„Bist du jetzt völlig übergeschnappt?“
„Mama weint.“
„Und wer soll jetzt kochen?“
„Überweis das Geld zurück.“
„Anna, das ist nicht witzig.“
Ich hab mir jede einzelne Nachricht durchgelesen. Besonders lange bin ich bei „wer soll jetzt kochen“ hängen geblieben. Zwölf Tage lang hab ich für sechs Personen gekocht. Achtundvierzig Stunden bin ich in der Küche gestanden. Zweihundertzwanzig Euro hab ich aus der eigenen Tasche für Lebensmittel ausgegeben. Und die allererste Sorge war: Wer stellt sich jetzt an den Herd?
Ich hab das Handy ausgeschaltet und tief in mein Sackerl gesteckt. Kurz darauf ist das Boarding ausgerufen worden.
Im Flugzeug hab ich meinen Platz am Fenster gefunden, den Gurt zugemacht und mich zurückgelehnt. Neben mir saß eine Frau um die fünfzig, braun gebrannt, entspannt. Sie hat mich freundlich angelächelt.
„Auf Urlaub?“
„Auf Urlaub“, hab ich gesagt.
Und dann hab ich so breit gelächelt, dass mir die Wangen wehgetan haben. Ich hatte fast vergessen, wie sich das anfühlt.
Die Maschine ist schneller geworden, hat über die Rollbahn gezittert und schließlich abgehoben. Wien ist unter mir kleiner geworden: Dächer, Straßen, Autoschlangen. Irgendwo dort unten, in unserer Zweizimmerwohnung, hat meine Schwiegermutter wahrscheinlich gerade meinen Zettel gelesen. Lukas hat sich sicher den Nasenrücken gerieben. Tobias hat vermutlich gefragt, wo das Frühstück bleibt.
Und ich bin Richtung Meer geflogen.
Die ersten drei Tage hab ich fast nur geschlafen. Wirklich geschlafen. Zwölf Stunden am Stück, weil ich in den zwölf Tagen davor kaum mehr als fünf Stunden pro Nacht erwischt hatte. Das Hotel war ruhig, das Zimmer klein, der Balkon ging zum Pool hinaus. Niemand hat mich um halb sieben geweckt. Niemand wollte Borschtsch. Niemand hat mir erklärt, wie man Zwiebeln „richtig“ schneidet.
Am vierten Tag hab ich das Handy wieder eingeschaltet. Hundertvierzehn Nachrichten. Zweiunddreißig versäumte Anrufe. Achtzehn davon von Lukas. Sieben von Barbara. Drei von Tobias. Vier von meiner Mama, die von meiner Schwiegermutter angerufen und mit Beschwerden überschüttet worden war.
Ich hab mit Lukas’ Nachrichten angefangen, schön der Reihe nach.
Erster Tag: Wut. „Du hast uns verraten.“ „Wie konntest du nur?“ „Mama heult.“
Zweiter Tag: Verhandeln. „Okay, komm zurück, ich red mit Mama.“ „Anna, jetzt reicht’s dann langsam.“
Dritter Tag: Panik. „Anna, ich kann keinen Borschtsch.“ „Mama zwingt mich, zu kochen.“ „Tobias sagt, er fährt heim, wenn es nichts Ordentliches zu essen gibt.“
Die letzte Nachricht hab ich zweimal gelesen. Tobias, der Mann, der in zwölf Tagen keinen einzigen Teller abgewaschen hatte, drohte also mit Abreise, wenn ihn niemand fütterte.
Danach hab ich Barbaras Nachrichten geöffnet. Die erste lautete: „Du Schlange!“ Die zweite: „Mein armer Lukas, mein armes Kind!“ Die dritte: „Ich werde allen erzählen, was du für eine bist!“ Die vierte war eine Sprachnachricht, drei Minuten lang. Ich hab dreißig Sekunden geschafft. Das hat gereicht.
Lukas hab ich nur einen einzigen Satz geschrieben: „Ich bin auf Urlaub. In vierundzwanzig Tagen komme ich zurück. Lebensmittel gibt es im Geschäft gegenüber.“
Dann hab ich meiner Mama geantwortet: „Mama, mir geht’s gut. Ich ruhe mich aus. Hör nicht auf Barbara – sie hat ihre eigene Fassung der Geschichte.“
Anschließend hab ich das Handy wieder abgedreht und bin ans Meer gegangen.
