Sie musterte den fremden Mann im Arbeitsgewand direkt und ohne auszuweichen.
„Sind Sie vom Aufsperrdienst?“
Der Handwerker nickte unsicher und verlagerte sein Gewicht von einem Fuß auf den anderen. So ganz wohl war ihm die Sache offenbar nicht mehr.
„Ja, servus … also, Grüß Gott. Der Herr da hat angerufen. Er hat gesagt, seine Frau hätte die Schlüssel verloren und sie kämen nicht in die Wohnung.“
„Dieser Herr“, sagte Anna langsam, jedes Wort klar und scharf wie mit dem Messer geschnitten, „ist mein geschiedener Mann. Die Wohnung gehört ausschließlich mir. Sie ist nicht während der Ehe angeschafft worden. Er ist hier nicht gemeldet, besitzt keinen Anteil daran und hat keinerlei Recht auf diese Wohnadresse. Seine Sachen stehen neben Ihnen am Gang in den Taschen. Sollten Sie jetzt auch nur mit einem Werkzeug meine Tür berühren, rufe ich auf der Stelle die Polizei. Dann erklären Sie den Beamten, warum Sie sich an einem Versuch beteiligen, widerrechtlich in eine fremde Wohnung einzudringen.“
Der Mann vom Aufsperrdienst machte hastig einen Schritt zurück, als hätte die Tür plötzlich zu glühen begonnen. Dann fuhr sein Blick, diesmal deutlich verärgert, zu Lukas hinüber.
„Na hören Sie, Chef, was soll denn das? Für Familienkrieg bin ich nicht bestellt worden. Haben Sie hier eine Meldeadresse im Ausweis? Irgendeinen Eigentumsnachweis? Irgendwas Schriftliches?“
Lukas lief dunkelrot an. Fahrig klopfte er seine Jackentaschen ab, als könnten dort plötzlich Dokumente auftauchen, die es nie gegeben hatte.
„Was spielt denn das für eine Rolle!“, stieß er hervor. „Ich hab fünfzehn Jahre hier gewohnt! Meine Sachen sind da drin! Geräte! Möbel! Sie soll wenigstens die Kaffeemaschine herausgeben! Und den Fernseher aus dem Schlafzimmer! Den haben wir gemeinsam gekauft!“
„Gemeinsam?“ Anna kniff hinter dem Türspalt die Augen zusammen. Ihre Stimme blieb kühl. „Der Fernseher ist über einen Kredit gelaufen, der auf meinen Namen abgeschlossen war. Abbezahlt habe ich ihn eineinhalb Jahre lang von meinen Prämien. Und die Kaffeemaschine habe ich von meinen Kolleginnen und Kollegen zum runden Geburtstag bekommen. Garantieschein und Rechnung liegen bei meinen Unterlagen.“
„Du geldgierige Hexe!“, fauchte Lukas, nun endgültig ohne jede Fassade. „Sophie hat vollkommen recht. Du bist eine alte, neidische Furie. Verschluck dich doch an deiner Wohnung und an deinen blöden Kaffeemaschinen!“
Sophie schnaubte laut auf und zog das Handtascherl wieder auf die Schulter, von der es ihr hinuntergerutscht war.
„Luki, komm jetzt endlich. Mir ist das peinlich, hier herumzustehen. Wir nehmen deine Fetzen und fahren. Ich hab Hunger. Kaufst mir halt eine neue Kaffeemaschine, eine bessere als dieses alte Ding.“
Der Mann vom Aufsperrdienst hatte inzwischen genug gehört. Ohne ein weiteres Wort drehte er sich um und stapfte die Stiege hinunter. Dabei murmelte er etwas von verrückten Leuten, die einem die Zeit stehlen und dann nicht einmal ordentlich sagen, worum es geht.
Lukas trat wütend gegen die nächststehende karierte Tasche.
„Ruf ein Taxi“, knurrte er Sophie zu.
