„Anna, mein Liebes“, brachte sie schluchzend hervor und hielt sich an der Autotür fest, als könnte sie damit alles aufhalten. „Ich wollte doch nur, dass es euch gut geht. Ich hab mir Sorgen gemacht!“
„Sie haben sich um Ihren Sohn gesorgt“, sagte ich leise. „Nicht um uns. Nur um ihn.“
Genau in diesem Augenblick ist Maximilian aus dem Stiegenhaus gestürzt. Ohne Jacke, in Hausschlapfen, völlig außer sich. Als er seine Mutter neben dem Taxi gesehen hat, ist er direkt auf uns zugelaufen.
„Anna, warte!“ Er schob Elisabeth zur Seite und packte den Türgriff. „Fahr nicht weg. Bitte.“
Durch die Scheibe sah ich ihn an. Sein Gesicht war kreidebleich, in seinen Augen stand nackte Panik.
„Maximilian, lass die Tür los.“
„Nein! Ich kann dich nicht einfach gehen lassen! Wir müssen reden!“
„Das haben wir bereits.“
„Wegen des Geldes?“ Er fuhr sich mit der Zunge über die Lippen. „Hör zu, ich verstehe ja, dass du es selbst verdient hast. Wirklich, das ist großartig. Ich bin stolz auf dich. Wir könnten … wir könnten es gut anlegen. Eine größere Wohnung kaufen. Oder ein Haus. Du hast doch immer von einem Haus mit Garten geträumt.“
In mir ist in diesem Moment endgültig etwas gerissen. Sogar jetzt, ausgerechnet jetzt, redete er vom Geld. Nicht von uns. Nicht davon, dass er mich verlor. Nur vom Geld.
„Maximilian“, sagte ich, ganz ruhig, fast erschreckend ruhig. „Geh vom Auto weg. Ich bitte dich jetzt zum letzten Mal im Guten.“
„Anna, ich liebe dich!“, stieß er hervor.
Die Worte klangen so hohl und einstudiert, dass ich beinahe gelacht hätte.
Wann hatte er mir das zuletzt gesagt? Vor einem Jahr? Vor zwei? Mechanisch, abends im Bett, ohne den Blick vom Handy zu heben?
„Lass los.“
Aber er ließ nicht los. Er stand da, die Finger fest um den Griff gekrallt, und ich sah die Verzweiflung in seinem Blick. Nur war es nicht die Verzweiflung eines Mannes, der die Frau verliert, die er liebt. Es war die Verzweiflung eines Menschen, dem etwas Wertvolles entgleitet. Besitz.
„Maximilian!“, rief Elisabeth und packte ihren Sohn an der Schulter. „Auf die Knie! Geh auf die Knie und bitte sie um Verzeihung!“
Er sah zuerst seine Mutter an, dann mich. Und plötzlich sank er tatsächlich hinunter. Mitten auf den nassen Asphalt, in seinen Hausschlapfen. Er faltete die Hände, als würde er beten.
„Anna, ich flehe dich an. Geh nicht. Ich ändere mich. Wir kriegen das wieder hin. Ich werde anders, ich schwöre es dir!“
Ein paar Leute beim Hauseingang blieben stehen und starrten zu uns herüber. Jemand zog bereits das Handy heraus — natürlich, um zu filmen. Der Taxifahrer räusperte sich verlegen.
„Gnädige Frau, vielleicht reden Sie doch noch kurz mit ihm? Der Herr ist ja schon ganz …“
Ich drückte den Fensterheber. Die Scheibe fuhr vollständig nach oben.
„Fahren Sie bitte.“
„Anna!“ Maximilian sprang auf und trommelte gegen das Fenster. „Anna, mach das nicht! Bitte!“
Elisabeth hing an seinem Arm, weinte und murmelte unverständliche Worte vor sich hin. Das Taxi setzte sich in Bewegung. Maximilian lief noch ein paar Meter hinterher, doch dann blieb er zurück.
Im Rückspiegel sah ich, wie er mitten im Hof stehen blieb, während seine Mutter auf ihn einredete und wild mit den Händen fuchtelte. Gleich darauf verschwanden beide hinter der Kurve.
„Das ist sicher nicht leicht für Sie“, meinte der Fahrer mitfühlend.
„Wissen Sie was?“ Ich lehnte mich zurück, und plötzlich spürte ich Tränen über meine Wangen laufen. Aber es waren keine Tränen der Trauer. Es war Erleichterung. „Zum ersten Mal seit vielen Jahren fühlt es sich leicht an.“
Er nickte nur und sagte nichts mehr. Ein taktvoller Mensch, offenbar.
Kaum waren wir auf die breite Straße eingebogen, begann mein Handy pausenlos zu vibrieren. Maximilian. Elisabeth. Wieder Maximilian. Ich stellte es lautlos.
Eine Nachricht kam von Lukas: „Wie geht’s dir? Ist alles halbwegs ruhig abgelaufen?“
Ich tippte zurück: „Ja. Alles gut. Danke dir für alles.“
Nur wenige Sekunden später erschien seine Antwort: „Halt durch. Und wenn irgendwas ist — ich bin jederzeit erreichbar.“
Ich musste lächeln. Lukas war ein guter Mensch. Er war immer auf meiner Seite gewesen.
Das Hotel, zu dem ich den Fahrer gebeten hatte, war klein, aber gemütlich. Mitten in der Stadt, gleich bei einem Park. Ich nahm ein Zimmer für eine Woche — genug Zeit, um eine vernünftige Wohnung zu finden und die Unterlagen zu ordnen.
Als die Zimmertür hinter mir ins Schloss gefallen war, setzte ich mich auf das Bett und sah mich um. Sauber. Still. Niemand da, der mir erklärte, was ich wieder falsch machte. Niemand, der jedes meiner Worte zerpflückte.
Das Handy vibrierte erneut. Maximilian. Der siebenunddreißigste Anruf. Ich sperrte seine Nummer. Danach auch Elisabeths.
Morgen würde ich eine Anwältin anrufen und die Scheidung in die Wege leiten. Übermorgen würde ich mich mit einem Immobilienmakler treffen. Das Leben ging weiter.
Ich trat ans Fenster. Unten leuchteten die Lichter der Stadt, Menschen eilten ihren eigenen Wegen nach. Irgendwo dort draußen war Maximilian, der endlich begriffen hatte, was er verloren hatte. Und irgendwo dort draußen war Elisabeth, die verstanden hatte, dass ihre Schwiegertochter nicht so harmlos war, wie sie geglaubt hatte.
Ich aber stand am Fenster, den Kopf hoch erhoben, und wusste zum ersten Mal seit acht Jahren ganz genau: Ich bin frei.
