„Sag einmal, bist du jetzt völlig frech geworden?“ Lukas hat nicht einmal vom Handy aufgeschaut, als Anna mit der Umhängetasche an ihm vorbeigegangen ist. „Wo glaubst du, gehst du hin?“
Im Vorzimmer blieb sie wie angewurzelt stehen, die Finger schon an der Türklinke. Draußen war aus dem Dezemberabend längst finstere Nacht geworden, und in der Wohnung brannte nur in der Küche Licht: ein gelblicher, müder Schein von der alten Glühbirne, die Lukas schon im Oktober hatte austauschen wollen.
„Ich treffe mich mit Sophie. Wir haben das ausgemacht …“, setzte Anna an, doch da unterbrach er sie und riss endlich den Blick vom Display los.
„Dein Schönheitssalon ist mir so was von wurscht! Zuerst deckst du den Tisch für die Gäste meiner Mutter, und dann kannst du verschwinden, wohin du willst!“ Seine Stimme war nur ein Zischen, kalt genug, dass Anna unwillkürlich die Klinke wieder losließ.
Schönheitssalon. Genau so nannte er es immer, mit diesem höhnischen Zug um den Mund, als würde es um ein Spielzeug für Kinder gehen. Dabei hatte Anna in den letzten sechs Monaten alles in diesen Plan hineingesteckt: das Geld, das sie von ihrem Gehalt als Buchhalterin zur Seite gelegt hatte, ihre freien Stunden, ihre ganze Hoffnung. Sophie hatte bereits ein kleines Lokal gefunden, am Montag wollten sie den Mietvertrag unterschreiben. Es fehlte kaum noch etwas.

„Lukas, wir haben das seit einer Woche fix ausgemacht! Ich hab ja nicht wissen können, dass deine Mutter …“
„Jetzt weißt du es.“ Er erhob sich vom Sofa, breit und schwer, in einem ausgeleierten T-Shirt mit einem Ketchupfleck vorne drauf. Als er näherkam, schlug ihr Biergeruch entgegen. „Zwölf Leute kommen. Mama hat vor einer Stunde angerufen. Die Barbara kommt mit der Familie, Michael mit seiner Frau, Tante Claudia auch noch … Also, kurz gesagt: Du richtest den Tisch her. Salate, Aufstriche, kalte Platten, was Warmes. Du weißt eh.“
Zwölf Personen. An einem Mittwoch. Drei Tage vor dem Wochenende, wo sie selbst bis acht im Büro sitzen musste, wo noch eingekauft, gekocht und diese ständig zugeräumte Wohnung geputzt werden sollte. Anna umklammerte den Riemen ihrer Tasche so fest, dass das Leder unter ihren Fingern unangenehm knarrte.
„Lukas, ich kann das Treffen nicht absagen. Es ist wichtig. Wenn wir bis Freitag keine Anzahlung leisten, ist das Lokal weg.“
Er verzog den Mund. Nicht einmal ein richtiges Lachen war es, eher ein schiefer, verächtlicher Zug, als hätte sie eben den größten Blödsinn der Welt gesagt.
„Du meinst also im Ernst, dein kleines Studio ist wichtiger als die Familie? Mama bringt extra alle zusammen, sie will etwas bekanntgeben …“ Er brach ab. Doch Anna hatte es bemerkt. Dieses plötzliche Verstummen mitten im Satz, dieses schnelle Ausweichen. „Jedenfalls geht dich das nichts an. Du deckst den Tisch, Ende der Diskussion.“
Sie blieb stehen, die Tasche noch immer fest in der Hand, und in ihr begann sich langsam etwas umzudrehen. Nicht zum ersten Mal in den vergangenen Monaten. Wenn sie ehrlich war, nicht einmal zum ersten Mal in diesem Jahr. Lukas hatte sich verändert — oder vielleicht hatte er bloß aufgehört, sich zu verstellen. Früher hatte er wenigstens so getan, als würde er ihr zuhören. Früher hatte er sich entschuldigt, wenn er ausgerastet war. Inzwischen gab es nicht einmal mehr das.
„Gut“, sagte sie leise und streifte die Tasche von der Schulter.
Zufrieden nickte Lukas, als wäre alles damit erledigt, und ging zurück zum Sofa. Er griff nach der Fernbedienung, schaltete irgendeine Show ein und lachte über die Witze, während er Bier aus der Dose trank. Anna hingegen ging in die Küche und holte ihr Handy hervor.
„Sophie, es tut mir leid, heute geht es doch nicht. Telefonieren wir morgen?“
Die Antwort kam fast sofort: „Anna, das ist jetzt schon das dritte Mal in einem Monat. Was ist los bei dir?“
Was los war? Anna blickte zum Fenster hinaus. Hinter der Scheibe blinkten die Lichter der Stadt; irgendwo führten Menschen ihr eigenes Leben, trafen einander, lachten, machten Pläne. Und sie stand in der Küche, in dem flauschigen Hausmantel, den Lukas abfällig „altweibisch“ nannte, und wusste nicht, was sie ihrer Freundin schreiben sollte.
„Alles in Ordnung. Bin nur müde. Morgen sehen wir uns ganz sicher.“
Sie legte das Handy auf den Tisch und öffnete den Kühlschrank. Halb leer. Sie musste also noch ins Geschäft. Zwölf Menschen. Salate, Häppchen, etwas Warmes. Vielleicht etwas mit Fleisch? Ihre Schwiegermutter mochte Julienne, obwohl sie jedes Mal etwas daran auszusetzen fand. Einmal passten die Pilze nicht, ein anderes Mal schmolz der Käse angeblich falsch.
„Anna!“, rief Lukas aus dem Wohnzimmer. „Ist kein Bier mehr da?“
„Nein!“, rief sie zurück.
„Dann geh schnell in den Supermarkt!“
Sie antwortete nicht. Stattdessen holte sie aus dem Kasten ein Notizbuch und begann, eine Einkaufsliste zu schreiben. Hendl — drei Stück. Erdäpfel — ungefähr drei Kilo. Karotten, Zwiebeln, Mayonnaise, Eier … In ihrem Kopf addierten sich die Beträge von selbst: Am Ende würden es wohl an die fünfzig Euro werden. Vielleicht sogar sechzig. Und auf ihrer Karte lagen gerade einmal fünfundsechzig Euro bis zum nächsten Gehalt.
