„Wohin willst du jetzt eigentlich?“ Lukas’ Stimme klang so beiläufig, als würde er mich fragen, welches Brot er im Geschäft mitnehmen soll.
Mit der Tasche in der Hand blieb ich bei der Tür stehen. Er lag halb auf dem Sofa, als gehöre ihm nicht nur dieses Möbelstück, sondern die ganze Wohnung, und wischte auf seinem Tablet herum. Den Blick hob er nicht einmal.
„Ich habe einen Termin beim Juristen“, sagte ich möglichst ruhig. „Das habe ich dir gestern schon gesagt.“
„Aha, stimmt ja.“ Erst jetzt schaute Lukas zu mir auf. In seinen Augen blitzte etwas auf, das mir sofort den Wunsch gab, mich umzudrehen und einfach zu verschwinden. „Aber bleib nicht zu lange weg. Mama kommt zu Mittag, da muss irgendwas gekocht werden.“
Mama. Barbara. Meine Schwiegermutter, die es in acht Jahren Ehe nicht geschafft hatte, mich von sich aus zu grüßen. Dafür beherrschte sie die Kunst, alles an mir zu bemängeln, meisterhaft: meine Frisur, meine Kleidung, sogar die Art, wie ich die Handtücher in den Kasten legte.

„Lukas, ich komme erst am Abend zurück. Nach dem Termin muss ich noch ins Büro, Unterlagen unterschreiben.“
Er legte das Tablet zur Seite. Langsam. Fast feierlich, als wollte er mir zeigen, wie ungeheuerlich er meine Antwort fand.
„Welche Unterlagen?“
„Wegen des Verkaufs meines Firmenanteils. Ich habe es dir doch erzählt.“
Für einen Moment war es vollkommen still. Lukas starrte mich an, als hätte ich plötzlich in einer fremden Sprache gesprochen.
„Hör einmal, Anna, deine Spielerei als Geschäftsfrau ist ja ganz nett“, sagte er und verzog den Mund zu einem spöttischen Lächeln. Dieses Geräusch, dieses kurze Auflachen, ließ mich den Griff meiner Tasche fester umklammern. „Aber Familie geht vor. Mama hat sich extra Zeit genommen, um herzukommen. Kannst du deine Sachen nicht verschieben?“
Ich gab keine Antwort. Ich drehte mich einfach um und ging hinaus. Die Wohnungstür fiel hinter mir zu, lauter, als ich es beabsichtigt hatte.
Im Lift zog ich das Handy aus der Tasche. Eine Nachricht von Sebastian, meinem Geschäftspartner, leuchtete auf: „Die Käufer sind bereit, heute abzuschließen. 120.000 € gehen unmittelbar nach der Unterzeichnung auf dein Konto. Bestätige mir bitte die Uhrzeit.“
Hundertzwanzigtausend Euro. Für meinen Anteil an der IT-Firma, die Sebastian und ich vor sechs Jahren gegründet hatten. Damals hatte ich meine letzten Ersparnisse in dieses Start-up gesteckt – 3.000 €, die ich noch vor der Hochzeit mühsam zur Seite gelegt hatte. Lukas hatte nur gelacht: „Na dann, amüsier dich. Du wirst sowieso damit einfahren.“
Wir sind nicht eingefahren. Im Gegenteil. Vor drei Jahren hatte die Firma endlich stabil Gewinn abgeworfen. Ich hatte nachts gearbeitet, während Lukas schlief, Abläufe aufgebaut, Kundinnen und Kunden gesucht, Angebote geschrieben und verhandelt. Für ihn blieb es trotzdem bloß ein Hobby.
Der Termin beim Juristen war schneller vorbei, als ich erwartet hatte. Die Papiere waren sauber vorbereitet, rechtlich war alles in Ordnung, kein Haken, keine versteckte Falle. Sebastian hatte bereits einen neuen Partner gefunden, der meinen Anteil übernehmen wollte. Hundertzwanzigtausend Euro waren ein fairer Preis. Natürlich hätte ich verhandeln können, vielleicht wäre mehr herauszuholen gewesen. Aber ich wollte dieses Kapitel endlich schließen und weitergehen.
„Anna, bist du dir wirklich sicher?“ Sebastian sah mich ernst an. „Die Firma wächst. In einem Jahr kann dein Anteil zweihunderttausend wert sein.“
„Ich bin sicher“, antwortete ich und brachte sogar ein Lächeln zustande. „Ich brauche das Geld jetzt. Wirkliches, verfügbares Geld. Verstehst du?“
Er nickte. Fragen stellte er keine. Dafür hatten wir zu lange zusammengearbeitet. Er wusste: Wenn ich eine Entscheidung getroffen hatte, dann gab es Gründe dafür.
In der Bankfiliale unterschrieb ich um drei Uhr nachmittags das letzte Dokument. Die Beraterin lächelte freundlich und professionell, so wie Menschen lächeln, die jeden Tag mit Geld umgehen, das nicht ihnen gehört.
„Der Betrag sollte innerhalb einer Stunde auf Ihrem Konto sein. Möchten Sie gleich ein Festgeld eröffnen? Die Konditionen sind derzeit wirklich attraktiv.“
„Nein, danke. Vorerst lasse ich es einfach am Konto.“
Als ich wieder auf der Straße stand, fühlte es sich seltsam an. Als hätte ich einen schweren Rucksack abgesetzt, den ich jahrelang mit mir herumgeschleppt hatte. Die Firma war mein Stolz gewesen, mein eigenes Werk, mein Beweis, dass ich etwas schaffen konnte. Gleichzeitig war sie aber auch zu einem Anker geworden, der mich an ein Leben fesselte, das längst nicht mehr meines war.
Das Handy vibrierte. Eine SMS von der Bank: „Gutschrift: 120.000,00 €.“
Hundertzwanzigtausend Euro auf meinem persönlichen Konto. Auf einem Konto, von dem Lukas nicht einmal wusste. Als ich es vor drei Jahren eröffnet hatte, hatte er nur gesagt: „Wozu brauchst du eine eigene Karte? Wir haben doch ein gemeinsames Budget.“ Ein gemeinsames Budget, über das er verfügte. Und das seine Mutter jeden Monat kontrollierte, weil „eine junge Familie lernen muss, sparsam zu sein“.
Ich setzte mich in das Kaffeehaus gegenüber der Bank. Bestellte einen Cappuccino und ein Croissant. Dann saß ich einfach da, sah durch die Scheibe hinaus auf die winterliche Stadt, auf Menschen, die eilig ihren Angelegenheiten nachgingen. Zum ersten Mal seit vielen Jahren hatte ich das Gefühl, wirklich tief Luft holen zu können.
Nach Hause kam ich erst um acht Uhr am Abend. Schon im Vorzimmer hörte ich Stimmen aus dem Wohnzimmer: Lukas und Barbara.
„…ich habe dir doch gleich gesagt, dass sie keine passende Partie für dich ist“, sagte meine Schwiegermutter ohne jede Zurückhaltung. „Ihr fehlt es an Erziehung, und Verständnis hat sie auch keines.“
