„Das sind meine Eltern“, sagte er abweisend

Diese egoistische Selbstverständlichkeit ist schmerzhaft und unverschämt.
Geschichten

– Und ich bin nicht müde? – kam es von Barbara Pawlowna zurück. – Ich bin zehn Stunden im Zug gesessen. Trotzdem bringe ich ein Lächeln zusammen.

Ich habe den Laptop zugeklappt. Meine Finger haben von der Tastatur gebrannt, im Rücken hat es gezogen. Bis zum Monatsende waren noch neunundzwanzig Tage übrig.

Am dritten Tag hat Barbara Pawlowna das Wohnzimmer umgestellt.

Ich bin vom Einkaufen heimgekommen – vier volle Sackerl, dreiundzwanzig Euro – und habe den Raum kaum wiedererkannt. Das Sofa stand quer im Zimmer. Der Fernseher war zum Fenster gedreht. Mein Ficus, den ich drei Jahre lang gehegt hatte, stand draußen am Gang auf dem Boden.

– So ist es viel besser, – verkündete meine Schwiegermutter. – Die Energie muss im Zimmer frei fließen können.

– Barbara Pawlowna, – ich stellte die Sackerl ab. – Lukas und ich haben die Möbel absichtlich so hingestellt. Wenn das Sofa dort steht, verdeckt es den Heizkörper. Dann wird es hier viel zu warm.

– Geh, Unsinn. Dann kippt ihr halt das Fenster.

Ich habe zu Lukas hinübergeschaut. Er rieb sich den Nasenrücken. Diese Bewegung kannte ich: sein ewiges Zeichen dafür, dass er sich aus allem heraushalten wollte.

– Mama, vielleicht stellen wir es wirklich wieder zurück, – setzte er an.

– Lukaserl, ich weiß es besser. Ich lebe seit vierzig Jahren länger auf dieser Welt als sie.

Ich habe den Ficus aufgehoben und ihn zurück aufs Fensterbrett gestellt. Danach bin ich zum Sofa gegangen und habe begonnen, es zu schieben.

– Was machst du da? – Meine Schwiegermutter richtete sich halb auf.

– Ich stelle es wieder dorthin, wo es hingehört, – sagte ich. – Das ist unsere Wohnung. Und die Möbel stehen so, wie wir es entschieden haben.

Es wurde still. Barbara Pawlowna sah Lukas an. Lukas starrte gegen die Wand. Hinter der Wand schaltete Michael Petrowitsch den Fernsehsender um.

– Na bitte, – sagte meine Schwiegermutter schließlich. – So ist sie also, deine Frau, Lukaserl. Kalt wie ein Stein. Dabei habe ich es doch nur gut mit euch gemeint.

Sie verschwand in der Küche und begann dort mit dem Geschirr zu scheppern. Das Sofa habe ich allein zurückgeschoben; Lukas half mir nicht. Zwischen den Schulterblättern fuhr mir der Schmerz wie eine Klinge hinein.

Am Abend kam Lukas ins Schlafzimmer.

– Warum musstest du das so machen? – fragte er.

– Was genau?

– Vor Mama. Sie ist jetzt gekränkt.

– Sie hat unsere Möbel umgestellt, ohne uns zu fragen.

– Sie wollte doch nur helfen.

Ich sagte nichts mehr. Ich legte mich hin und drehte ihm den Rücken zu. Durch die Wand hörte ich Barbara Pawlowna mit einer Freundin telefonieren. Fetzen drangen zu mir herüber: „die Schwiegertochter ist ein vertrockneter Keks“, „mein armer Lukas leidet“, „nicht einmal einen anständigen Borschtsch bringt sie zusammen“.

Sieben Jahre. Seit sieben Jahren hörte ich dasselbe, nur in immer neuen Varianten. Und jedes Mal rieb Lukas sich den Nasenrücken und schwieg.

Am nächsten Tag benahm sich meine Schwiegermutter, als wäre überhaupt nichts gewesen. Sie lächelte, deckte den Tisch – mit meinen Tellern – und erzählte Tobias, wie sie hier „alles ordentlich organisiert“ habe.

