„Für mich ist also schon beschlossen worden, dass mir das guttun wird?“ sagte Anna scharf, verletzt von der Selbstverständlichkeit ihres Bruders

Gutgemeinte Einmischung bleibt meist egoistisch und schmerzhaft.
Geschichten

— Anna, bist du daheim? Wir sind schon auf der Umfahrung. Noch vierzig Minuten, dann sind wir bei dir.

Anna hat im ersten Moment gar nicht gewusst, was sie mehr getroffen hat: dieses „wir sind bei dir“ oder die Selbstverständlichkeit, mit der ihr Bruder es gesagt hat. Kein „passt es dir?“, kein „wie geht’s dir?“, nicht einmal ein „stören wir eh nicht?“. Nur eine Meldung von der Straße, als ginge es um Benzinpreise und einen Stau bei der Polizeikontrolle.

— Guten Morgen, Lukas. Dir auch einen schönen. Fragen ist inzwischen wohl aus der Mode gekommen?

— Geh bitte, jetzt fang nicht gleich an. Wir sind doch Familie. Claudia hat den Kindern frische Luft versprochen, ich hab Fleisch mitgenommen, wir sitzen ein bisserl beisammen. Dir tut das auch gut, wirst sehen.

— Aha. Für mich ist also schon beschlossen worden, dass mir das guttun wird?

— Anna, bitte, reg dich nicht schon in der Früh auf. Seit deiner Scheidung bist du überhaupt wie zugemauert. Du hockst in deiner Kleingartensiedlung wie eine Nachtwächterin. Wir holen dich halt wieder ein wenig ins Leben zurück.

Sie schaute hinaus. Vor dem Fenster lag ihr kleines Grundstück in der Anlage „Retschnik“: zwei Reihen Erdbeeren, ein Glashäuschen, der alte Tisch unter dem Apfelbaum, die Minze neben der Haustür, der Schlauch, noch nass vom Gießen. Drei Jahre lang hatte sie sich das alles Stück für Stück aufgebaut, so wie man sich selbst wieder zusammensetzt, nachdem man ordentlich und mit System verraten worden ist. Ihr Mann war ja nicht einfach zu einer anderen Frau gegangen. Er war schwungvoll gegangen, mit der siegessicheren Miene eines Menschen, der sich obendrein noch als Opfer der Umstände sieht. Die Wohnung war verkauft worden, das Geld aufgeteilt, die Kinder waren in ihre eigenen Leben davongezogen. Anna hatte ein kleines Haus bei Linz gekauft und gelernt, ohne fremde Patschen im Vorzimmer und ohne fremde Entscheidungen in ihrem Alltag auszukommen.

Nur die Verwandtschaft hielt das aus irgendeinem Grund für einen vorübergehenden seelischen Ausnahmezustand.

— Na gut, sagte sie. — Kommt halt.

— So ist’s brav. Du stellst den Wasserkocher auf, wir bringen die gute Laune.

— Eure gute Laune kostet euch ja ohnehin nichts.

— Also, bis gleich. Wart auf uns.

Sie legte auf und drehte das Handy mit dem Display nach unten, als wäre es persönlich schuld. In der Küche roch es nach Dille, feuchter Erde und der Marmelade von gestern, die sie gerade in Gläser gefüllt hatte. Die Stille hielt sich noch, wie der letzte Rest Würde nach einem Familienfest. Aber Anna wusste bereits: In vierzig Minuten würde ihr Hof ausschauen wie ein Bahnhofsvorplatz.

Und genau so ist es gekommen.

— Tante Annaaa! — Jonas schoss als Erster herein und ließ das Gartentürl offen stehen. — Geht bei dir das WLAN?

— Grüß euch, Kinder, sagte Anna. — Und ja, ich hab euch auch vermisst. So sehr, dass ich mir nichts sehnlicher gewünscht habe, als gleich nach dem WLAN gefragt zu werden.

— Mama, ich hab dir ja gesagt, bei der Tante ist der Empfang besser als bei uns daheim! — rief Jonas schon von der Veranda.

— Anna, grantel nicht gleich, — Claudia kletterte vom Rücksitz und hielt sich die Sonnenbrille am Kopf fest. — Wir haben dir sogar Pfirsiche mitgebracht. Waren im Angebot, aber sie sind in Ordnung.

— Danke. Und das Gartentürl hinter euch zuzumachen war nicht im Angebot dabei?

— Herrgott, bist du heute stachelig, — Claudia ließ den Blick über den Hof gleiten. — Oh, schau, die Pfingstrosen! Ich schneid mir nachher ein paar für daheim ab, ja? Meine Vase ist ganz leer.

— Nein, nicht ja. Ich hab sie für mich gepflanzt.

— Für dich und für uns. Wir sind ja keine Fremden.

