„Das sind meine Eltern“, sagte er abweisend

Diese egoistische Selbstverständlichkeit ist schmerzhaft und unverschämt.
Geschichten

In dieser Zeit habe ich allein für Lebensmittel zweihundertzwanzig Euro ausgegeben. Nur fürs Essen. Ohne Wasser, Strom und ohne die Stunden, die ich in der Küche stehe, statt Aufträge abzuarbeiten. Wenn das so weitergeht, sind wir bis Monatsende bei ungefähr siebenhundert Euro. Vielleicht legen wir zusammen?

Es wurde so still, dass man den Wasserhahn tropfen gehört hat.

– Spinnst du? – Barbara ist dunkelrot angelaufen. – Du willst von der eigenen Familie Geld verlangen?

– Ich schlage vor, dass wir die Kosten aufteilen. Lukas und ich verdienen nicht so viel, dass wir sechs Erwachsene durchfüttern können.

– Lukas, hörst du das? – Meine Schwiegermutter hat sich zu ihrem Sohn umgedreht. – Sie will uns ausnehmen!

Lukas hob beschwichtigend die Hand.

– Anna, bitte. Muss das jetzt sein? Vor allen?

– Wann denn sonst? Wenn ich es dir unter vier Augen sage, hörst du mir ja nicht zu.

Tobias schob seinen Teller ein Stück von sich weg.

– Also wirklich, Anna. Wir sind doch zu Besuch da. Wer kassiert denn von Gästen Geld?

– Besuch dauert drei Tage, – sagte ich ruhig. – Ein Monat ist kein Besuch mehr. Das ist Wohnen.

Sophie hob den Blick. Sie schaute mich an, und in ihren Augen war für einen Moment etwas, das fast wie Mitleid ausgesehen hat.

Das Abendessen war danach vorbei. Ohne ein weiteres Wort. Abgewaschen habe ich allein – vierunddreißig Teile, ich habe mitgezählt. Niemand ist aufgestanden. Niemand hat gefragt, ob er helfen soll. Und zusammengelegt hat natürlich auch niemand.

Am Abend ist Lukas nicht ins Schlafzimmer gekommen. Er hat im Auto geschlafen. Ich habe es vom Fenster aus gesehen.

Am zwölften Tag bin ich um halb sieben in der Früh von Barbaras Stimme wach geworden.

– Annerl! Der Borschtsch muss aufgesetzt werden! Ich bin es gewohnt, um zwölf zu Mittag zu essen!

Halb sieben. Samstag. Mein einziger freier Tag, an dem keine dringenden Berichte auf mich gewartet haben.

Ich bin liegen geblieben und habe an die Decke gestarrt. Hinter der Wand hat Tobias gehustet. Sophie raschelte mit Sackerln. Michael Petrowitsch drehte den Fernseher auf – in voller Lautstärke, weil er schlecht hörte.

Lukas tauchte im Türrahmen auf. Er roch nach Auto. Also hatte er wieder dort geschlafen.

– Anna, komm, steh auf. Mama wartet schon.

Ich setzte mich im Bett auf und sah meinen Mann an. Seine breiten Schultern, die sich sofort zusammenzogen, als aus der Küche wieder die Stimme seiner Mutter herüberkam.

– Lukas, – fragte ich leise, – hast du mich eigentlich gefragt, bevor du sie eingeladen hast?

– Anna, nicht schon wieder.

– Doch, genau das. Du hast vier Leute für einen Monat in unsere Wohnung geholt. Ohne mich vorzuwarnen. Ohne zu fragen. Du hast dich nicht einmal erkundigt, ob ich Arbeit habe, Termine, Pläne. Du hast nur gesagt: „Sie kommen am Samstag.“ Punkt.

Er rieb sich den Nasenrücken. Diese vertraute Bewegung. Seit sieben Jahren schaue ich mir das an.

– Es ist meine Familie, Anna. Was hätte ich tun sollen? Absagen?

– Mir hast du auch nicht abgesagt. Du hast mich einfach gar nicht erst gefragt.

– Und was willst du jetzt? Soll ich sie hinauswerfen?

