„Bringt diese mittellose Person hinaus, sie gehört nicht hierher!“ rief mein Mann der Security zu — da erhob sich ein Mann, vor dem die ganze Stadt zitterte, und ging direkt zu mir

Diese Demütigung war schmerzhaft, erniedrigend und ungerecht.
Geschichten

„Du schaust aus wie eine Bibliothekarin!“ Mit angewidertem Gesicht hat mich mein Mann zu dem Tontechniker an den Tisch abgeschoben, damit ich ihn vor der „Elite“ nicht blamiere. Zwei Stunden lang hab ich geschwiegen. Doch als er schließlich der Security zurief: „Bringt diese mittellose Person hinaus, sie gehört nicht hierher!“, erhob sich ein Mann, vor dem die ganze Stadt zitterte. Er ging nicht zur Jubilarin, sondern direkt zu mir — und sagte laut einen Satz, bei dem meine Schwiegermutter beinahe unter den Tisch rutschte …

„So gehst du sicher nicht hin. Zieh das aus. Du wirkst wie eine Witwe, die gerade ihre Lieblingskatze beerdigen will.“

Lukas hob mit zwei Fingern den Träger meines Kleides an, als wäre er etwas Unreines. Dabei war der Samt alt, ja, aber edel — ein umgenähtes Theaterkleid meiner Mutter.

„Lukas, das ist Chanel aus dem Jahr fünfundachtzig. Also … fast“, brachte ich hervor und versuchte zu lächeln, obwohl sich in mir alles zu einem harten Knoten zusammenzog. „Das ist zeitlos.“

„Das ist Gerümpel, Anna! Reines Gerümpel!“ Seine Stimme wurde schärfer, und an seinem Hals trat jene Ader hervor, die immer pochte, sobald es um Geld ging oder um meine angeblich völlig missratene Familie. „Heute feiert meine Mutter ihren runden Geburtstag. Da kommen Leute aus dem Rathaus. Stefan persönlich wird dort sein! Und du schaust aus wie … wie eine Bibliothekarin, die man im Archiv vergessen hat.“

Ich betrachtete mich im Spiegel. Zurück sah mich eine magere Frau mit viel zu großen, verängstigten Augen und einer lächerlichen Perlenkette um den Hals. Vielleicht hatte er ja recht. Vielleicht verdarb ich tatsächlich sein perfektes Bild.

„Und was soll ich deiner Meinung nach anziehen? Dein geliebtes rosafarbenes Glitzerkleid?“ Der Seitenhieb ist mir entwischt. So war ich nun einmal: Wenn mir zum Weinen war, wurde ich giftig.

Lukas schleuderte ein Sackerl mit dem Logo einer teuren Boutique aufs Bett.

„Das ziehst du an. Mama hat es gekauft. Und um Himmels willen, nimm diese … Familienrelikte ab.“

Im Sackerl lag ein Kleid. Giftgrün, kurz, mit einem Ausschnitt so tief, dass man darin locker einen Gedichtband von Brodsky hätte verstecken können.

„Das trag ich nicht“, sagte ich leise. „Ich bin kein Clown.“

Lukas trat so nahe an mich heran, dass ich seinen Atem spürte. Er roch nach teurem Cognac und nach fremder Angst — vor diesem Abend fürchtete er sich noch mehr als ich.

„Du wirst anziehen, was ich dir gesagt habe. Oder du bleibst daheim. Nein, eigentlich nicht einmal das. Du fährst mit, du lächelst, und du sitzt dort, wo ich es dir sage.“

Dann ging er hinaus und knallte die Tür so heftig zu, dass das Hochzeitsfoto aus dem Regal fiel. Ich hob den Rahmen auf. Das Glas war genau in der Mitte gesprungen und teilte uns beide voneinander. Passender hätte es kaum sein können.

Ich zog mein schwarzes Kleid an. Dazu steckte ich mir die Brosche meiner Großmutter an — ein silbernes Zweiglein mit matten Granatsteinen. Sollte ich eben wie eine Witwe ausschauen. Heute würde ich meine Ehe zu Grabe tragen.

Das Restaurant „Versailles“ machte seinem Namen alle Ehre: Goldener Stuck klebte sogar an den Sesselleisten, und die Kristallluster hingen so tief, als wollten sie gleich vom Olivier-Salat kosten.

Die Gäste funkelten.

Hedis Stube