„Willst du mich jetzt verhöhnen?! Ich hackle in zwei Jobs, und am Ende soll ich auch noch für deine Nichtsnutze zahlen!“ — platzte Anna nach einem zwölfstündigen Arbeitstag erschöpft und wütend heraus

Diese unerträgliche Ungerechtigkeit zerreißt das Herz.
Geschichten

Und davor? Lukas, wie lang soll ich das eigentlich noch schlucken?!

— Anna, beruhig dich. Sie gehört doch zur Familie!

— Zur Familie? — Annas Stimme kippte. — Und was bin dann ich? Ich reiß mir mit zwei Jobs den Rücken krumm, leg jeden Euro auf die Seite, und deine Schwester kann es sich leisten, daheimzusitzen und von unserem Geld zu leben?

— Sophie arbeitet eh! — versuchte Lukas seine Schwester in Schutz zu nehmen.

— Wo denn bitte? Was ist das für eine Arbeit? Ein paar Stunden als Verkäuferin? Lukas, Sophie ist gesund, sie hat zwei Hände und zwei Füße. Dann soll sie gefälligst arbeiten gehen und selber Geld verdienen!

Lukas’ Gesicht wurde finster.

— Du verstehst das nicht. Sophie hat Kinder …

— Die halbe Bevölkerung hat Kinder! Heißt das jetzt, alle sollen auf Kosten anderer leben?

In diesem Augenblick fiel Anna der vorige Monat wieder ein. Damals hatte Lukas seiner Schwester auch schon „nur kurz“ hundertfünfzig Euro geborgt. Davor waren es hundert Euro für seine Mutter gewesen. Anna begann im Kopf nachzurechnen. Im Lauf des letzten Jahres hatte die Verwandtschaft ihres Mannes mehr als zweitausend Euro „ausgeborgt“. Zurückgekommen war kein einziger Cent.

Am nächsten Tag erschien Maria, genau wie Lukas es angekündigt hatte. Für jemanden, der angeblich mit dem Blutdruck zu kämpfen hatte, wirkte ihre Schwiegermutter erstaunlich frisch: rosige Wangen, ein neues Kleid, die Haare wie frisch vom Friseur gelegt.

— Annilein, du bist ja ganz schmal geworden! — war das Erste, was Maria bemerkte. — Du schonst dich aber auch überhaupt nicht.

Anna sagte nichts. Sie deckte schweigend den Tisch. Maria machte es sich bequem und begann mit ihrem vertrauten Klagelied.

— Ach, das Leben ist so teuer geworden. Alles kostet mehr, und die Pension reicht hinten und vorn nicht. Ich überlege schon, ob ich mir irgendeine kleine Beschäftigung suchen soll …

Lukas reagierte sofort.

— Mama, bitte, welche Arbeit denn in deinem Alter! Wir helfen dir schon.

Anna stellte die Teekanne so hart auf den Tisch, dass es schepperte. Maria und Lukas fuhren erschrocken zu ihr herum.

— Womit helfen wir, Lukas? — fragte Anna eisig. — Bei uns reicht es selber gerade so.

— Anna! — fuhr ihr Mann empört auf.

— Was heißt hier „Anna“? Maria, nehmen Sie es mir nicht übel, aber wir kommen selbst kaum bis zum Monatsende durch. Ich arbeite in zwei Jobs, nur damit wir wenigstens ein bissl etwas zurücklegen können.

Maria presste die Lippen zusammen.

— Zu unserer Zeit haben Frauen ihre Männer noch respektiert. Und die Familie ist immer an erster Stelle gestanden.

— Zu Ihrer Zeit haben Männer ihre Familien erhalten — gab Anna scharf zurück. — Und nicht auf dem Rücken ihrer Frauen gelebt.

Lukas wurde dunkelrot.

— Anna, spinnst du jetzt völlig? Was bildest du dir ein?

— Ich sage nur, was Sache ist. Lukas, du hast im letzten Jahr dreimal die Stelle gewechselt. Und jedes Mal aus eigenem Antrieb.

— Das stimmt doch gar nicht! — setzte er zur Verteidigung an.

— Ach, entschuldige. Beim letzten Mal bist du ja gekündigt worden, weil du einfach nicht mehr zur Arbeit erschienen bist.

Maria schlug entsetzt die Hände zusammen.

— Lukaserl, was redet sie da über dich?

— Mama, Anna übertreibt maßlos …

— Ich übertreibe? — Anna ging zum Kasten und zog die Mappe mit den Rechnungen heraus. — Da sind die Belege vom letzten halben Jahr. Alles von meiner Karte bezahlt. Und hier ist der Auszug von unserem gemeinsamen Konto: In einem ganzen Jahr hat Lukas vierhundert Euro eingezahlt. Vierhundert. In zwölf Monaten.

Maria starrte stumm auf die Papiere. Dann hob sie den Blick zu ihrer Schwiegertochter.

— Aber Lukas hilft doch sicher im Haushalt …

Anna lachte kurz auf, hart und bitter.

— Hilft? Maria, wann hat Ihr Sohn zuletzt ein Abendessen gekocht? Wann hat er Wäsche gewaschen? Wann hat er geputzt?

Am Abend, nachdem Maria gegangen war, senkte sich eine drückende Stille über die Wohnung.

Hedis Stube