…und hat nicht geschlafen, sondern nur zur Decke hinaufgestarrt. Dabei hat sie gespürt, wie in ihr langsam die allerletzte Gewohnheit gefror, für die eigene Verwandtschaft noch Entschuldigungen zu suchen.
Am Morgen hat sie ein Klappern von Plastikdosen geweckt.
Draußen, bei den Beeten am Zaun, standen Claudia und Lukas. Claudia hockte in der nassen Erde und pflückte mit geübten Fingern die großen Erdbeeren ab, eine nach der anderen, und legte sie in zwei Frischhaltedosen. Lukas hielt eine dritte Dose in der Hand und gab den Kindern Anweisungen:
„Die kleinen lasst ihr hängen. Nur die roten nehmen. Die da kommen mit heim, und die weichen könnt ihr gleich essen.“
Anna ist barfuß hinaus, direkt in das feuchte Gras.
„Was macht ihr da?“
Claudia hat nicht einmal gezuckt.
„Wir sammeln sie ein. Bevor die Sonne draufknallt.“
„Ich sehe, dass ihr sie einsammelt. Meine Frage war eine andere: Mit welchem Recht?“
Lukas richtete sich auf und kniff die Augen zusammen, als würde er eine Person anschauen, die ihm mit völlig unpassendem Bewusstsein ein Picknick ruiniert hatte.
„Anna, fang nicht schon in der Früh an.“
„In der Früh? Ihr habt es bereits geschafft, meine Beete auszuräumen, und findet trotzdem, dass dieser Morgen noch friedlich genannt werden kann?“
„Nicht ausräumen. Pflücken. Die Beeren sind reif. Sonst verderben sie.“
„Sie verderben nicht. Ich pflücke sie selber. Für mich. Für meine Tochter. Manchmal koche ich Marmelade daraus.“
Claudia seufzte so, wie eine Lehrerin seufzt, wenn sie mit besonders begriffsstutzigen Kindern spricht.
„Anna, ehrlich, das ist jetzt wirklich peinlich. Wegen ein paar Erdbeeren so eine Szene vor Erwachsenen.“
„Wegen Erdbeeren?“ Anna trat näher. „Nein, Claudia. Nicht wegen Erdbeeren. Sondern weil ihr euch hier schon lange benehmt, als müsste man mich gar nicht wahrnehmen. Als wäre ich ein Zubehör zum Grundstück. Als hätte dieses Haus keine Hausherrin, sondern nur Bedienpersonal.“
„Schon wieder diese schönen Formulierungen“, verzog Lukas das Gesicht. „Sag’s doch geradeheraus: Dir sind ein paar Beeren für deine Nichten und Neffen zu schade.“
„Mir sind die Beeren nicht zu schade. Mir graust vor eurer Haltung.“
„Was denn für eine Haltung?“ Claudia wurde lauter. „Wir kommen her, wir verbringen Zeit miteinander, die Kinder sind an der frischen Luft. Oder willst du, dass wir in der Stadt in unseren Schachteln sitzen und keinen Schritt hinausmachen?“
„Ich will, dass ihr euch aufführt wie Menschen und nicht wie ein Überfallkommando.“
„Überfallkommando?“ Lukas machte einen Schritt auf sie zu. „Jetzt spinnst du aber endgültig. Wir sind doch keine Fremden.“
„Genau hinter diesem Wort versteckt ihr euch die ganze Zeit. ,Keine Fremden.‘ Sehr praktisch. Man kann ungefragt auftauchen. Man kann sich durch meinen Keller fressen. Man kann Geld nehmen. Sachen kaputtmachen. Über mein Haus verfügen. Und ich soll den Mund halten, weil ihr ja ,keine Fremden‘ seid.“
„Was haben wir dir denn schon groß genommen?“ Lukas fuhr auf. „Ein paar Gläser? Grillspieße? Beeren? Lächerlich ist das.“
„Meine Zeit. Meine Kraft. Meine Ruhe. Und das Recht, nicht jeden Samstag damit rechnen zu müssen, dass in meinem Hof eine ganze Truppe landet.“
Claudia stand nun ebenfalls auf, die Dose noch in beiden Händen.
„Hör mir gut zu. Du bist einfach verbittert. Dein Mann ist weg, die Kinder sind ausgezogen, du bist allein, dir tut das weh — ja, das versteht man. Aber du musst nicht alles, was in dir sauer geworden ist, über uns ausschütten.“
Dieser Satz hat genau getroffen. Und gemein. Anna spürte, wie in ihrem Inneren etwas aufgehört hat zu zittern. Es gibt diesen Augenblick: Jemand verletzt einen so treffsicher, dass man plötzlich keine Angst mehr vor einem Streit hat. Weil schlimmer ohnehin nichts mehr werden kann.
