„Hör zu, Anna, deine Spielerei als Geschäftsfrau ist ja ganz nett“, sagte Lukas spöttisch, während er ihren Anwaltstermin und den Verkauf ihres Firmenanteils herunterspielte

Diese selbstgerechte, kaltherzige Gleichgültigkeit verletzt zutiefst.
Geschichten

— Wohin willst du denn? — Lukas’ Stimme hat so alltäglich geklungen, als würde er mich fragen, welche Semmel er beim Bäcker mitnehmen soll.

Mit der Hand an der Tasche bin ich bei der Wohnungstür stehen geblieben. Er hat auf dem Sofa gelümmelt, völlig entspannt, und auf seinem Tablet herumgewischt. Nicht einmal aufgeschaut hat er.

— Ich habe einen Termin beim Anwalt, — sagte ich möglichst ruhig. — Das habe ich dir gestern gesagt.

— Ach ja, stimmt. — Erst jetzt hob Lukas den Blick. In seinen Augen blitzte etwas auf, das in mir sofort den Wunsch ausgelöst hat, mich umzudrehen und so rasch wie möglich zu verschwinden. — Aber bleib nicht zu lang weg. Mama kommt zum Mittagessen, da muss man noch etwas kochen.

Mama. Maria. Meine Schwiegermutter, die es in acht Jahren Ehe nicht geschafft hatte, mich einmal von sich aus zu grüßen. Dafür beherrschte sie die Kunst der Kritik meisterhaft: an meiner Frisur, an meiner Kleidung, sogar daran, wie ich die Handtücher in den Kasten legte.

— Lukas, ich komme erst am Abend zurück. Nach dem Termin muss ich noch ins Büro und Unterlagen unterschreiben.

Er legte das Tablet zur Seite. Langsam. Betont langsam.

— Was für Unterlagen?

— Wegen des Verkaufs meines Firmenanteils. Ich habe dir doch davon erzählt.

Für einen Moment wurde es still. Lukas sah mich an, als hätte ich plötzlich Chinesisch gesprochen.

— Hör zu, Anna, deine Spielerei als Geschäftsfrau ist ja ganz nett, — meinte er mit einem spöttischen Lächeln, und dieses Geräusch ließ mich den Henkel meiner Tasche fester umklammern. — Aber die Familie geht vor. Mama hat sich extra Zeit genommen, um vorbeizukommen. Kannst du deinen Kram nicht verschieben?

Ich habe nichts darauf gesagt. Ich habe mich nur umgedreht und bin hinausgegangen. Die Tür ist hinter mir lauter ins Schloss gefallen, als ich beabsichtigt hatte.

Im Lift zog ich mein Handy heraus. Eine Nachricht von Tobias, meinem Geschäftspartner, war eingelangt: „Die Käufer sind bereit, heute abzuschließen. 120.000 € werden direkt nach der Unterschrift überwiesen. Bestätige bitte die Uhrzeit.“

Hundertzwanzigtausend Euro. Für meinen Anteil an der IT-Firma, die Tobias und ich vor sechs Jahren gegründet hatten. Damals hatte ich meine letzten Ersparnisse in dieses Start-up gesteckt — 3.000 €, die ich noch vor der Hochzeit zusammengespart hatte. Lukas hatte nur gelacht: „Na dann, amüsier dich halt. Du wirst eh damit einfahren.“

Wir sind nicht eingefahren. Ganz im Gegenteil. Vor drei Jahren begann die Firma, konstant Gewinn abzuwerfen. Ich habe nachts gearbeitet, während Lukas geschlafen hat, habe Abläufe aufgebaut, Kundinnen und Kunden gesucht, Verträge vorbereitet. Und er hat das alles weiterhin für ein Hobby gehalten.

Der Termin beim Anwalt war schneller erledigt, als ich gedacht hatte. Die Unterlagen waren in Ordnung, der Verkauf rechtlich sauber. Tobias hatte bereits einen neuen Partner gefunden, der meinen Anteil übernehmen wollte. Hundertzwanzigtausend Euro waren ein fairer Betrag. Ich hätte verhandeln und mehr herausholen können, aber ich wollte dieses Kapitel endlich abschließen und weitergehen.

— Anna, bist du dir wirklich sicher? — Tobias sah mich ernst an. — Die Firma wächst. In einem Jahr könnte dein Anteil das Doppelte wert sein.

— Ich bin sicher, — antwortete ich und lächelte. — Ich brauche das Geld jetzt. Verfügbares Geld, verstehst du?

Er nickte. Weitere Fragen stellte er nicht. Wir hatten lange genug zusammengearbeitet, damit er wusste: Wenn ich eine Entscheidung getroffen hatte, dann gab es dafür Gründe.

In der Bankfiliale unterschrieb ich um drei Uhr nachmittags das letzte Dokument. Die Beraterin schenkte mir ein professionell höfliches Lächeln.

— Der Betrag wird innerhalb einer Stunde auf Ihrem Konto sein. Möchten Sie gleich ein Depot oder eine Veranlagung eröffnen? Die Konditionen sind derzeit sehr attraktiv.

— Nein, danke. Vorläufig bleibt es einfach am Konto.

Als ich wieder draußen stand, fühlte sich alles seltsam leicht an. Als hätte ich einen schweren Rucksack abgenommen, den ich jahrelang mit mir herumgeschleppt hatte. Die Firma war mein Stolz gewesen, mein eigenes Kind beinahe. Gleichzeitig war sie zu einem Anker geworden, der mich an ein Leben fesselte, das schon lange nicht mehr wirklich meines war.

Mein Handy vibrierte. Eine SMS von der Bank: „Gutschrift: 120.000,00 €.“

Hundertzwanzigtausend Euro auf meinem persönlichen Konto. Auf einem Konto, von dem Lukas nicht einmal wusste. Als ich es vor drei Jahren eröffnet hatte, hatte er nur gemeint: „Wozu brauchst du eine eigene Karte? Wir haben doch ein gemeinsames Budget.“ Ein gemeinsames Budget, über das er verfügte. Und das seine Mutter jeden Monat kontrollierte, weil „eine junge Familie lernen muss, sparsam zu sein“.

Ich setzte mich in ein Kaffeehaus gegenüber der Bank. Bestellte einen Cappuccino und ein Croissant. Dann saß ich einfach da, sah durch die Scheibe auf die winterliche Stadt hinaus, auf die Menschen, die eilig ihren Wegen nachgingen. Zum ersten Mal seit vielen Jahren hatte ich das Gefühl, wieder frei atmen zu können.

Nach Hause kam ich um acht Uhr abends. Schon im Vorzimmer hörte ich Stimmen aus dem Wohnzimmer — Lukas und Maria.

— …ich habe ja gleich gesagt, dass sie keine passende Partie ist, — sagte meine Schwiegermutter, ohne sich auch nur im Geringsten zurückzuhalten. — Ihr fehlt es an Erziehung und an Verständnis für die einfachsten Dinge.

Hedis Stube