Es ging um Preise, um Staus, um irgendwelche Kinder, die „warum auch immer“ Psychologie zu studieren begonnen hatten, und um Lukas’ Nachbarin, die sich „schon wieder Lippen machen hat lassen, wie ein Karpfen“. Anna saß ein wenig abseits und sah zu, wie ihr selbst gebackenes Brot verschwand, wie Lukas ohne zu fragen ein Glas Letscho aufmachte, das sie eigentlich ihrer Tochter mitgeben hatte wollen, und wie Claudia den Kindern Kompott in genau jene dünnwandigen Gläser einschenkte, die noch von ihrer Mutter stammten.
— Lukas, pass bitte mit den Gläsern auf.
— Geh, was soll denn schon sein? Ist ja kein Kristall.
— Eben. Es ist dünnes Glas. Wenn eines kaputtgeht, bekomme ich so eines nicht mehr.
— Anna, redest du jetzt von den Gläsern oder von deinem Leben? — Claudia schnaubte leise.
— Und du machst gerade einen Witz oder bist du einfach frech?
— Kommt drauf an, wie es dir lieber ist, beleidigt zu sein.
Lukas öffnete ein Bier, nahm einen Schluck und sagte plötzlich, ohne seine Schwester anzuschauen:
— Hör, wo wir eh schon beisammensitzen. Mir fehlen bis zum Gehalt vierhundert Euro. Nur für eine Woche. Könntest du mir das überweisen? In zehn Tagen hast du es wieder.
Anna musste sogar kurz auflachen.
— Natürlich. Und ich hab nicht gleich kapiert, dass „der Wasserkocher geht auf dich, die Stimmung auf uns“ nur die Einleitung war.
— Was ist denn dabei? Du hast ja Geld. Wohnung verkauft, Haus gekauft, und übrig ist sicher auch noch was. Ich will’s ja nicht für immer.
— Wird dir die Zunge nicht trocken, wenn du dauernd mein Geld durchzählst? Du hast meine Wohnung nicht verkauft. Und meine Scheidung hast du auch nicht bezahlt.
— Anna, fang jetzt nicht an. Ich frag dich als Schwester.
— Nein. Du fragst mich wie einen Bankomaten. Eine Schwester fragt man vorher wenigstens, wie es ihr geht.
Claudia lehnte sich zurück und sah Anna über den Rand ihres Glases hinweg an.
— Na bitte, schon wieder. Alles dreht sich um dich. Er hat ganz normal gefragt. Wenn du nicht willst, sag nein. Ohne Theater.
— Gut. Nein.
Am Tisch wurde es merklich stiller. Sogar die Kinder lösten für einen Augenblick den Blick von ihren Handys.
— Dein Ernst? — Lukas stellte die Flasche ab. — Wegen vierhundert Euro führst du dich jetzt so auf?
— Nicht wegen der vierhundert Euro. Sondern weil bei euch längst alles automatisch läuft. Das Wochenendhaus gehört euch. Der Keller gehört euch. Die Einmachgläser gehören euch. Der Wein gehört euch. Und ich anscheinend auch, zur freien Verwendung.
— Dich verwendet keiner, — sagte Lukas scharf. — Das bildest du dir alles selber ein.
— Wirklich? Dann erinner mich: Wer hat meinen Akkuschrauber mitgenommen und ihn mit abgerissenem Knopf zurückgebracht?
— Der ist halt zufällig kaputtgegangen.
— Wer hat zwei Kartons Einmachgläser „nur kurz“ ausgeliehen und nie wiedergebracht?
— Geh bitte, wegen ein paar Gläsern.
— Und wer hat aus dem Glashaus eine ganze Kiste Setzlinge mitgenommen, „für Mamas Beet“, ohne mir auch nur Bescheid zu sagen?
Claudia presste die Lippen zusammen.
— Aha, jetzt kommt die Buchhaltung.
— Weil ihr offenbar nur Buchhaltung versteht. Solange nichts aufgeschrieben und ausgerechnet ist, tut ihr so, als wäre nie etwas passiert.
Lukas stand auf, schenkte sich noch Bier nach und sprach nun mit einer anderen Stimme, trocken und unangenehm ruhig:
— Pass gut auf. Wir kommen nicht her, um dich auszunehmen. Wir lassen dich nicht allein. Während dein Ex sich ein neues Leben zusammenbaut, sind wir da. Und als Dank bekommen wir so etwas.
Anna sah ihren Bruder an und spürte zum ersten Mal an diesem Tag nicht Kränkung, sondern eine müde Klarheit. Genau das war es also. Die stärkste Waffe der Familie: Einmischung Fürsorge nennen. Eine grobe Hand unter dem Namen „Stütze“ auf deine Schulter legen.
