„Bist du jetzt völlig übergeschnappt? Warum lässt sich mein Schlüssel nicht mehr drehen?“
Lukas’ Stimme überschlug sich am Telefon beinahe. Er schnaufte schwer, und selbst durch den Lautsprecher war zu hören, wie seine wütenden Schritte im Stiegenhaus widerhallten.
Anna stand im Vorzimmer und lehnte mit dem Rücken an der kühlen Fläche der neuen Wohnungstür. Draußen, kaum zehn Zentimeter von ihr entfernt, tobte ihr Ex-Mann. Durch den Spion konnte sie seinen Umriss erkennen: rotes Gesicht, die Jacke offen, riss er wie rasend an der Schnalle und stemmte sich mit der Schulter gegen die Tür.
„Weil ich die Schlösser austauschen hab lassen, Lukas“, antwortete Anna ruhig und gleichmäßig, während sie ihr Spiegelbild im Kasten betrachtete. „Heute in der Früh war der Installateur da. Er hat ein ordentliches Sicherheitsschloss eingebaut.“
„Was redest du da für einen Blödsinn? Welche Schlösser?“ Von der anderen Seite kam ein dumpfer Schlag; offenbar hatte Lukas mit dem Schuh gegen das Metall getreten. „Mach sofort auf! Ich brauche meine Winterreifen vom Balkon und die Kiste mit dem Werkzeug! Außerdem wollte ich noch ein paar Sachen holen.“

„Deine Sachen sind schon zusammengepackt.“ Anna sah zu den vier großen karierten Taschen hinüber, die sauber in einer Reihe neben dem Schuhregal standen. „Die Reifen liegen auch im Gang, ich hab sie vom Balkon hereingerollt. Die Werkzeugtaschen sind ebenfalls da. Ruf dir ein Lastentaxi, dann bring ich dir alles hinunter ins Erdgeschoß. Oder du kommst selbst rauf, aber in die Wohnung lasse ich dich nicht mehr.“
„Du bist ja krank!“ brüllte es zugleich aus dem Handy und aus dem Stiegenhaus. „Das ist auch meine Wohnung! Ich hab hier fünfzehn Jahre gewohnt! Ich hab renoviert! Diese Fliesen im Vorzimmer hab ich eigenhändig verlegt!“
Anna lachte leise auf. Diese männliche Erinnerung, die sich nur das Passende herauspickte, erstaunte sie immer wieder. Die Wohnung hatte sie von ihrer Tante geerbt, lange bevor sie Lukas überhaupt kennengelernt hatte. Eingetragen war sie ausschließlich auf ihren Namen. Und die vielbeschworene „Renovierung“, mit der ihr Ex-Mann bei jeder Gelegenheit hausieren ging, bestand darin, dass er tatsächlich die Fliesen im Vorzimmer gelegt hatte – nachdem er vorher die Hälfte des Materials ruiniert und die neue Sockelleiste mit Kleber verschmiert hatte. Die Tapeten hatte eine Partie Handwerker angebracht, den Laminatboden hatten Arbeiter verlegt, die Sanitärsachen waren von Fachleuten ausgetauscht worden. Bezahlt worden war alles von Annas eigenen Ersparnissen. Lukas befand sich damals gerade wieder einmal in seinem dauerhaften Zustand der „Selbstfindung“ und hielt sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser.
„Lukas, hör auf zu klopfen, du verschreckst noch die Nachbarn“, sagte Anna und strich sich eine lose Haarsträhne aus dem Gesicht. „Laut Unterlagen ist das mein Eigentum. Wir sind rechtskräftig geschieden. Der Beschluss gilt. Du warst hier nicht einmal gemeldet, weil du dich selbst nie von deiner Mutter abmelden wolltest, wegen irgendwelcher Begünstigungen bei den Betriebskosten. Deine Rechte an dieser Wohnung sind also ungefähr so groß wie die vom Hausmeister aus dem Hof.“
Danach wurde es für einen Moment beklemmend still. Durch den dicken Stahl der Tür hörte Anna nur noch, wie ihr Ex-Mann gepresst atmete.
Ihre Trennung hatte sich lange hingezogen und sie völlig ausgelaugt. Lukas war nicht einfach ins Nichts verschwunden; er war zu Sophie gegangen, dieser „verständnisvollen, unkomplizierten“ Frau. Sophie arbeitete als Empfangsdame in einem Fitnessstudio, in das Lukas abends plötzlich regelmäßig gegangen war, angeblich um Stress abzubauen. Sie war fünfundzwanzig, lachte hell über seine schlechten Witze und sah ihn mit weit aufgerissenen Augen bewundernd von unten her an. Anna hingegen war zweiundvierzig, blickte ihrem Mann ohne Illusionen direkt ins Gesicht und verlangte ganz schlicht, dass er sich am Familienbudget und an der Hausarbeit beteiligte. Natürlich fiel der Vergleich in Lukas’ Augen nicht zu ihren Gunsten aus.
An jenem Abend, als Lukas seinen ersten Koffer packte, gab er sich unerträglich überlegen. Er hielt Vorträge darüber, dass man nur ein Leben habe, dass ihn der Alltag ersticke, dass er Aufbruch, Leichtigkeit und Inspiration brauche. Anna vergoss keine einzige Träne. Sie stand nur mit verschränkten Armen am Fenster und sah zu, wie er achtlos seine teuren Hemden in die Tasche warf – jene Hemden, die sie ihm jeden Morgen gebügelt hatte.
Sie hatte geglaubt, mit seinem Auszug wäre alles vorbei. Lukas sah das anders. Nachdem er in die Mietwohnung seiner neuen Muse übersiedelt war, betrachtete er Annas Zuhause weiterhin als Gratislager, Waschsalon und Zwischenstation. Er konnte an einem Samstagvormittag ganz selbstverständlich auftauchen, mit seinem Schlüssel aufsperren, mit Straßenschuhen bis in die Küche gehen, Kaffee trinken, im Kühlschrank herumkramen, seine Angelsachen mitnehmen und dann verschwinden, während er ein schmutziges Häferl auf dem Tisch stehen ließ.
Am Anfang hat Anna das noch ertragen und sich eingeredet, es seien bloß die Nachwirkungen einer langen Ehe.
