– Mama, Papa, Tobias und Sophie kommen am Samstag. Sie bleiben einen Monat bei uns.
Lukas hat das so nebenbei gesagt. Er ist beim Kühlschrank gestanden, hat Kefir direkt aus dem Packerl getrunken und am Handy herumgewischt. Als hätte er mir den Wetterbericht vorgelesen.
Ich hatte gerade einen Teller in der Hand. Ich habe ihn auf den Tisch gestellt. Ganz langsam, ganz vorsichtig.
– Einen Monat, – habe ich wiederholt.
– Ja eh. Papa hat Urlaub, Mama wollte schon lang wieder her. Tobias kommt mit Sophie auch dazu. Dann sind wir einmal alle beisammen, – er hat gelächelt, ohne vom Display aufzuschauen. – Ist doch normal.

Normal. Seit sieben Jahren sind wir verheiratet. In dieser Zeit ist seine Verwandtschaft viermal bei uns eingefallen. Jedes Mal länger als eine Woche. Jedes Mal praktisch ohne Vorwarnung. Na gut, fast ohne. Drei Tage vorher Bescheid sagen zählt ja als Vorwarnung, oder?
Ich arbeite als Buchhalterin von daheim aus. Mein Arbeitszimmer hat acht Quadratmeter und liegt gleich neben dem Schlafzimmer. Ein Tisch, der Computer, Ordner, Unterlagen. Jeder Zentimeter ist ausgenützt, weil unsere Wohnung nur zwei Zimmer hat. Kein Palais.
– Lukas, – ich habe versucht, ruhig zu klingen. – Wir sind zu zweit. Wir haben zwei Zimmer. Wo sollen vier erwachsene Menschen schlafen?
Da hat er endlich das Handy sinken lassen.
– Mama und Papa im Wohnzimmer auf der Couch. Tobias und Sophie bei dir im Arbeitszimmer. Wir kaufen halt eine Luftmatratze.
– Und wo soll ich arbeiten?
– Am Küchentisch, – er hat mit den Schultern gezuckt. – Oder im Schlafzimmer. Einen Laptop hast du ja.
Ich bin dagestanden und habe ihn angeschaut. Er hat nicht einmal gefragt. Kein „Wäre das für dich in Ordnung?“, kein „Was meinst du dazu?“. Er hat es einfach beschlossen und mir hingestellt wie eine fertige Tatsache. Als wäre es seine Wohnung und ich bloß ein Zubehörteil.
– Du hättest das wenigstens mit mir besprechen können, – habe ich gesagt.
– Was gibt’s da zu besprechen? Das sind meine Eltern. Keine fremden Leute.
Keine fremden. Aber auch nicht meine. Ich habe tief Luft geholt. Dann habe ich ausgeatmet.
– Gut, – sagte ich. – Dann gibt es eine Bedingung. Du kochst. Du räumst zusammen. Es sind deine Gäste, also kümmerst du dich um sie.
Lukas hat gelacht, als hätte ich einen Schmäh gemacht.
– Anna, bitte. Was ist denn los mit dir? Mama kocht eh selber. Sie kocht ja gern.
Ich habe nichts darauf erwidert. Ein halbes Jahr lang hatte ich Geld auf die Seite gelegt. Jeden Monat siebzig, manchmal achtzig Euro aus den freien Aufträgen, die ich zusätzlich zu meiner eigentlichen Arbeit angenommen hatte. Am Abend, in der Nacht. Ich habe fremde Bilanzen kontrolliert, damit ich mir endlich einen Urlaub leisten konnte. Einen richtigen, am Meer, mit Ruhe. Vierhundertachtzig Euro lagen auf einer eigenen Karte.
Meine kleine Flucht. Damals habe ich noch nicht geahnt, wie bald ich sie brauchen würde.
Am Samstag sind sie gekommen. Alle vier. Mit drei Koffern, zwei Reisetaschen und Sackerln vom Billa – drei Gläser Essiggurkerl und eine Packung Buchweizen. Offenbar ein Geschenk.
