„Für mich ist also schon beschlossen worden, dass mir das guttun wird?“ sagte Anna scharf, verletzt von der Selbstverständlichkeit ihres Bruders

Gutgemeinte Einmischung bleibt meist egoistisch und schmerzhaft.
Geschichten

Dazu kamen Pfirsichkerne, ein nasses Leiberl, das irgendwer über eine Sessellehne gehängt hatte, und unter dem Polster im Gästezimmer fand sie eine Haarspange von Claudia. Irgendwann gab das Handy einen kurzen Laut von sich. Die Nachbarin Hedwig hatte geschrieben: „Anna, komm kurz raus. Da gibt’s was Interessantes.“

Anna machte das Gartentor auf.

„Was ist denn?“

„Nichts Gutes“, sagte Hedwig und hielt ihr schon das Handy hin. „Sag, ist das nicht deine Veranda?“

Auf dem Display war ein Inserat in einer lokalen Gruppe zu sehen: „Gemütliches Wochenendhaus für Familienurlaub zu vermieten. Grillplatz, Garten, Fluss in der Nähe, ruhige Lage. Auch fürs Wochenende möglich. Bei Interesse PN.“ Darunter vier Fotos. Ihr Tisch unter dem Apfelbaum. Ihre Veranda mit der karierten Decke. Ihr Glashaus. Und als Profilname darunter: Claudia K.

Anna sagte kein Wort.

„Ich hab’s gestern schon gesehen“, fuhr Hedwig fort. „Da hab ich noch gedacht, ich bild mir das ein. Aber heute schau ich genauer hin, und es ist wirklich alles eins zu eins. Hast du davon gewusst?“

„Jetzt weiß ich’s.“

„In den Kommentaren hat sie einer Frau sogar geschrieben: ‚Das Haus gehört unserer Familie, die Besitzerin ist nur selten draußen.‘ Deshalb bin ich gleich rüber. Das ist ja nimmer bloß Besuch, Anna.“

Seltsamerweise war Anna nicht wirklich überrascht. Oder doch — aber nicht über die Tatsache selbst. Eher darüber, wie klar auf einmal alles geworden ist. Solange es noch hieß, die Verwandtschaft sei halt ein bissl unverschämt, hat in ihr noch diese alte Gewohnheit gezuckt, Erklärungen zu suchen. Vielleicht war es nicht so gemeint. Vielleicht hatte sie überreagiert. Vielleicht Familie. Jetzt aber lag die Sache offen da, sauber und grell wie die Luft nach einem Gewitter: Sie hatten ihre Grenzen nicht aus Versehen übersehen. Sie hatten sie absichtlich weggewischt.

„Danke, Hedwig.“

„Lass dir das ja nicht kleinreden“, sagte die Nachbarin. „Bei uns drüben, zwei Gassen weiter, hat der Sohn seiner Mutter auch einmal das Haus ‚nur vorübergehend‘ übernommen. Danach haben sie ein Jahr lang die Polizeiinspektion bemühen müssen.“

„Ich lass mir nichts mehr einreden.“

Anna ist wieder ins Haus gegangen, hat sich an den Tisch gesetzt und zuerst, fast automatisch, nach einem Blatt Papier gegriffen. Eine alte Angewohnheit: Wichtiges mit der Hand aufschreiben, damit man nicht zu schreien beginnt. Sie schrieb sogar schon: „Lukas“. Dann sah sie auf den Namen, hielt inne und legte den Stift langsam weg.

Nein. Briefe schreibt man Menschen, mit denen noch ein Missverständnis ausgeräumt werden kann. Hier gab es kein Missverständnis. Hier gab es ein System.

Sie öffnete den Familienchat. Ihre Finger waren trocken und ruhig.

„Ab heute kommt niemand mehr ohne meine ausdrückliche Einladung zu mir. Falls irgendwer noch nachgemachte Schlüssel hat, werden sie heute vernichtet. Das Inserat zur Vermietung meines Hauses wird sofort gelöscht. Bildschirmfotos habe ich. Wenn ich noch einmal meine Bilder irgendwo sehe oder erfahre, dass hier fremde Leute untergebracht werden sollen, mache ich eine Anzeige. Und noch etwas: Nennt das nicht Fürsorge. Das war Ausnützung. Damit ist alles gesagt.“

Sie schickte die Nachricht ab. Fast im selben Augenblick erschien: „Lukas schreibt …“ Dann verschwand es. Dann kam es wieder.

„Bist du jetzt komplett verrückt geworden?“

Anna verzog den Mund zu einem kurzen Lächeln. Das war also der ganze Wortschatz, sobald der bequeme Zugriff auf fremdes Eigentum nicht mehr funktionierte.

Sie suchte die Nummer des Schlüsseldienstes heraus, den Barbara ihr vor längerer Zeit empfohlen hatte, und rief an.