— Du bist nicht da, Lukas. Du stehst über mir. Das ist ein Unterschied.
— Ach, bitte. Claudia, schenk Wein ein. Wo hat sie denn die guten Flaschen?
Anna zuckte zusammen.
— Geh nicht in den Keller.
— Stell dich nicht so an. Da steht ein Roter, ich hab ihn gesehen. Mit blauem Etikett. Den machen wir jetzt ordentlich auf.
— Ich hab gesagt: nein.
— Was hebst du dir denn alles für irgendeinen besonderen Anlass auf? — Lukas war bereits auf dem Weg zur Tür. — Das Leben passiert jetzt. Trink ihn jetzt.
— Der ist ein Geschenk von Barbara. Ich mach ihn nicht deshalb nicht auf, weil ich geizig bin. Sondern weil ich selbst entscheiden will, wann.
— Anna, manchmal redest du, als würde die ganze Welt nur darauf warten, dir etwas wegzunehmen.
Sie antwortete leise:
— Weil manche genau das tun.
Am Abend war das ganze Haus voll von Hitze, Fleischgeruch, Kinderstimmen und gereizter Luft. Claudia hatte schließlich doch drei Pfingstrosen abgeschnitten, sie in ein leeres Gurkenglas gestellt und erklärt, Blumen müssten „auch was leisten“. Jonas verschüttete Limonade auf dem Sofa. Leonie ließ eines von Mutters Gläsern fallen. Es sprang beinahe lautlos entzwei, genau wie Geduld.
— Ist ja nichts passiert, — sagte Claudia hastig. — Das ist doch nur ein Gegenstand.
— Für euch schon, — erwiderte Anna. — Bei mir ist für euch überhaupt alles „nur“ irgendwas.
— Herrgott, woher kommt denn diese ganze Giftigkeit? — fuhr Claudia auf. — Du lädst uns ein und ziehst dann so ein Gesicht.
— Ich lade euch nicht ein. Ihr stellt mich vor vollendete Tatsachen.
— Wir sind Familie! Normale Leute freuen sich, wenn man zu ihnen kommt.
— Normale Leute fragen vorher.
Über Nacht blieben sie trotzdem. Natürlich. „Die Kinder sind ganz erledigt“, „heimfahren ist jetzt zu spät“, „und wozu die ganze Fahrerei“. Anna holte Bettwäsche, richtete das Sofa her und trug von der Veranda die Polster herein. Lukas schnarchte schon im Zimmer, Claudia wusch sich das Gesicht mit Annas teurem Gel, das ihr „halt gerade in die Hand gefallen“ war. Anna ging in die Küche, um ihren Tee im Stehen zu trinken, wie in einer schlechten Wohngemeinschaft — nur dass diese Wohngemeinschaft ihr eigenes Haus war.
Durch die dünne Wand drangen Stimmen.
— Ich sag dir, wir kriegen sie schon weich, — flüsterte Lukas, allerdings so, dass jedes Wort zu verstehen war. — Sie schreit ein bissl herum und beruhigt sich wieder. Allein ist es ihr sowieso zu schwer.
— Mir gefällt ihre Stimmung nicht, — gab Claudia zurück. — Beim letzten Mal war sie leichter zu nehmen. Jetzt verbeißt sie sich in jedes einzelne Glas.
— Das ist Langeweile. Außer dem Garten hat sie ja nichts. Ich hab Tobias eh schon gesagt, dass er im August einmal mit seiner Runde übers Wochenende herkommen kann.
— Bist du deppert? Ohne sie zu fragen?
— Sie sagt nicht nein. Wohin soll sie denn aus? Ein bissl wichtigmachen wird sie sich, dann lässt sie uns eh rein. Sie will nur zeigen, dass sie Bedeutung hat.
— Pass nur auf, dass du nicht wieder mit dem Geld herausplatzt. Zuerst muss man sanft anfangen. Und außerdem… wenn sie eine vorübergehende Anmeldung erlauben würde, hätten wir es mit Leonies Schule viel leichter.
Anna stellte die Tasse so hart ab, dass Tee auf die Tischplatte schwappte. Daher also kamen die Wurzeln dieses aufdringlichen „wir gehören doch zusammen“. Es ging nicht bloß um Grillfleisch. Nicht nur um frische Luft für die Kinder. Sie brauchten ihr Haus — als Mittel, als Adresse, als kostenlose Fläche, als bequeme Kulisse für ihr eigenes Leben.
Bis drei Uhr in der Früh lag Anna wach.
