Er ist höchstens eineinhalb Jahre wirklich arbeiten gegangen, den Rest der Zeit ist er am Sofa gelegen und hat nach seiner angeblichen Bestimmung gesucht. Wenn Sie klagen wollen – bitte. Nur wird Ihr Sohn dann die Gerichtskosten und den Anwalt zahlen müssen. Ich bin sicher, Sophie wird von solchen Aussichten hellauf begeistert sein.“
Am anderen Ende der Leitung breitete sich ein schweres, zähes Schweigen aus. Barbara war keine einfältige Frau. Sie wusste ganz genau, dass Anna in jedem einzelnen Punkt recht hatte. Nur hatte sie es aus Gewohnheit wieder mit Druck versucht, um ihren längst erwachsenen Sohn zu verteidigen, als wäre er noch immer ihr kleines, hilfloses Kind.
„Du bist ein hartes Weib, Anna“, sagte die ehemalige Schwiegermutter schließlich bitter. „Kein Funken Mitgefühl ist in dir. Der Mann steht jetzt mit nichts da, und du freust dich auch noch darüber. Wenigstens seine Sachen hättest du ihm ordentlich geben können, wie ein normaler Mensch.“
„Ich gebe ihm ausnahmslos alles zurück, was ihm gehört. Bis hin zu den alten Socken und den kaputten Angeln. Die Taschen stehen im Vorzimmer. Wenn Sie sich so große Sorgen um Ihren Sohn machen, kommen Sie her und helfen Sie ihm beim Abholen. Alles Gute, Barbara. Und bleiben Sie gesund.“
Anna beendete das Gespräch und stellte das Handy auf lautlos. Was sie begonnen hatte, musste sie jetzt auch zu Ende bringen.
Sie ging zurück in den Vorraum. Dort standen vier riesige karierte Taschen, wie man sie sonst von Leuten kennt, die halbe Haushalte transportieren. Unförmig und schwer wirkten sie, wie kleine Berge. Zwei Abende lang hatte Anna sie gepackt. Systematisch war sie jeden Kasten, jede Lade und jedes Regal durchgegangen. Sie hatte seine ausgeleierten T-Shirts hervorgezogen, verwaschene Jeans, Kabel ohne erkennbaren Zweck, irgendwelche Autoteile, eine ganze Sammlung leerer Biergläser, die er aus unerfindlichen Gründen oben auf den Kästen gehortet hatte. Sogar auf den Balkon war sie hinausgestiegen und hatte die Winterreifen herausgezerrt, die sie anschließend in feste Müllsäcke gesteckt hatte.
Während sie seine Sachen zusammengesucht hatte, war in ihr weder Traurigkeit noch Wehmut aufgekommen. Nur ein widerwilliger Ärger. Unglaublich, wie viel Gerümpel ein Mensch ansammeln konnte, der selbst kaum etwas in ein Zuhause einbrachte – außer leeren Versprechungen, Forderungen und schlechter Laune.
Anna trat zur Wohnungstür, drehte den glänzenden Knauf des neuen Schlosses und warf einen Blick hinaus auf den Gang. Draußen war es still, niemand war zu sehen. Also begann sie, die Taschen nacheinander über die Schwelle zu zerren. Sie waren schwer, die Henkel schnitten ihr in die Handflächen, doch sie ließ nicht locker. Eine nach der anderen stellte sie hinaus. Danach rollte sie die vier Autoreifen nach draußen und stapelte sie ordentlich in der Ecke beim Lift.
Zum Schluss trug sie noch den Werkzeugkoffer hinaus. Ein wuchtiger Plastikkoffer, überzogen mit einer Schicht Baustaub. Lukas hatte ihn vor ungefähr zehn Jahren gekauft, weil er damals groß angekündigt hatte, die Küchenmöbel selbst zusammenzubauen. Am Ende hatte er entnervt aufgegeben und doch einen Möbelmonteur gerufen.
Als schließlich sein gesamter Besitz vor der Tür stand, kehrte Anna in die Wohnung zurück. Sie zog die Tür hinter sich zu und sperrte zweimal ab. Das satte Klicken des Mechanismus klang in ihren Ohren wie die schönste Musik der Welt.
Dann holte sie einen feuchten Fetzen und wischte den Boden im Vorzimmer gründlich auf. Sie entfernte die schmutzigen Spuren von Lukas’ Schuhen und den Staub, den die hinausgeschleppten Taschen hinterlassen hatten. Es ging ihr nicht nur um Sauberkeit. Sie wollte diesen Bereich reinigen, als könne sie damit auch alles Unsichtbare fortwaschen: die Erinnerung an sein ewiges Nörgeln, an seine Beschwerden über angeblich versalzene Suppe, an den Geruch seines billigen Aftershaves, mit dem er sich großzügig eingesprüht hatte, bevor er zu Treffen mit seiner neuen Freundin aufgebrochen war.
Etwa zwei Stunden vergingen. Anna hatte sich ein leichtes Abendessen gemacht, Fisch mit Gemüse ins Rohr geschoben und leise, angenehme Musik eingeschaltet. Nun saß sie an ihrem blank gewischten Tisch und genoss die Stille, die nur ihr allein gehörte, als es plötzlich energisch an der Tür läutete.
Das Klingeln war lang und ungeduldig. Anna legte die Gabel ohne Hast zur Seite, tupfte sich mit der Serviette die Lippen ab und ging in den Vorraum.
Durch den Spion sah sie Lukas auf dem Gang stehen. Neben ihm trat Sophie unruhig von einem Fuß auf den anderen. Sie kaute nervös Kaugummi und starrte auf das Display ihres Handys. Ein Stück dahinter wartete ein fremder Mann in einem blauen Arbeitsgewand, in der Hand einen schweren Werkzeugkoffer.
Annas Herz setzte für einen Augenblick aus, doch sie fing sich rasch wieder. Sie hatte geahnt, dass es in diese Richtung gehen würde.
„Anna, mach auf!“, brüllte Lukas und hämmerte mit der Faust gegen die Tür. „Ich bin mit einem Fachmann da! Wenn du es nicht im Guten verstehst, holen wir deine tolle Tür samt Rahmen heraus! Ich habe das Recht, in die Wohnung zu gehen, wo meine Sachen liegen!“
Sophie verzog unzufrieden das Gesicht.
„Luki, dauert das noch lang? Mir ist kalt vom Herumstehen. Und überhaupt stinken diese Taschen nach altem Zeug. Wir sind doch wegen der Kaffeemaschine gekommen, das hast du versprochen.“
Anna sperrte auf, ließ die Tür aber an der dicken Stahlkette hängen, die sie vorsorglich zusammen mit den neuen Schlössern hatte montieren lassen. Durch den schmalen Spalt zog ihr Zigarettenrauch entgegen.
„Grüß Gott“, sagte Anna höflich.