Ich gab keine Antwort. Ich stand auf, ging in die Küche und begann mit dem Borschtsch. Vier Stunden: Rote Rüben, Kraut, Einbrenn, Suppe. Barbara saß neben mir auf einem Hocker und zählte die Salzlöffel mit.

– Zu wenig. Borschtsch ohne Salz ist kein Borschtsch.

Ich gab noch einen halben Löffel dazu.

– Immer noch zu wenig.

Ich salzte nach.

– Na also. Aber die Roten Rüben hast du wieder falsch gemacht.

Zwölf Tage. Jeden Tag vier Stunden kochen. Achtundvierzig Stunden. Eine ganze Arbeitswoche und noch ein zusätzlicher Tag obendrauf. Und vor mir lagen noch achtzehn weitere Tage.

Nach dem Mittagessen rief Barbara Lukas auf den Balkon. Ich stand beim Abwasch und hörte durch das gekippte Fenster jedes Wort.

– Sie passt nicht zu dir, Lukas. Kalt ist sie. Geizig. Sie rechnet der Familie jeden Bissen vor. Du hättest etwas Besseres verdient.

Ich drehte das Wasser ab. Der Teller in meinen Händen war glitschig vom Spülmittel. Ich stellte ihn in den Abtropfer. Ganz gerade. Ganz vorsichtig.

Dann trocknete ich mir die Hände am Geschirrtuch ab, ging ins Schlafzimmer, klappte den Laptop auf und suchte nach Last-Minute-Reisen.

Türkei, Antalya, Abflug übermorgen. Achtundzwanzig Tage, Drei-Sterne-Hotel, All-inclusive. Vierhundertvierzig Euro. Auf meiner Karte waren vierhundertachtzig.

Ich klickte auf „Buchen“. Meine Hände zitterten nicht. Zum ersten Mal seit zwölf Tagen.

Am Morgen des vierzehnten Tages stand ich früher auf als alle anderen. Fünf Uhr. Dunkel. Still.

Ich packte meinen Koffer. Sommerkleider, Badeanzug, Sandalen, Sonnencreme, Ladegerät, Pass. Der Koffer war klein, Handgepäck. Ich hatte ihn mir vor drei Jahren extra gekauft, damit ich nichts aufgeben muss.

Auf dem Küchentisch ließ ich einen Zettel liegen. Mit der Hand geschrieben, in großen Buchstaben, damit ihn garantiert jeder lesen konnte.

„Herzlich willkommen! Eure gastfreundliche Hausherrin ist auf Urlaub gefahren. Für einen Monat. Im Tiefkühler sind Hendl und Teigtaschen. Borschtsch kocht vier Stunden, das Rezept kennt Barbara. Schönen Aufenthalt!“

Daneben legte ich die Ersatzschlüssel. Dann ging ich.

Das Taxi wartete bereits vor dem Hauseingang. Der Fahrer hob meinen Koffer in den Kofferraum.

– Nach Schwechat?

– Nach Schwechat.

Ich setzte mich auf den Rücksitz, schnallte mich an und schaute zu unseren Fenstern hinauf. Alles dunkel. Alle schliefen.

Der Wagen fuhr los. Ich lehnte mich zurück und atmete aus. Es war, als hätte jemand meinen Brustkorb wieder aufgerichtet – ich hatte gar nicht bemerkt, dass ich zwölf Tage lang nur halb geatmet hatte. Meine Schultern sanken hinunter. Der Druck im Nacken ließ nach.

Um sieben Uhr zweiundvierzig läutete mein Handy. Ich saß bereits am Gate. Lukas.

Ich drückte ihn weg. Er rief noch einmal an. Ich drückte wieder weg.

Dann kam eine Nachricht: „Wo bist du?!“

Ich schrieb zurück: „Am Flughafen. Ich fliege auf Urlaub. Für einen Monat. Genau wie deine Verwandtschaft – ohne Vorwarnung. Lies den Zettel.“

Dreiundzwanzig Sekunden lang blieb alles still. Danach begann der Nachrichtenstrom.

Hedis Stube