Lukas holte ein Sackerl mit mariniertem Fleisch und eines mit Bier aus dem Kofferraum, stellte beides auf die Stufen und streckte sofort die Schultern durch, wie ein Mann, der soeben einen entscheidenden Beitrag zur Zivilisation geleistet hat.

— Wo ist der Grill? Ich mach das schon.

Anna sah ihn mit jener Ruhe an, hinter der der Ärger bereits zu kochen begann.

— So wie beim letzten Mal? Als du „alles gemacht“ hast und ich in der Früh die Kohle aus dem Blumenbeet klauben durfte?

— Geh, das war einmal.

— Zweimal.

— Gut, zweimal. Du musst ja nicht gleich Buch führen.

— Doch, irgendwer muss das. Sonst bildet ihr euch am Ende noch ein, es wäre genau so geplant gewesen.

Leonie, die Jüngere, schleppte inzwischen schon einen Teller Kirschen aus der Küche.

— Tante Anna, darf ich dein Tablet nehmen? Da sind voll gute Spiele drauf.

— Nein.

— Warum nicht?

— Weil es mein Tablet ist.

— Bist du geizig oder was?

Claudia lachte auf.

— Hörst du? Das Kind sieht sofort den Kern der Sache.

Anna nahm wortlos die Kirschen, stellte sie höher hinauf, auf den Kühlschrank, und wandte sich an ihren Bruder.

— Lukas, bleibt ihr diesmal nur bis am Abend oder wieder „wie es sich halt ergibt“?

— Na ja, schauen wir, — antwortete er viel zu rasch. — Wenn die Kinder müde werden, bleiben wir vielleicht. In der Stadt ist es stickig, das weißt du eh.

— Nein, weiß ich nicht. Ich wohn nicht in der Stadt. Du erklärst ja ohnehin jedem, dass ich von hier gar nicht mehr wegkomme.

— Anna, schon wieder? Wir sind hergekommen, um uns zu erholen, und du machst ein Verhör daraus.

— Ich verhör niemanden. Ich möchte nur wissen, was in meinem Haus passiert.

— In deinem Haus passiert Familie, — schnitt Lukas ihr das Wort ab. — Keine Kontrolle.

Eine halbe Stunde später führte diese „Familie“ sich bereits auf, als würde sie für jeden Nagel hier die Kreditrate zahlen. Jonas stapfte mit Straßenschuhen durchs Haus, Leonie zog eine Decke hinaus ins Gras, und Claudia räumte Gläser und Dosen aus dem Kühlschrank, als würde sie eine Inventur überprüfen.

— Anna, was ist denn das für ein Käse? Ist der teuer?

— Den hat mir Barbara aus Wien mitgebracht.

— Dann machen wir ihn auf. Sonst wird er noch schlecht. So etwas darf man nicht einsperren.

— Claudia, lass ihn in Ruhe.

— Du bist wirklich wie eine Museumsaufseherin. Bei dir heißt es immer nur: „Nicht angreifen“, „nicht nehmen“, „nicht hingehen“. Du könntest dir das Leben schon ein bisserl leichter machen, ehrlich.

— Ich mach es mir eh leichter. Ohne eure Besuche sogar ganz ausgezeichnet.

Lukas tat so, als hätte er nichts gehört. Er hantierte bereits beim Grill herum und rief von draußen:

— Anna, wo hast du die Kohle? Und den Anzünder. Und ein ordentliches Messer, das da ist stumpf. Grobes Salz brauch ich auch. Und noch ein paar Spieße.

— Wie ich sehe, ist das hier kein Haus, sondern eine Ausgabestelle.

— Wozu hat man denn Verwandtschaft? — rief er fröhlich zurück. — Damit man einander hilft.

— Sehr praktische Formulierung, sagte Anna. — Diese Hilfe bewegt sich bei euch nur seltsamerweise immer in dieselbe Richtung.

Claudia ließ sich in den Liegestuhl sinken, mit der ganzen Selbstverständlichkeit eines Menschen, den weder Gewissen noch Tagespflichten belasten.

— Anna, du hast dich da wirklich festgebissen. Allein ist es schwer für dich, das verstehen wir ja. Darum kommen wir. Damit du nicht völlig verwilderst.

— Verwilderst? — Anna stellte eine Schüssel mit Gurken auf den Tisch. — Das heißt, deiner Meinung nach hat ein Mensch genau zwei Möglichkeiten: Entweder er lässt sich von der Verwandtschaft auf dem Kopf herumtanzen, oder er wird zum Waldtier?

— Verdreh mir nicht die Worte. Ich mein etwas anderes. Seit der Scheidung nimmst du alles gleich als Angriff. Früher warst du weicher.

— Früher war ich bequemer. Das ist nicht dasselbe.

Schließlich setzten sich alle laut und durcheinander an den Tisch, und sofort brach das übliche Familiengerede los.

Hedis Stube