„Dein Schönheitssalon ist mir so was von wurscht!“ zischte Lukas und bestand darauf, dass Anna sofort den Tisch für zwölf Gäste richtet

Diese herablassende Kälte ist unerhört ungerecht.
Geschichten

„Bleibst du vorerst bei mir?“, fragte Sophie. „Bis du eine eigene Wohnung gefunden hast.“

„Nur, wenn ich dir nicht zur Last falle …“

„Geh, sei nicht deppert.“ Sophie stieß sie leicht mit der Schulter an. „Wir sind jetzt Geschäftspartnerinnen. Ab jetzt ziehen wir das gemeinsam auf.“

Am Abend saßen sie in Sophies Küche, tranken Tee und machten Listen. Geräte anschaffen, Handwerker finden, Werbung planen, Termine koordinieren … Es war unglaublich viel zu erledigen. Trotzdem hatte Anna keine Angst mehr. Angst hatte sie gehabt, solange sie ein Leben geführt hatte, das nicht ihres gewesen war. Jetzt wich dieses Gefühl Schritt für Schritt zurück.

Am nächsten Morgen, es war Mittwoch, ist Anna früh aufgewacht. Sophie schlief noch. Leise stand Anna auf, zog sich an und ging hinaus. Der Dezembermorgen war klirrend kalt, die Auslagen der Geschäfte leuchteten schon in weihnachtlichem Glanz. Menschen eilten zur Arbeit, in einem Café lachte jemand laut, andere blieben stehen und fotografierten geschmückte Christbäume.

Anna betrat ein Blumengeschäft und kaufte sich einen Strauß weißer Rosen. Einfach so. Weil sie es konnte.

Danach ging sie in den Salon. Ihren Salon. Drinnen stellte sie die Blumen auf das Fensterbrett, setzte sich mitten im leeren Raum auf den Boden und blieb dort eine Weile sitzen. Ohne Hast. Nur mit ihren Gedanken.

Das Handy vibrierte. Eine Nachricht von einer unbekannten Nummer: „Hier ist Tobias. Wie geht es Ihnen?“

Anna schrieb zurück: „Gut. Danke Ihnen. Wirklich gut.“

Kurz darauf kam die Antwort: „Das freut mich. Ich habe auch eine Entscheidung getroffen. Heute Früh habe ich die Scheidung eingereicht. Sollen sie zusammen glücklich werden – sie passen ohnehin zueinander.“

Anna lächelte. Eigenartig war das schon: Zwei Menschen, die einander kaum kannten und nur durch den Betrug anderer verbunden waren, standen plötzlich auf derselben Seite.

Gegen Mittag kam Sophie mit der Designerin vorbei. Sie hieß Leonie, hatte auffallend bunt gefärbte Haare und ein Tablet, auf dem sie bereits erste Entwürfe skizzierte. Gemeinsam sprachen sie über Farben, über die Anordnung der Sessel, über Spiegel, Licht und kleine Details. Anna hörte zu, brachte ihre eigenen Vorschläge ein, und Leonie nickte immer wieder und machte Notizen.

„Sie haben ein gutes Gespür“, meinte sie schließlich. „Nicht viele Kundinnen verstehen einen Raum so schnell.“

Anna bedankte sich. Zum ersten Mal seit Jahren hatte jemand ihre Meinung nicht übergangen, nicht kleingeredet, nicht abgewunken. Jemand hatte sie ernst genommen.

Als am Abend alle gegangen waren, blieb Anna noch allein im Salon. Sie setzte sich auf das Fensterbrett und schaute hinaus auf die Straße. Menschen gingen vorbei, jeder mit seiner eigenen Geschichte, mit Sorgen, Hoffnungen und kleinen Freuden. Und sie gehörte wieder dazu. Nicht als gebrochene Ehefrau. Nicht als Dienstmädchen für die Schwiegermutter. Sondern einfach als Anna. Als Frau, die einen Schönheitssalon eröffnen würde. Als jemand, der neu anfing.

Wieder läutete das Handy. Diesmal hob sie ab, denn auf dem Display stand Lukas.

„Hallo“, sagte sie ruhig.

„Anna …“ Seine Stimme zitterte. „Wo bist du? Komm heim, bitte. Wir müssen reden.“

„Es gibt nichts mehr zu besprechen, Lukas.“

„Das war alles ein Missverständnis! Barbara … sie hat doch selbst … ich wollte das nicht …“

Anna lachte leise, aber ohne Wärme.

„Vier Monate lang ein Missverständnis? Interessant. Hör zu, ich verschwende dafür keine Zeit mehr. Am Montag reiche ich die Scheidung ein. Die Wohnung kannst du behalten, ich verlange nichts. Das Geld, das ich mitgenommen habe, gehört mir. Ich habe es verdient. Damit ist alles gesagt.“

„Aber Anna …“

„Nicht mehr deine Anna.“ In diesem Moment spürte sie, wie sich der letzte Knoten in ihr löste. „Leb mit Barbara. Alles Gute.“

Sie beendete das Gespräch. Danach blockierte sie seine Nummer. Die seiner Mutter ebenfalls. Und alle anderen, die noch zu diesem alten Leben gehört hatten.

Draußen gingen die Straßenlaternen an. Schnee begann zu fallen, leicht, weich und schön. Anna sah zu, wie die Flocken im Licht der Auslagen tanzten, und dachte: Jetzt ist Dezember. Das neue Jahr ist nicht mehr weit. Also ist auch ein neues Leben nicht mehr weit.

Sie stand auf, sperrte den Salon ab und ging die Straße entlang. In ihrer Manteltasche lag der Schlüsselbund zum Geschäft – schwer, echt, spürbar. In der anderen Tasche steckte ihr Handy, endlich ohne lästige Anrufe. Und in ihrem Kopf waren Pläne, Ideen, Hoffnung.

Vor ihr lag alles. Wirklich alles.

In einem Monat würde der Salon aufsperren. Die ersten Kundinnen würden kommen. Sophie würde Maniküre machen, Leonie Haare schneiden, und Anna würde das alles führen: ihr eigenes Geschäft, ihren eigenen Traum.

Und Lukas? Nun ja. Er sollte mit seiner Barbara leben. Seine Mutter konnte nun sie herumkommandieren. Das war nicht länger Annas Geschichte.

Annas Geschichte begann hier. In dieser Stadt, in dieser Straße, in einem kleinen Salon mit großen Fenstern. Dort, wo es nach Farbe und Hoffnung roch. Dort, wo sie endlich sie selbst war.

Hedis Stube