Lukas saß im Fauteuil und starrte auf den laufenden Fernseher, ohne wirklich etwas davon mitzubekommen. Anna räumte den Tisch ab und vermied es, in seine Richtung zu schauen.
Schließlich durchbrach er die Stille.
— Musste das ausgerechnet vor meiner Mutter sein?
Anna stellte die Teller in die Abwasch und drehte sich langsam um.
— Und warum mischt sich deine Mutter überhaupt in unser Leben ein?
— Anna, ich verstehe ja, dass du erschöpft bist. Aber so geht das nicht …
— Was geht nicht? Dass ich einmal die Wahrheit ausspreche? Lukas, ich kann nicht mehr. Monat für Monat dasselbe: Einmal braucht deine Mutter etwas, dann wieder deine Schwester!
Lukas stand auf und kam zu ihr hinüber.
— Das ist doch nur vorübergehend. Ich finde schon noch eine ordentliche Arbeit …
— Wann? Wann genau findest du diese „ordentliche“ Arbeit? Und wie lang behältst du sie dann? Vier Wochen? Zwei Monate?
In seinem Blick zuckte gekränkter Stolz auf.
— Du glaubst also überhaupt nicht mehr an mich?
Anna ließ sich müde auf einen Sessel sinken.
— Ich bin es leid, Lukas. Ich bin es leid zu glauben. Ich bin es leid zu hoffen. Ich bin es leid, alles allein zu tragen.
In dieser Nacht hat Anna kein Auge zugemacht. Sie lag da, sah zur Decke hinauf und dachte über ihr Leben nach. Zweiunddreißig war sie. Sieben Jahre davon verheiratet. Und was sollte jetzt kommen? Noch einmal sieben Jahre, in denen sie für zwei schuftete? Oder eigentlich für drei, wenn man die ständigen „Darlehen“ an seine Verwandtschaft mitrechnete?
Am Morgen wachte sie mit einem klaren Entschluss auf. Beim Frühstück sagte sie zu Lukas:
— Wir müssen ernsthaft reden.
Er schaute sie misstrauisch an.
— Worüber?
— Über Geld. Über deine Familie. Über uns.
Anna holte den Zettel hervor, auf dem sie am Abend zuvor jede einzelne „Schuld“ seiner Angehörigen notiert hatte.
— Schau her. In den letzten zwei Jahren hat deine Mutter dreihundert Euro von uns „geborgt“. Sophie vierhundertfünfzig. Zusammen sind das siebenhundertfünfzig Euro. Siebenhundertfünfzig, Lukas. Für uns ist das verdammt viel Geld.
Lukas beugte sich über die Liste. Sein Gesicht verfinsterte sich mit jeder Zeile mehr.
— Woher hast du diese Zahlen?
— Ich schreibe alles mit. Jeden Cent. Weißt du, wie viel davon zurückgekommen ist? Nichts. Kein einziger Euro.
— Anna, Verwandte können doch auch einmal in Schwierigkeiten geraten …
— Jeder kann in Schwierigkeiten geraten! Aber warum soll ich für ihre Probleme zahlen? Warum überlegen meine Eltern dreimal, bevor sie mich um Hilfe bitten, während deine Leute Geld verlangen, als hätten sie ein Anrecht darauf?
Lukas schwieg. Anna sprach weiter, ruhig, aber fest:
— Ich habe eine Entscheidung getroffen. Ab jetzt geht kein Cent mehr an deine Familie. Und wenn du noch einmal ohne meine Zustimmung Geld aus unserem Budget nimmst, reiche ich die Scheidung ein.
Er wurde blass.
— Du … das meinst du nicht ernst.
— So ernst war mir noch nie etwas. Lukas, ich liebe dich. Aber ich werde nicht länger die Melkkuh für deine Familie sein.
Lukas sprang vom Tisch auf.
— Ist das ein Ultimatum?
— Nenn es, wie du willst. Ich mache jedenfalls nicht mehr mit.
Er stürmte aus der Küche und knallte die Wohnungstür hinter sich zu. Anna blieb sitzen und sah durch das Fenster hinaus. Draußen hatte es zu regnen begonnen.
Eine Stunde später rief Sophie an. Anna hob nicht ab. Kurz darauf meldete sich Maria. Auch diesen Anruf ließ sie unbeantwortet. Am Abend kam Lukas zurück — wütend, schwankend, mit Alkohol in der Stimme.
— Zufrieden? — schleuderte er ihr schon von der Tür aus entgegen. — Meine Mutter ist im Spital, meine Schwester dreht komplett durch!
— Das ist ihr Problem — sagte Anna ruhig.
— Du bist … du bist einfach egoistisch!
— Vielleicht. Aber wenigstens bin ich eine egoistische Frau, die über ihr eigenes Geld bestimmt.
Lukas kam einen Schritt näher an Anna heran.
