„Bringt diese mittellose Person hinaus, sie gehört nicht hierher!“ rief mein Mann der Security zu — da erhob sich ein Mann, vor dem die ganze Stadt zitterte, und ging direkt zu mir

Diese Demütigung war schmerzhaft, erniedrigend und ungerecht.
Geschichten

Barbara, meine Schwiegermutter, thronte mitten im Saal, als hätte man einen Eisbrecher ins arktische Packeis gestellt. Ihr bodenlanges Brokatkleid schimmerte schwer und steif, und sie trug derart viel Gold am Leib, dass ich mich ernsthaft gefragt habe, wie ihre Wirbelsäule das noch aushielt.

Lukas hat mich gleich beim Eingang stehen lassen.

„Wart da. Ich muss nur schnell die richtigen Leute begrüßen“, brummte er, und schon war er zwischen glänzenden Sakkos und parfümierten Schultern verschwunden.

Kaum war er weg, ist Lena auf mich zugesteuert, meine Schwägerin. Eine junge Frau, die vermutlich geglaubt hätte, Anna Achmatowa betreibe einen Lifestyle-Kanal im Internet.

„Na geh, Anna!“ Sie musterte mich von oben bis unten mit einem Blick, bei dem sogar frische Milch sauer geworden wäre. „Warum schaust du denn so finster aus? Hat Lukas dir kein Geld für eine Stylistin gegeben?“

„Ich halte es eher mit natürlicher Schönheit, Lena.“

„Aha. Wenn du meinst.“ Sie beugte sich näher zu mir und lächelte plötzlich wie eine Katze vor dem Kanarienvogel. „Mama hat mir übrigens gesagt, ich soll dir was ausrichten. An den Haupttisch setzt du dich bitte nicht. Da gibt’s eine fixe Sitzordnung: Geschäftspartner, Investoren, wichtige Leute. Kein Platz mehr.“

„Und wo bin ich vorgesehen?“ Meine Finger wurden auf einmal eiskalt.

„Dort hinten.“ Sie wedelte mit der Hand in Richtung eines abgelegenen Winkels, gleich beim Durchgang zur Küche. „Bei den Fotografen und dem Tontechniker. Da hörst du eh alles besser und störst niemanden.“

Dann machte sie auf ihren Absätzen kehrt und flatterte davon, als hätte sie mir gerade eine besonders elegante Gefälligkeit erwiesen.

Ich bin zu Tisch Nummer 15 gegangen. Er wackelte schon, bevor ich ihn berührt hatte. Daneben stand eine riesige Lautsprecherbox, aus der ein dumpfer Bass direkt in die Rippen schlug. Am Tisch saß ein trostlos wirkender Tontechniker und kaute auf einer kleinen Tartalette herum.

„Ist hier frei?“, fragte ich.

„Setz dich, Mutterl“, murmelte er. „Aber beschwer dich nachher nicht, dass es laut ist.“

Eine Stunde ist vergangen. Lukas hat nicht ein einziges Mal in meine Richtung geschaut. Er saß rechts neben seiner Mutter, schenkte Wein nach, lachte laut und warf dabei den Kopf zurück. Dort gehörte er hin, ganz offensichtlich: zwischen Geld, Einfluss und unterwürfigem Beifall.

Ich saß da wie die arme Verwandte vom Land, obwohl ich mitten in Wien geboren worden bin, nicht irgendwo hinter den sieben Bergen. Die Kellner behandelten mich, als wäre ich Luft. Unseren sogenannten technischen Tisch umkurvten sie mit einer Kunstfertigkeit, die beinahe bewundernswert gewesen wäre, wenn sie nicht so demütigend gewesen wäre.

„Entschuldigen Sie!“ Ich versuchte, eine vorbeihuschende Kellnerin am Vorbeigehen aufzuhalten. „Könnte ich bitte ein Wasser bekommen?“

„Wir haben Bankettservice. Sie müssen warten, bis Sie dran sind“, schnitt sie mir das Wort ab, ohne mich auch nur anzuschauen.

Der Tontechniker schnaubte leise.

„Spar dir die Mühe. Wir sind hier Dekoration. Willst ein Wurstbrot? Ich hab welche mit.“

Er zog eine Plastikdose mit selbst gemachten Broten aus seinem Rucksack. Der Geruch nach Wurst stieg mir in die Nase, und mir wurde sofort flau.

Ich schaute wieder zu meinem Mann hinüber. Er redete mit glühenden Wangen auf einen grauhaarigen Herrn in einem sündteuren Anzug ein. Der Mann hörte ihm zu und nickte träge, als würde er einen Vortrag über das Wetter ertragen.

Plötzlich klopfte Barbara mit der Gabel gegen ihr Glas. Der ganze Saal wurde still.

„Meine Lieben!“ Ihre Stimme, vom Mikrofon aufgeblasen, füllte jeden Winkel des Restaurants. „Heute bin ich wirklich glücklich. Alle Menschen, die mir etwas bedeuten, sind hier versammelt. Mein Sohn, meine Tochter, meine Partner!“

Sie zählte die Gäste fast zehn Minuten lang auf. Mein Name fiel kein einziges Mal. In dieser Welt war ich offenbar nur „Lukas’ Frau“, ein Anhängsel seines Ansehens, das man an diesem Abend möglichst weit hinten verstaut hatte.

Als die Trinksprüche begannen, beschloss ich, dass ich wenigstens gratulieren sollte.

Hedis Stube