„Dein Schönheitssalon ist mir so was von wurscht!“ zischte Lukas und bestand darauf, dass Anna sofort den Tisch für zwölf Gäste richtet

Diese herablassende Kälte ist unerhört ungerecht.
Geschichten

Genau jenes Geld, das sie eigentlich als erste Anzahlung für die Geräte zurücklegen wollte.

Anna schloss die Augen. In ihren Schläfen pochte es dumpf. Und plötzlich, wie ein greller Blitz, war da die Erinnerung an ihre Hochzeit. Vor vier Jahren, im August. Lukas hatte ihr damals selbstgeschriebene Gedichte vorgelesen, unbeholfen, fast lächerlich — und gerade deshalb rührend. Er hatte versprochen, sie auf Händen zu tragen. Hatte gesagt, sie wären ein Team. Ein Team … Wie absurd das jetzt klang.

„Anna, hörst du mir überhaupt zu?!“, brüllte er gereizt aus dem Zimmer.

„Ja“, antwortete sie und schlug die Augen wieder auf. „Ich geh schon.“

Sie zog ihre Jacke über, schlüpfte in die Turnschuhe, nahm Sackerl und Geldbörse an sich. Draußen am Gang roch es nach abgestandenem Rauch und feuchtem Putz. Der Lift war, wie so oft, außer Betrieb. Also sieben Stockwerke hinunter, vorbei an beschmierten Wänden und an einer Wohnungstür, hinter der eine Frau ihre Kinder anschrie.

Draußen biss die Kälte ins Gesicht. Anna ging rasch, beinahe im Laufschritt, hinüber zum Supermarkt ums Eck, der rund um die Uhr offen hatte. Autos rauschten an ihr vorbei, Gruppen junger Leute lachten, jemand machte Fotos vor einem leuchtenden Christbaum. Weihnachten und Silvester rückten näher, die Stadt stellte sich auf Feierlaune ein. In ihrem Kopf aber kreiste nur die Liste: Bier, Hendl, Erdäpfel …

Im Geschäft war es grell und stickig. Anna legte alles hastig in den Einkaufskorb, stellte sich bei der Kassa an und wartete, bis die Waren eingescannt waren. Dreiundsechzig Euro. Die Karte wurde angenommen. Auf dem Konto blieben zwei Euro. Zwei Euro bis zum siebenundzwanzigsten Dezember.

Als sie wieder daheim ankam, schlief Lukas bereits auf der Couch. Breit hingestreckt, leise schnarchend, das Handy auf der Brust. Der Fernseher plapperte weiter vor sich hin. Anna brachte die Sackerl in die Küche, löschte im Wohnzimmer das Licht und zog die Tür halb zu.

Dann setzte sie sich an den Tisch. Sie nahm das Handy und schrieb Sophie: „Sei mir bitte nicht böse. Ich erklär dir alles.“

Nur gab es eigentlich nichts zu erklären. Oder vielmehr: viel zu viel. Und anfangen wollte sie nicht, denn sobald sie den ersten Satz schrieb, würde alles auseinanderfallen. Dieses Kartenhaus, das sie seit Monaten mit letzter Kraft abgestützt hatte, würde endgültig in sich zusammenbrechen.

Anna legte den Kopf auf die verschränkten Arme und blieb einfach so sitzen — in der stillen, leeren Küche, in der der Wasserhahn tropfte und das Lämpchen des Kühlschranks flackerte. Morgen würde wieder ein Tag kommen. Danach noch einer. Und am Mittwoch würden die Gäste eintreffen, und sie würde lächeln, Salate herumreichen und so tun, als wäre alles in Ordnung. Ihre Schwiegermutter würde bestimmt irgendeine Bemerkung über ihre Frisur oder ihr Kleid machen. Und Lukas würde mit den anderen lachen.

Weil es immer so gewesen war.

Am nächsten Morgen ist Lukas früh aus dem Haus gegangen. Die Tür ist ins Schloss geknallt, ein Abschied kam nicht. Anna blieb im Bett liegen, starrte an die Decke und lauschte, bis seine Schritte im Stiegenhaus verklungen waren. Auf dem Handy stand sieben Uhr. Eine Stunde hätte sie noch schlafen können, aber der Schlaf kam nicht mehr.

Schließlich stand sie auf und schaltete den Wasserkocher ein. In der Abwasch türmte sich das Geschirr vom Abend davor — Lukas hatte es natürlich nicht angerührt. Anna seifte gerade mechanisch die Teller ein, als das Telefon läutete. Unbekannte Nummer.

„Hallo?“

„Frau Anna?“, fragte eine Männerstimme, fremd, mit einem leichten Akzent. „Mein Name ist Tobias. Ich rufe wegen Ihres Mannes an.“

Ihr Herz rutschte ihr in den Magen. Unfall? Spital? In der Sekunde malte ihr Kopf das Schlimmste aus — so funktioniert er eben, wenn um sieben Uhr früh ein Fremder anruft.

„Was ist passiert?“, brachte sie hervor.

„Nichts Gefährliches. Ich wollte Sie nur warnen … persönlich.“ Er schwieg kurz. „Ihr Mann hat ein Verhältnis mit meiner Frau. Seit vier Monaten.“

Anna stand da, den nassen Schwamm in der Hand, und bekam kein Wort heraus. In ihrem Kopf war plötzlich nichts mehr. Nur eine weiße, summende Leere.

„Sind Sie noch dran?“, fragte der Mann vorsichtig.

„Ja“, flüsterte sie. „Ich … woher wissen Sie das?“

„Ich habe ihre Nachrichten gefunden. Die beiden wollen nach Neujahr zusammenziehen. Lukas hat ihr versprochen, sich im Jänner von Ihnen scheiden zu lassen. Er hat gesagt, die Entscheidung sei längst gefallen.“

Der Schwamm glitt ihr aus den Fingern und klatschte in die Abwasch. Anna griff nach der Tischkante, um nicht den Halt zu verlieren.

„Wer ist sie?“, fragte sie, und ihre eigene Stimme klang, als käme sie von weit weg.

„Barbara. Eine Freundin Ihrer Schwiegermutter.“

Barbara. Ausgerechnet diese Barbara, die am Mittwoch kommen sollte. Die Frau, für die Anna einen Tisch für zwölf Personen decken sollte. Plötzlich begann sie zu lachen — schrill, hysterisch, völlig unkontrolliert.

„Geht es Ihnen gut?“, fragte Tobias alarmiert.

„Ja“, sagte sie zwischen zwei Lachern. „Es ist nur … er hat mir befohlen, für sie zu kochen. Für sie und für alle anderen. Verstehen Sie?“

„Ich verstehe“, antwortete er leise. „Genau deshalb habe ich angerufen. Ich wollte Ihnen das nicht verschweigen.“

Hedis Stube