Tür berühren, rufe ich auf der Stelle die Polizei. Dann erklären Sie bitte mit ihm gemeinsam, warum Sie versucht haben, sich unbefugt Zutritt zu einer fremden Wohnung zu verschaffen.“

Der Mann vom Aufsperrdienst trat so hastig zurück, als wäre das Türblatt plötzlich glühend heiß geworden. Dann fuhr sein Blick, nun deutlich verärgert, zu Lukas hinüber.

„Sag einmal, Chef, willst du mich pflanzen?“, knurrte er. „Für Familienstreitigkeiten bin ich nicht bestellt worden. Hast du hier eine Meldebestätigung? Einen Eigentumsnachweis? Irgendwas?“

Lukas lief dunkelrot an. Fahrig klopfte er die Taschen seiner Jacke ab, als könnten dort plötzlich Dokumente auftauchen, die es gar nicht gab.

„Was soll der Blödsinn!“, stieß er hervor. „Wir haben fünfzehn Jahre hier gewohnt! Da drinnen sind meine Sachen! Geräte! Sie soll mir wenigstens die Kaffeemaschine geben! Und den Fernseher aus dem Schlafzimmer! Den haben wir zusammen gekauft!“

„Zusammen?“ Katharinas Augen wurden hinter dem schmalen Türspalt kühl und schmal. „Der Fernseher ist auf meinen Namen auf Kredit gekauft worden, und ich habe ihn eineinhalb Jahre lang von meinen Prämien abbezahlt. Die Kaffeemaschine habe ich von meinen Kolleginnen und Kollegen zum runden Geburtstag bekommen. Garantieschein und Rechnungen liegen bei meinen Unterlagen.“

„Du geldgierige Hexe!“, spuckte Lukas, dem nun endgültig jede Beherrschung entglitt. „Leonie hat recht, du bist einfach eine alte, neidische Giftspritze! Ersticken sollst du an deiner Wohnung und an deinen blöden Kaffeemaschinen!“

Leonie schnaubte laut auf und zog ihre Handtasche wieder auf die Schulter, von der sie halb heruntergerutscht war.

„Luki, bitte, gehen wir endlich“, sagte sie mit gequälter Stimme. „Mir ist das peinlich, hier so herumzustehen. Nimm deine Sachen, dann fahren wir. Ich will Abend essen. Du kaufst mir halt eine neue Kaffeemaschine, eine bessere als die da.“

Der Mann vom Aufsperrdienst hatte unterdessen genug gehört. Wortlos drehte er sich um und stapfte die Stiege hinunter. Dabei murmelte er etwas über verrückte Kundschaften, wegen denen man nur Zeit verliere.

Lukas versetzte der nächststehenden karierten Tasche einen wütenden Tritt.

„Ruf ein Taxi“, brummte er Leonie zu.

„Wieso ich?“, fuhr sie auf. „Auf meiner Karte ist nur noch Geld für die Maniküre. Du bist doch der Mann, also bestell du eines.“

„Mein Handy ist gleich leer“, log Lukas und sah zur Seite.

Katharina wusste genau, dass das nicht der wahre Grund war. Bis zu seinem nächsten Gehalt dauerte es noch eine Woche, und alles, was er frei verfügbar gehabt hatte, war im ersten Monat seines angeblich neuen, unabhängigen Lebens für schicke Pflege, Ausgehen und Restaurantbesuche draufgegangen.

Ohne ein weiteres Wort machte Katharina die Tür zu, nahm die Kette ab und sperrte das Schloss mit allen Umdrehungen zu. Draußen war noch ungefähr zehn Minuten lang dumpfes Gezanke zu hören. Leonie jammerte, Lukas fauchte zurück und zerrte die schweren Taschen zum Lift. Schließlich setzte sich der Lift in Bewegung und fuhr nach unten, als nähme er die letzten Reste der Vergangenheit mit.

Im Vorzimmer breitete sich eine vollkommene, fast klingende Stille aus.

Katharina lehnte die Stirn gegen das kühle Metall der Tür. Triumph empfand sie nicht. Auch keine Schadenfreude. Nur eine riesige, bodenlose Müdigkeit, wie nach einer schweren Krankheit, wenn das Schlimmste überstanden ist und der Körper erst langsam begreift, dass er überlebt hat.

Sie ging ins Bad, drehte das warme Wasser auf und wusch sich lange die Hände mit Seife. Sorgfältig spülte sie den Schaum ab, als müsse sie etwas Unsichtbares loswerden. Dann hob sie den Blick zum Spiegel. Unter ihren Augen lagen dunkle Schatten, doch ihr Blick war klar. Fest. Wach.

Keine fremden schmutzigen Schuhe mehr in ihrem Zuhause. Keine Vorwürfe mehr. Keine faulen Kompromisse, bei denen sie selbst jedes Mal den Preis zahlte.

Am nächsten Morgen wachte Katharina früh auf, ganz ohne Wecker. Sonnenlicht drang durch die schmalen Spalten der Jalousien und zeichnete goldene Streifen an die Wand. Die Wohnung wirkte ungewohnt weit und hell. Lukas’ Abwesenheit fühlte sich nicht mehr wie ein Loch an. Sie fühlte sich an wie Platz. Wie Luft. Wie Raum für ein eigenes Leben.

Katharina machte sich Kaffee in genau jener umstrittenen Kaffeemaschine, goss ihn in eine feine Porzellantasse, die sie früher nur an Feiertagen aus dem Kasten geholt hatte, und trat hinaus auf die Loggia. Ohne die alten Winterreifen war es dort viel lichter geworden.

Sie ließ den Blick über die Stadt schweifen, die unten langsam erwachte, nahm einen Schluck von dem heißen, bitteren Getränk und lächelte.

Das Leben begann erst jetzt. Und die Schlüssel dazu lagen von nun an ausschließlich in ihrer eigenen Hand.

Hedis Stube