„Grüß Gott. Könnten Sie heute noch in die Kleingartenanlage ‚Donauufer‘ kommen? Ich muss zwei Schlösser tauschen lassen und innen einen stärkeren Riegel montieren.“

„Nach drei wäre ich dort.“

„Passt. Kommen Sie bitte.“

Danach rief sie ihre Tochter an.

„Mama? Ist alles in Ordnung?“

„Jetzt schon.“

„Aha. Das klingt verdächtig. Was ist passiert?“

„Ich hab Lukas samt Anhang hinausgeworfen.“

Für einen Atemzug war es still. Dann sagte ihre Tochter in einem Ton, der Anna unerwartet warm durch die Brust ging:

„Endlich.“

„Du bist gar nicht überrascht?“

„Mama, Felix und ich warten schon ewig drauf, dass du aufhörst so zu tun, als wären sie halt einfach so. Die sind zu dir gefahren wie in eine Pension mit Gratisservice. Ich hab dir das gesagt.“

„Hast du. Ich hab’s nicht hören wollen.“

„Aber jetzt hast du’s gehört. Das zählt.“

„Weißt du, dass Claudia versucht hat, mein Haus zu vermieten?“

„Was? Im Ernst?“

„Mit Fotos. Und mit dem Hinweis, dass die Besitzerin selten da ist.“

„Mama, das ist nimmer frech. Das ist schon pathologisch.“

„Ich weiß.“

„Soll ich kommen?“

Anna blickte zum Fenster hinaus. In den Beeten glänzte die Erde noch dunkel vom Gießen. Unter dem Apfelbaum lag eine Kinderkappe, die jemand vergessen hatte. Im Haus war es still, aber diese Stille machte ihr keine Angst mehr. Sie war keine Leere. Sie war Ordnung.

„Nein. Du musst nicht kommen. Ich schaff das.“

„Gut. Aber du bist nicht allein, ja? Und wehe, du schreibst ihnen in zwei Tagen selber: ‚Wir wollen doch nicht streiten.‘“

„Mach ich nicht.“

„Versprochen?“

„Versprochen.“

Nach dem Gespräch ging Anna wieder hinaus auf die Veranda, nahm den Müllsack, hob die Kinderkappe auf, drehte sie einen Moment zwischen den Fingern und warf sie oben auf die leeren Flaschen. Dann ging sie zu den Erdbeeren. Reihe für Reihe pflückte sie die Früchte in ihre eigene Schüssel. Nicht, um nach einem fremden Überfall noch Reste zu retten. Sondern weil es ihre Arbeit war, ihr Garten, ihr Nachmittag. Die schönen roten kamen in die Schüssel. Die zerdrückten steckte sie sich gleich in den Mund. Sonnwarm waren sie, süß, nach Sommer duftend und nach allem, was sie selbst hineingesteckt hatte.

Das Handy vibrierte noch ein paar Mal. Lukas rief an. Claudia schickte eine Sprachnachricht. Dann wieder Lukas. Anna stellte den Ton aus und pflückte weiter. Irgendwann ertappte sie sich bei einem Gedanken, für den sie sich früher geschämt hätte: Musste sie wirklich erst für jemanden unbequem werden, um sich wieder lebendig zu fühlen?

Offenbar ja.

Kurz nach drei kam der Mann vom Schlüsseldienst. Er tauschte die Schlösser, setzte den neuen Innenriegel ein und sagte beim Hinausgehen:

„Sie haben’s schön hier. Passen Sie gut drauf auf.“

„Das werde ich jetzt“, antwortete Anna.

Am Abend brühte sie sich starken Tee auf, schnitt den teuren Käse an und öffnete selbst die Flasche Wein, die sie für irgendeinen besonderen Anlass aufgehoben hatte. Es gab keinen Anlass. Oder vielmehr: Es gab sehr wohl einen. Es war der erste Abend in einem Haus, in dem niemand für sie entschied, was ihr angeblich guttat, worauf sie ruhig verzichten konnte und wie dankbar sie gefälligst zu sein hatte.

Sie saß auf der Veranda, hörte irgendwo weit hinter den Gärten einen Hund bellen und von der Station her das dumpfe Signal der S-Bahn. Dabei dachte sie an etwas, das ihr plötzlich sonderbar vorkam: Ein Leben lang hatte man ihr beigebracht, Güte bedeute, auszuhalten. Still zu sein. Nichts größer zu machen, als es ist. Verständnis für Menschen zu haben, die für einen selbst nie Verständnis übrig hatten.

Und erst jetzt, mit sechsundfünfzig, in einem leeren Hof, mit neuen Schlössern und einer Schüssel Erdbeeren auf dem Tisch, sah sie die Wahrheit ohne jede Verzierung: Manchmal ist Anständigkeit nichts anderes als eine Tür, die rechtzeitig zugemacht wird.

Feierlich fühlte sich das nicht an. Auch nicht leicht genug, um zu weinen. Es fühlte sich nüchtern an. Und diese Nüchternheit, stellte Anna fest, konnte ebenfalls eine Form von Glück sein.

Hedis Stube