„Wieso ich?“ Sie riss empört die Augen auf. „Auf meiner Karte ist nur noch Geld fürs Nagelstudio. Du bist doch der Mann. Ruf du eins.“
„Mein Handy ist gleich leer“, log Lukas und schaute zur Seite.
Anna brauchte nicht lange nachzudenken, um zu wissen, was wirklich los war. Bis zum nächsten Gehalt war noch fast eine Woche, und alles, was er in den ersten Wochen seiner sogenannten neuen Freiheit übrig gehabt hatte, war für schicke Pflegeprodukte, Ausgehen und Restaurantbesuche draufgegangen.
Ohne noch etwas zu sagen, schob Anna die Tür zu. Sie nahm die Kette ab, drehte den Schlüssel zweimal, dreimal, bis zum Anschlag, und blieb einen Moment mit der Hand am Schloss stehen. Von draußen drangen noch eine Weile gedämpfte Stimmen herein. Sophie nörgelte, Lukas gab gereizte Antworten, dazwischen schabten die schweren Taschen über den Boden, während er sie Richtung Lift zerrte. Nach ungefähr zehn Minuten hörte Anna das metallische Schließen der Lifttür. Dann setzte sich die Kabine in Bewegung und fuhr nach unten.
Mit ihr verschwanden die letzten, lächerlich schweren Reste einer Vergangenheit, die sich viel zu lange in ihrer Wohnung eingenistet hatte.
Im Vorzimmer wurde es still. Nicht einfach ruhig, sondern so still, dass es beinahe in den Ohren klang.
Anna lehnte die Stirn gegen das kühle Metall der Tür. Triumph spürte sie nicht. Auch keine Schadenfreude. Da war nur eine riesige, bodenlose Müdigkeit, wie nach einer schweren Krankheit, wenn das Fieber endlich sinkt und der Körper erst langsam begreift, dass er überlebt hat.
Nach einer Weile ging sie ins Bad. Sie drehte das warme Wasser auf und wusch sich lange und gründlich die Hände, seifte sie ein, spülte den Schaum ab, seifte sie noch einmal ein. Erst dann hob sie den Blick zum Spiegel. Unter ihren Augen lagen dunkle Schatten, ihre Wangen wirkten schmäler als noch vor ein paar Monaten. Aber ihre Augen waren klar. Fest. Wach.
Keine fremden, schmutzigen Schuhe mehr in ihrem Zuhause. Keine Vorwürfe mehr, die wie feuchter Nebel in allen Zimmern hingen. Keine Kompromisse mehr, bei denen immer nur sie etwas verlor.
Am nächsten Morgen wachte Anna früh auf, ganz ohne Wecker. Durch die schmalen Ritzen der Jalousien fielen Sonnenstrahlen und zeichneten goldene Streifen an die Wand. Die Wohnung wirkte auf einmal größer, heller, beinahe ungewohnt weit. Lukas’ Abwesenheit fühlte sich nicht mehr wie ein Loch an. Sie war Raum. Freier Raum zum Atmen, zum Gehen, zum Leben.
Anna bereitete sich Kaffee zu, aus genau jener Maschine, um die am Vorabend noch gestritten worden war. Sie goss ihn in eine feine Porzellantasse, die früher nur an Feiertagen aus dem Kasten geholt worden war, und trat damit auf die Loggia hinaus. Ohne die alten Winterreifen, die dort jahrelang nutzlos im Weg gestanden hatten, kam viel mehr Licht herein.
Unten erwachte die Stadt. Fenster wurden geöffnet, irgendwo fuhr ein Bus an, in der Ferne glitzerte ein Streifen Morgenhimmel zwischen den Häusern. Anna nahm einen vorsichtigen Schluck von dem heißen, leicht bitteren Kaffee.
Dann lächelte sie.
Ihr Leben begann nicht irgendwann später. Es begann jetzt. Und die Schlüssel dazu lagen von nun an ausschließlich in ihren eigenen Händen.
