Dafür, was es überhaupt heißt, eine Ehefrau zu sein. Sie denkt nur an sich.
— Mama, jetzt reicht es aber, — klang Lukas erschöpft.
Ich zog den Mantel aus und hängte ihn an die Garderobe. Dann ging ich ins Wohnzimmer. Maria saß in meinem Lieblingssessel und trank Tee aus dem Service, das ich besonders gern mochte. Lukas hatte sich daneben niedergelassen und starrte auf den Fernseher.
— Guten Abend, — sagte ich ruhig.
Meine Schwiegermutter musterte mich von oben bis unten. In ihrem Blick lag alles Mögliche, nur keine Freude darüber, mich zu sehen.
— Na endlich. Lukas hat gesagt, du kommst zu Mittag zurück.
— Ich habe gesagt, dass ich am Abend heimkomme.
— Hast du wenigstens ein Abendessen gemacht?
Ich sah zu Lukas. Er wich meinem Blick aus.
— Nein, — antwortete ich gelassen. — Ich war beschäftigt.
— Siehst du, Lukas, — Maria seufzte übertrieben schwer. — An die Familie denkt sie überhaupt nicht. Immer nur an sich selbst.
Früher hätte ich sofort begonnen, mich zu rechtfertigen. Ich hätte erklärt, mich entschuldigt, wäre in die Küche gelaufen und hätte rasch etwas gekocht, nur damit die Spannung verschwindet. Aber an diesem Abend war etwas anders.
— Maria, Lukas ist ein erwachsener Mann. Er kann sich durchaus selbst etwas zum Essen machen. Oder etwas bestellen.
Eine Stille breitete sich aus, so dicht, dass man die Wanduhr ticken hörte.
— Wie bitte?! — Maria stellte die Tasse mit einem lauten Klirren auf die Untertasse.
— Ich bin müde, — sagte ich schlicht. — Ich lege mich jetzt hin.
Ohne ihre Reaktion abzuwarten, ging ich ins Schlafzimmer.
Hinter der Tür ging es sofort los. Marias Stimme schnellte einmal schrill in die Höhe, dann sank sie wieder zu einem giftigen Zischen ab. Lukas murmelte irgendetwas zur Antwort, doch einzelne Worte konnte ich nicht verstehen. Ich legte mich aufs Bett und schloss die Augen. Seltsam war nur: Der Streit im Nebenzimmer machte mir keine Angst. Ich verspürte auch nicht den alten Drang, hinauszulaufen und alles wieder einzurenken. Da war nur Müdigkeit. Eine so tiefe, als hätte ich seit einer Woche kein Auge zugetan.
Nach einer halben Stunde stürmte Lukas ins Schlafzimmer. Sein Gesicht war rot, sein Blick hart.
— Spinnst du jetzt völlig? — Er blieb mitten im Zimmer stehen und verschränkte die Arme vor der Brust. — Mama weint deinetwegen.
Ich stützte mich auf den Ellbogen.
— Lukas, deine Mutter ist zweiundsechzig. Sie ist erwachsen. Wenn meine Worte sie so verletzt haben, kann sie mir das selbst sagen. Direkt.
— Was redest du da? Sie ist unsere Mutter!
— Deine Mutter, — verbesserte ich ihn. — Und übrigens bin ich ihr keine Rechenschaft über jeden meiner Schritte schuldig.
Er sah mich an, als stünde eine Fremde vor ihm.
— Was ist mit dir los? Früher warst du nicht so.
— Früher, — ich stand vom Bett auf, — habe ich geglaubt, ich muss euren Erwartungen entsprechen. Deinen und ihren. Ich dachte, ich muss kochen, putzen, lächeln und dankbar sein, dass man mich überhaupt in eure Familie aufgenommen hat.
— Anna …
— Ich bin müde, Lukas. Müde davon, bequem zu sein.
Er öffnete den Mund, als wollte er etwas erwidern, überlegte es sich aber anders. Dann drehte er sich um, ging hinaus und schlug die Tür hinter sich zu.
Ich blieb mitten im Schlafzimmer stehen. Meine Hände zitterten, mein Herz pochte heftig, und trotzdem war in mir plötzlich eine merkwürdige Klarheit. Als würde sich ein Nebel, der mich jahrelang umhüllt hatte, endlich langsam lichten.
Am nächsten Morgen wachte ich vom Geräusch von Schritten in der Küche auf. Lukas machte Kaffee — dem Lärm nach zu urteilen, ziemlich schlecht gelaunt. Ich zog meinen Morgenmantel über und ging hinaus. Er stand mit dem Rücken zu mir und schenkte Kaffee in zwei Tassen ein.
— Hör zu, — begann er, ohne sich umzudrehen. — Vergessen wir das von gestern einfach. Mama ist schon gefahren. Sie ist zwar gekränkt, aber ich habe sie beruhigt. Ich habe ihr gesagt, du hattest einen schweren Tag.
— Lukas, dreh dich zu mir um.
Er wandte sich um und hielt mir eine Tasse hin. Ich nahm sie nicht.
— Ich will mich scheiden lassen.
Kaffee schwappte auf den Boden. Die Tasse rutschte ihm aus den Fingern, zerbrach aber nicht, sondern rollte nur bis zum Herd.
— Was?
— Ich möchte die Scheidung, — wiederholte ich, ruhiger, als ich es selbst erwartet hätte. — Wir müssen reden. Wirklich reden.
Lukas stand da, als hätte ihm jemand einen Schlag auf den Kopf versetzt. Dann ließ er sich langsam auf einen Stuhl sinken.
— Du … machst einen Scherz?
— Nein.
— Wegen gestern? Wegen Mama? Anna, ich weiß, sie kann manchmal hart sein, aber …
— Nicht wegen gestern, — ich setzte mich ihm gegenüber. — Wegen allem. Wegen acht Jahren, in denen ich aufgehört habe, ich selbst zu sein. Weil du mich kein einziges Mal gefragt hast, was ich will. Weil meine Meinung in diesem Zuhause nie etwas gezählt hat.
Er schwieg. Er sah mich an, als suche er nach irgendeinem Haken.
— Hast du jemanden? — fragte er plötzlich.
Ich lachte auf. Müde, aber ehrlich.
— Nein, Lukas. Da ist niemand. Da bin nur ich. Und ich habe endlich begriffen, dass das reicht.
Er griff sofort nach seinem Handy.
— Ich muss Mama anrufen. Sie muss wissen …
— Wozu? — unterbrach ich ihn. — Das ist unser Gespräch.