Ich öffnete den Kühlschrank. Leer. Am Vortag war er noch voll gewesen, ich hatte für zwei Tage eingekauft. Sechs Erwachsene hatten innerhalb von vierundzwanzig Stunden alles aufgegessen: zwei Kilo Hendl, ein Packerl Butter, ein Weißbrot, Käse, Paradeiser, Gurken, einen Liter Milch. Dreiundzwanzig Euro – weg an einem einzigen Tag.

Ich nahm mein Handy, öffnete die Notizen und begann zu rechnen.

Am zehnten Tag kannte ich die Zahlen bereits auswendig.

Lebensmittel: im Schnitt zweiundzwanzig Euro pro Tag. In zehn Tagen also zweihundertzwanzig Euro. Auf einen Monat gerechnet wären das mehr als sechshundert.

Strom: Die Waschmaschine lief täglich. Früher hatten wir sie zweimal in der Woche eingeschaltet. Vier zusätzliche Erwachsene plus wir zwei – sechs volle Maschinen statt zwei.

Wasser: Ich hatte den Zähler im Blick. In zehn Tagen war so viel durchgelaufen, wie Lukas und ich sonst in eineinhalb Monaten verbrauchten.

Und dann war da noch meine Zeit. Jeden Tag vier Stunden am Herd. Vierzig Stunden in zehn Tagen. Eine ganze Arbeitswoche, nur fürs Kochen.

Tobias und Sophie hatten mein Arbeitszimmer vollständig in Beschlag genommen. Die Luftmatratze lag noch immer mitten im Raum. Sophie hatte ihre Kleidung über meinen Bürosessel gehängt. Tobias hatte einen Lautsprecher angeschleppt und hörte laut alte Schlager.

Ich arbeitete in der Küche, den Laptop eingeklemmt zwischen Schneidbrett und einem Glas Essiggurkerl.

Am Mittwoch rief der Kunde an.

– Frau Anna, wann schicken Sie mir den Bericht? Ich warte jetzt schon den dritten Tag.

– Morgen, – sagte ich.

Ich legte auf. Genau in diesem Moment kam meine Schwiegermutter in die Küche.

– Annerl, mach doch bitte Fleischlaibchen. Tobias isst sie so gern mit Erdäpfelpüree.

Ich sah sie an. Dann den Laptop. Dann wieder sie.

– Barbara Pawlowna, ich arbeite.

– Geh bitte, das geht doch schnell. Faschiertes ist eh im Kühlschrank.

Im Kühlschrank war kein Faschiertes. Ich hatte am Morgen nachgesehen. Ich hatte es gestern gekauft – eineinhalb Kilo, knapp fünf Euro. Beim Abendessen war alles als Fleischbällchen verschwunden.

– Das Faschierte ist aus, – sagte ich.

– Na dann geh halt welches holen! Das Geschäft ist gleich gegenüber.

Ich klappte den Laptop zu und stand auf. Meine Hände ballten sich von selbst zu Fäusten, und ich spürte, wie sich die Fingernägel in meine Handflächen bohrten.

Am Abend beim Essen – ich hatte die Fleischlaibchen am Ende tatsächlich gemacht, nachdem ich das Faschierte von meinem eigenen Geld gekauft hatte – begann Barbara Pawlowna ein neues Thema.

– Michael und ich sparen ja gerade auf die Renovierung, – sagte sie. – Mit der Pension ist es schwer. Lukaserl hilft natürlich, aber es ist halt wenig.

Ich hob den Blick.

– Wenig? – fragte ich nach.

Lukas überwies seinen Eltern jeden Monat hundertfünfzig Euro. Aus unserem gemeinsamen Budget. Ich kannte die Summe genau, weil ich unsere Haushaltsrechnung führte.

– Na ja, was sind schon hundertfünfzig Euro, – meinte meine Schwiegermutter und wedelte mit der Hand. – Das reicht ja nicht einmal für Lebensmittel im Monat.

Ich legte die Gabel hin und schaute der Reihe nach alle an. Lukas rieb sich den Nasenrücken. Tobias kaute weiter. Sophie starrte auf ihren Teller. Michael Petrowitsch räusperte sich.

– Gut, dann rechnen wir einmal, – sagte ich.

Alle erstarrten.

– Ihr wohnt jetzt seit zehn Tagen bei uns.

Hedis Stube