Barbara Pawlowna ist als Erste hereingekommen. Eine stattliche Frau, an jedem Finger ein Ring, mit einer Stimme, bei der wahrscheinlich sogar die Katzen der Nachbarn zusammengezuckt sind. Sie hat unseren Vorraum gemustert, als würde sie eine frisch renovierte Wohnung abnehmen.
– Eng habt ihr’s, – sagte sie statt „Grüß Gott“. – Und diese Tapeten. Wie lang wollt ihr euch das noch anschauen? Das hab ich beim letzten Mal schon gesagt.
– Grüß Gott, – habe ich geantwortet.
Mein Schwiegervater Michael Petrowitsch, ein leiser, unauffälliger Mann, hat mir nur zugenickt und ist sofort Richtung Fernseher verschwunden. Tobias, Lukas’ älterer Bruder, hat sich seitlich durch die Tür geschoben. Hinter ihm Sophie, schmal, schweigsam, mit Augen, die fast immer auf den Boden gerichtet waren.
Lukas ist geschäftig hin und her gelaufen. Er hat Koffer getragen, Möbel in meinem Arbeitszimmer verschoben und die Luftmatratze aufgeblasen. Das Ding hat am Ende das halbe Zimmer eingenommen. Meinen Schreibtisch haben sie so eng an die Wand gerückt, dass der Sessel nicht mehr dazwischengepasst hat.
– Ich arbeite hier, – habe ich in der Küche zu Lukas gesagt.
– Dann arbeitest du halt einstweilen am Küchentisch. Ist ja nur vorübergehend. Nur ein Monat.
Nur ein Monat. Zweihundertvierzig Arbeitsstunden am Küchentisch, neben Töpfen, Pfannen und meiner Schwiegermutter.
Den ersten Tag habe ich beim Herd verbracht. Barbara Pawlowna hat nicht gekocht. Sie hat dirigiert. Sie hat sich auf einen Hocker gesetzt, die Arme verschränkt und begonnen:
– Die Zwiebel feiner schneiden. So grobe Zwiebel, das ist kein Borschtsch, das ist Abwaschwasser.
– Die Karotten werden gerieben, nicht gewürfelt. Wer macht denn so was?
– Das Öl ist falsch. Es muss unraffiniert sein. Lukas, schreib dir das auf, deine Frau soll es kaufen.
Drei Stunden bin ich beim Herd gestanden. Die Roten Rüben habe ich, wie immer, im Rohr gebacken, damit die Farbe bleibt. Meine Schwiegermutter hat am Topf gerochen und das Gesicht verzogen.
– Borschtsch muss dunkel sein. Das da ist rosiges Wasser.
Ich habe geschwiegen. Lukas ist im Wohnzimmer bei seinem Vater gesessen und hat Fußball geschaut. Die Bedingung „Du kochst“ war nach genau zwölf Stunden vergessen.
Tobias hat gegessen wie drei Männer. Einen Teller Borschtsch, dann einen zweiten, dazu fast einen halben Laib Brot. Sophie hat nur mit dem Löffel darin herumgestochert. Meine Schwiegermutter hat gegessen und gleichzeitig jeden Bissen kommentiert.
– Versalzen, – hat sie gesagt.
Michael Petrowitsch hat wortlos Nachschlag genommen. Ich habe beschlossen, das als Kompliment zu werten.
Am Abend des ersten Tages habe ich das Geschirr für sechs Personen abgewaschen. Zweiundzwanzig Teile: Teller, Häferl, Töpfe, eine Pfanne. Lukas hat eine Serie angeschaut. Tobias hat an meinem Arbeitsplatz geschnarcht.
Ich habe mich im Schlafzimmer aufs Bett gesetzt und den Laptop aufgeklappt. Ein dringender Bericht war offen, der Kunde wartete bis Montag darauf. Die Lampe hat sich im Bildschirm gespiegelt, der Tisch war viel zu niedrig, also habe ich mir ein Polster unter die Ellbogen geschoben.
Durch die Wand hörte ich Barbara Pawlowna mit Lukas darüber reden, dass „die Schwiegertochter ruhig einmal lächeln könnte“. Jedes einzelne Wort ist bei mir angekommen.
– Sie ist müde, Mama, – sagte Lukas.