„Stell die Dosen auf den Boden“, sagte sie sehr ruhig.
„Was?“
„Auf den Boden. Jetzt.“
Lukas schnaubte.
„Und wenn nicht?“
„Dann packt ihr beide jetzt eure Sachen und fahrt. Ohne Frühstück, ohne ,reden wir doch darüber‘, ohne eure Familienvorträge über Dankbarkeit.“
„Du schmeißt uns raus?“ fragte er ungläubig.
„Nein. Ich beende diesen Zirkus. Das ist ein Unterschied.“
„Anna, das wirst du noch bereuen“, sagte Claudia und verengte die Augen. „So geht man nicht mit der Familie um.“
„Familie macht aus der eigenen Schwester keine Gratis-Ferienanlage. Familie bespricht nicht hinter der Wand, wie man jemanden wegen einer Anmeldung ,weichklopfen‘ kann und wie man fremde Leute bei ihm unterbringt. Glaubt ihr wirklich, ich hätte das nicht gehört?“
Über Lukas’ Gesicht huschte dieser ganz bestimmte Ausdruck, den ertappte Menschen bekommen — nicht Scham, sondern Ärger darüber, dass man sie nicht in Ruhe weitermachen lässt.
„Du hast gelauscht?“
„Ich habe in meinem eigenen Haus gelebt. Ihr habt geflüstert, als wäre ich schon ein Möbelstück.“
„Du hast das alles falsch verstanden“, warf Claudia rasch ein.
„Nein. Zum ersten Mal habe ich alles richtig verstanden. Und jetzt macht ihr genau zwei Dinge: Ihr stellt die Erdbeeren zurück, und danach ladet ihr eure Taschen ins Auto.“
„Geh doch zum Teufel“, sagte Lukas leise.
„Schon besser. Wenigstens ehrlich.“
„Ernsthaft? Wegen so einem Blödsinn willst du die ganze Beziehung zerstören?“ Jetzt hob auch er die Stimme. „Nachher wirst du heulen, weil du ganz allein dastehst.“
„Ich bin schon allein. Und wie sich herausgestellt hat, ist das ruhiger als eure Gesellschaft.“
„Kinder, ins Auto!“ fuhr Claudia die beiden an, plötzlich kreidebleich. „Nichts mehr angreifen.“
„Und den Schlüssel vom Gartentor legst du auf den Tisch im Vorzimmer“, sagte Anna. „Den Ersatzschlüssel. Den Lukas ,für alle Fälle‘ ohne mein Wissen hat machen lassen.“
Lukas zuckte zusammen.
„Ich hab gar nichts machen lassen.“
„Lüg wenigstens jetzt nicht. Ich habe das Duplikat schon vor einem Monat an deinem Schlüsselbund gesehen.“
„Na gut, dann hab ich halt einen machen lassen. Und? Damit es einfacher ist. Eigentlich hättest du dich bedanken können.“
„Für einen Einbruch im Gewand der Fürsorge? Nein danke.“
Sie packten laut, wütend und mit absichtlich theatralischem Rascheln von Sackerln und Zuschlagen von Türen. Jonas wollte etwas fragen, aber Claudia schnitt ihm jedes Wort ab, als wäre er persönlich schuld an der Architektur dieses Streits. Leonie weinte gekränkt, weil sie ihren Kuchen nicht hatte fertig essen dürfen. Lukas ließ mit voller Absicht leere Flaschen und fettige Servietten auf dem Tisch liegen — die letzte kleine Männer-Rache jener, denen die großen Worte ausgegangen waren.
Beim Gartentor drehte er sich noch einmal um.
„Merk dir das, Anna. So lebt kein Mensch. Wenn du alle wegstößt, redest du irgendwann nur noch mit deinen Beeten.“
„Lieber mit den Beeten als mit euch. Die verlangen wenigstens nichts.“
„Du wirst noch angekrochen kommen und dich versöhnen wollen.“
„Träum weiter.“
Das Auto fuhr hinaus und wirbelte vor dem Tor Staub auf. Die Stille kam so plötzlich zurück, dass es Anna in den Ohren klingelte. Sie stand auf dem Weg und schaute auf das niedergetretene Gras, auf den umgekippten Kinderroller neben dem Schuppen und auf die halb geplünderten Erdbeerstauden. Sie zitterte nicht wegen Tränen, sondern vom Nachbeben. Wie nach einer Notbremsung.
Dann ging sie ins Haus, holte aus dem Kasten einen Müllsack und begann schweigend, die Spuren dieser sogenannten Familienwärme einzusammeln: Plastikgabeln, klebrige Becher und Obstkerne.
