„Dein Schönheitssalon ist mir so was von wurscht!“ zischte Lukas und bestand darauf, dass Anna sofort den Tisch für zwölf Gäste richtet

Diese herablassende Kälte ist unerhört ungerecht.
Geschichten

„Sie hätten es sonst direkt von ihnen erfahren. Bei diesem Essen wollen sie verkünden, was mit Ihrer Ehe ist … dass es vorbei ist. Vor allen. Damit Sie keine Möglichkeit haben, eine Szene zu machen.“

Da lag es also offen vor ihr. Deshalb hatte Lukas so verbissen darauf bestanden. Deshalb hatte ihre Schwiegermutter auf einmal die ganze Familie zusammentrommeln wollen. Kein Festessen. Eine Hinrichtung. Öffentlich, demütigend, genau geplant.

Anna ließ sich auf einen Sessel sinken. In ihrem Hals saß ein harter Knoten, aber Tränen kamen keine. Nur Wut. Eine glühende, scharfe Wut, wie sie sie schon lange nicht mehr gespürt hatte.

„Danke, dass Sie mich gewarnt haben“, sagte sie mit erstaunlich ruhiger Stimme. „Und Sie … was machen Sie jetzt?“

Am anderen Ende blieb Tobias einen Moment still.

„Ich weiß es noch nicht. Ich denke nach. Wir haben zwei Kinder …“ Er atmete schwer aus. „Aber eines wollte ich Ihnen sagen: Lassen Sie nicht zu, dass sie Sie zum Opfer machen. Nicht bei diesem Abendessen. Bitte verstehen Sie mich richtig.“

Dann legte er auf.

Anna blieb sitzen und starrte auf das dunkler werdende Display ihres Handys. Schließlich stand sie auf und ging ins Schlafzimmer. Sie öffnete den Kasten. Auf einem Fach lagen Lukas’ Sachen, ordentlich gestapelt, als hätte in diesem Haushalt noch irgendetwas Ordnung. Sie begann, alles herauszuziehen, Stück für Stück: Hemden, Jeans, Socken. Ohne Hast, beinahe mechanisch, legte sie die Sachen in den großen Koffer, den sie vor drei Jahren für ihren gemeinsamen Urlaub gekauft hatten. Für jenen Urlaub, der nie stattgefunden hatte, weil Lukas im letzten Moment erklärt hatte, er müsse arbeiten.

Das Handy vibrierte.

Sophie: „Anna, das Lokal ist sonst weg. Der Eigentümer gibt uns nur bis heute Abend Zeit. Entscheide dich rasch.“

Anna sah auf den Koffer. Auf die sauber gefalteten Hemden. Auf ihr Leben der letzten vier Jahre, das in einem einzigen Augenblick zur Vergangenheit geworden war.

Dann tippte sie zurück: „Ich zahle die Anzahlung. Heute. Bin um zwei bei dir.“

Danach klappte sie den Laptop auf und meldete sich bei ihrem Onlinebanking an. Das gemeinsame Konto. Genau jenes Konto, auf dem ihre Ersparnisse gelegen hatten. Zweitausendsiebenhundert Euro. Anna überwies den gesamten Betrag auf ihre eigene Karte. Ohne Drama. Ohne Zögern. Ein Klick.

Dann setzte sie sich hin und wartete.

Etwa eine Viertelstunde später kam Lukas’ Nachricht: „WAS SOLL DER BLÖDSINN? WO IST DAS GELD HIN?!“

Anna schrieb langsam und sachlich zurück: „In den Salon. Übrigens fällt das Essen aus. Die Lebensmittel sind im Kühlschrank. Hol sie dir selbst. Oder schick Barbara.“

Sie stellte das Handy auf lautlos. Die Anrufe kamen trotzdem weiter, einer nach dem anderen. In einer halben Stunde waren es an die zwanzig. Danach meldete sich ihre Schwiegermutter mit einer Sprachnachricht, in der Empörung und Drohungen ineinanderflossen. Kurz darauf wieder Lukas, diesmal schriftlich, voller Beschimpfungen und Anschuldigungen.

Anna las nichts davon. Sie packte nur ihre eigenen Sachen in eine Reisetasche: Dokumente, Kleidung, Kosmetik. Dann bestellte sie ein Taxi. Als der Wagen vor dem Haus hielt, verließ sie die Wohnung, ohne sich noch einmal umzudrehen.

Im Taxi war es warm. Aus dem Radio kam leiser Jazz. Draußen zog die Stadt vorbei, dieselbe Stadt, in der sie vor vier Jahren geheiratet hatte, voller Vertrauen, dass Glück etwas Dauerhaftes sein könnte.

„Wohin fahren wir?“, fragte der Fahrer.

„Zu einer Freundin“, antwortete Anna und merkte, dass sie lächelte. „Und danach eröffne ich einen Schönheitssalon.“

Zum ersten Mal seit langer Zeit hatte sie das Gefühl, wieder frei atmen zu können.

Sophie wartete vor der Tür des Geschäftslokals auf sie. Es war klein, aber hell, mit großen Fenstern zur belebten Straße hinaus. Drinnen roch es nach frischer Farbe und nach etwas Neuem, noch Unberührtem.

„Du bist fünf Minuten zu spät“, sagte Sophie, zog sie aber sofort fest an sich. „Was ist passiert? Du bist ja kreidebleich.“

Anna erzählte es ihr. Kurz, nüchtern, ohne unnötige Ausschmückungen. Nur die Fakten. Sophie hörte zu, ohne sie zu unterbrechen. Als Anna fertig war, schüttelte sie nur langsam den Kopf.

„Was für ein mieser Kerl“, sagte sie leise. „Gut. Wir unterschreiben jetzt den Vertrag, und danach kümmern wir uns um den Rest.“

Der Eigentümer des Lokals war ein älterer Herr mit freundlichen Augen. Er legte ihnen die Unterlagen hin, Anna unterschrieb. Ihre Hand zitterte, aber sie zwang sich, ruhig zu bleiben. Die Anzahlung betrug fünfhundert Euro. Sie überwies sie von ihrer Karte. Und damit gehörte das Lokal ihnen. Ganz offiziell.

„Viel Glück, die Damen“, sagte der Eigentümer zum Abschied. „Sie werden hier etwas Schönes draus machen, da bin ich mir sicher.“

Kaum war er gegangen, zog Sophie eine Flasche Sekt aus ihrer Tasche.

„Ich hab gewusst, dass sich heute alles entscheidet“, sagte sie und schenkte in Plastikbecher ein. „Auf uns. Und auf ein neues Leben.“

Sie tranken. Anna spürte, wie sich Wärme in ihr ausbreitete. Nicht wegen des Alkohols, sondern wegen der Erkenntnis: Sie hatte es getan. Sie hatte sich für sich selbst entschieden.

Ihr Handy hörte nicht auf zu vibrieren. Anna warf einen Blick auf das Display: zweiunddreißig versäumte Anrufe. Schwiegermutter, Lukas, ein paar unbekannte Nummern. Sie stellte den Ton endgültig ab.

Hedis Stube