Das Wasser war warm und salzig. Ich hab mich auf den Rücken gelegt, in den Himmel geschaut und plötzlich begriffen, dass ich seit sieben Jahren nicht mehr im Meer geschwommen war. In all der Zeit war das Geld für Überweisungen an Lukas’ Eltern draufgegangen, für die Reparaturen an ihrem Wochenendhaus, für Geschenke zu Feiertagen an seine Verwandtschaft. Mein Urlaub wurde jedes Jahr verschoben. „Nächstes Jahr ganz sicher, Anna.“
Dieses nächste Jahr war nun da. Ohne Lukas. Ohne Schwiegermutter. Ohne vierunddreißig Teller nach dem Abendessen.
Zwei Stunden bin ich im Wasser geblieben. Danach hab ich mich auf eine Liege gelegt und mir einen Kaffee bestellt. Der Kellner hat ihn in einer kleinen Tasse gebracht, mit einem Keks daneben. Ich hatte keine Eile. Es wartete kein Topf Borschtsch auf mich.
Mitte der zweiten Woche kam eine Nachricht von Lukas. Sehr kurz: „Sie sind abgereist.“
Ich hab nicht nachgefragt. Keine Details verlangt, kein „wann“, kein „warum“. Ich hab es gelesen, das Handy weggelegt und weiter aufs Meer geschaut.
Am zwanzigsten Tag schrieb er: „Wir müssen reden, wenn du zurück bist.“
Keine Rufzeichen. Keine Vorwürfe. Nur dieser eine Satz: Wir müssen reden.
Ich hab geantwortet: „Müssen wir.“
Nach einem Monat bin ich heimgekommen. Braun gebrannt, ausgeschlafen, mit vierzig Euro am Konto – der Rest vom Urlaub.
Lukas hat mich am Flughafen abgeholt. Wortlos hat er meinen Koffer genommen. Im Auto haben wir kein Wort miteinander gesprochen.
Daheim war es sauber. Verdächtig sauber sogar, als hätte er extra noch geputzt. Die Möbel standen an ihren Plätzen. Der Ficus auf der Fensterbank lebte noch und war sogar gegossen. Die Luftmatratze aus dem Arbeitszimmer war verschwunden.
„Wann sind sie gefahren?“, hab ich gefragt.
„Eine Woche nach dir.“
Eine Woche. Genau sieben Tage hatten sie ohne Bedienung durchgehalten. Ohne Kochen, ohne Putzen, ohne Einkäufe. Sieben Tage, dann waren die Koffer gepackt.
„Mama hat gesagt, sie setzt nie wieder einen Fuß in diese Wohnung“, fügte Lukas hinzu.
„Verstehe.“
Er hat sich aufs Sofa gesetzt und automatisch zum Nasenrücken gegriffen. Gleich darauf hat er die Hand wieder sinken lassen, als hätte er sich selbst dabei ertappt.
„Du hättest es einfach sagen können“, meinte er.
„Ich hab es gesagt. Zwölf Tage lang. Du hast nur nicht zugehört.“
„Aber gleich wegzufliegen war schon übertrieben.“
„Und vier Leute für einen ganzen Monat einzuladen, ohne mich zu fragen – das war normal?“
Darauf hatte er keine Antwort.
Wir haben uns nicht versöhnt. Wir sind uns nicht in die Arme gefallen. Niemand hat gesagt: „Jetzt ist wieder alles gut.“
Inzwischen schläft Lukas im Wohnzimmer. Wir reden knapp und nur über das Nötigste: wer den Strom überweist, wer Milch kauft, was erledigt werden muss. Barbara ruft ihn jeden Abend an. Durch die Wand höre ich, wie sie ihren Freundinnen erzählt, ihre Schwiegertochter habe „den Mann im Stich gelassen und sei einfach ins Ferienresort davongelaufen“. In ihrer Version kommen keine Teller vor, kein Borschtsch und keine achtundvierzig Stunden am Herd.
Ich schlafe allein im Schlafzimmer. Es ist still. Niemand weckt mich um halb sieben. Niemand steht hinter mir und kommentiert, wie ich Zwiebeln schneide.
Sagen Sie ehrlich: Bin ich zu weit gegangen, als ich geflogen bin? Oder soll ein Mann, der seine Frau nicht fragt, die Folgen gefälligst selber auslöffeln?
