„Weil ich die Schlösser austauschen hab lassen, Lukas“ sagte sie ruhig und ließ ihn wütend draußen vor der Tür stehen

Feige Wut prallt auf bewundernswerte, ruhige Entschlossenheit.
Geschichten

Sie hat versucht, mit ihm zu reden, hat ihn gebeten, seine Besuche wenigstens vorher anzukündigen. Doch endgültig gereicht hat es ihr an jenem Tag, an dem sie wegen einer furchtbaren Migräne früher als sonst von der Arbeit heimgekommen ist. Kaum hatte sie aufgesperrt, standen im Vorzimmer fremde weiße Sneakers mit absurd dicker Sohle. Aus dem Wohnzimmer drangen Lukas’ Lachen und die helle Stimme seiner neuen Flamme. Die beiden waren angeblich nur vorbeigekommen, um „die Winterjacke mitzunehmen“, hatten es sich aber gleich auf Annas Sofa bequem gemacht und tranken Tee zu ihren Keksen.

Anna hat damals keinen Auftritt hingelegt. Kein Schreien, keine Szene. Sie ist wortlos in die Küche gegangen, hat aus dem Kasterl Lukas’ Schlüssel genommen, die er leichtsinnigerweise auf der Ablage liegen gelassen hatte, und sie in ihre eigene Tasche gesteckt. Danach hat sie ebenso schweigend zur Wohnungstür gezeigt. Lukas hat sich empört, Sophie hat theatralisch die Augen verdreht, aber am Ende sind beide gegangen. Am nächsten Morgen hat Anna den Installateur bestellt.

„Anna, jetzt stell dich doch nicht so an“, rief Lukas von draußen, und sein Ton kippte schlagartig von aggressiv zu schmeichlerisch. Genau diese Stimme hatte er immer verwendet, wenn er Geld für irgendeinen seiner endlosen Auto-Schnickschnacks gebraucht hatte. „Wir sind doch erwachsene Leute. Ja, wir sind geschieden, na und? Muss man deshalb gleich so radikal werden? Die Schlüssel brauch ich nur der Bequemlichkeit halber. Falls Post kommt oder irgendein Bescheid von mir. Außerdem liegt noch die Hälfte von meinen Sachen bei dir.“

„Deine Post lege ich dir unten in den Briefkasten, den Schlüssel dazu hast du. Und deine Sachen stehen alle in Sackerln bereit“, antwortete Anna fest. „Organisier dir ein Auto.“

„Ich hab aber jetzt kein Geld für Übersiedlungsleute!“, fuhr Lukas wieder hoch. „Und ein Auto hab ich auch nicht! Ich bin mit dem Bus gekommen! Mach auf, ich stell die Sackerln nur ins Stiegenhaus, ich hol sie dann irgendwann. Und überhaupt muss ich aufs Klo!“

Anna schloss kurz die Augen. Diese kindische Opferhaltung, diese ständige Erpresserei mit Alltagsnöten – sie war es so leid.

„Im Einkaufszentrum ums Eck gibt es eine sehr saubere kostenlose Toilette, Lukas. Die Sackerln stelle ich dir vor die Wohnungstür. Wenn du sie bis heute Abend nicht abholst, rufe ich eine Reinigungsfirma, und die bringt den ganzen Krempel zum Mistplatz.“

Dann drückte sie auf ihrem Handy auf Auflegen. Hinter der Tür war dumpfes Fluchen zu hören, anschließend entfernten sich schwere Schritte die Stiege hinunter. Unten schlug die Haustür zu.

Anna atmete aus, löste sich vom metallenen Türstock und ging in die Küche. Sie setzte den Wasserkocher auf. Ihre Hände zitterten noch ein wenig vor Anspannung, doch in ihr breitete sich eine fast unwirkliche Leichtigkeit aus. Sie hatte es tatsächlich getan. Sie hatte den letzten Faden durchschnitten, an dem er sie noch wie eine Marionette zu bewegen versucht hatte.

Das Handy auf dem Tisch vibrierte erneut. Auf dem Display erschien: „Barbara“. Ihre Schwiegermutter. Genauer gesagt: ihre ehemalige Schwiegermutter.

Anna goss heißes Wasser in ein Häferl, ließ einen Beutel Kamillentee hineinfallen und nahm erst dann, ganz ohne Eile, das Gespräch an.

„Ja, Barbara, grüß Gott.“

„Anna, was spielt sich da bei euch ab?“, schallte ihr die Stimme der älteren Frau entgegen, bebend vor Empörung und voll von übertriebenem Pathos. „Lukas hat mich gerade angerufen, der Bub ist fast am Weinen! Er sagt, du hast ihn auf die Straße gesetzt, die Schlösser austauschen lassen und schmeißt seine Sachen ins Stiegenhaus! Hast du auf deine alten Tage jetzt völlig dein Gewissen verloren?“

„Auf seine alten Tage wird man normalerweise eher gescheiter, Barbara“, erwiderte Anna ruhig, setzte sich an den Küchentisch und umfasste das heiße Häferl mit beiden Händen. „Hat Lukas Ihnen nicht erzählt, dass wir seit eineinhalb Monaten geschieden sind?“

„Was hat denn die Scheidung damit zu tun?“, empörte sich Barbara. „In Familien passiert so etwas halt! Man streitet, man läuft auseinander, man beruhigt sich wieder. Der Bub ist einmal gestrauchelt, das kommt vor. Diese junge aufgetakelte Funsen wird ihm ohnehin bald fad, dann wäre er von selber heimgekommen. Aber du reißt gleich alle Brücken ein! Wie soll er denn jetzt nach Hause kommen?“

„Das ist nicht mehr sein Zuhause. Das ist meine Wohnung. Und er ist nicht gestrauchelt, Barbara. Er hat sich bewusst dafür entschieden, wegzugehen und ein neues Leben anzufangen. Dann soll er dieses neue Leben bitte auch auf eigenem Boden aufbauen.“

„Deine Wohnung! Schau an, auf einmal bist du die große Eigentümerin!“, kreischte Barbara beinahe. „Und dass ihr verheiratet wart, zählt gar nichts? Dass mein Sohn in dieses Loch seine ganze Seele hineingesteckt hat, ist dir wurscht? Wir gehen vor Gericht! Wir klagen die Hälfte ein! Für die Renovierung, für die Möbel, für all die vergeudeten Jahre!“

Anna nahm einen kleinen Schluck Tee. Die Kamille wirkte angenehm beruhigend.

„Barbara, ich respektiere Ihr Alter wirklich“, sagte sie sachlich, „aber bleiben wir bitte bei den Tatsachen. Die Wohnung habe ich von meiner leiblichen Tante geerbt. Nach dem Gesetz fällt geerbtes Vermögen bei einer Scheidung nicht in die Aufteilung. Eine gemeinsame große Renovierung hat es nie gegeben. Sämtliche Möbel wurden von meiner Gehaltskarte bezahlt, die Rechnungen und Kontoauszüge liegen ordentlich in meiner Mappe. Und was Lukas’ Beitrag in den letzten fünf Jahren betrifft, sollten wir besser sehr genau hinschauen.“

Hedis Stube