„Willst du mich jetzt verhöhnen?! Ich hackle in zwei Jobs, und am Ende soll ich auch noch für deine Nichtsnutze zahlen!“ — platzte Anna nach einem zwölfstündigen Arbeitstag erschöpft und wütend heraus

Diese unerträgliche Ungerechtigkeit zerreißt das Herz.
Geschichten

— Glaubst du wirklich, ich komm ohne dich nicht zurecht? Meinst du, du bist unersetzlich?

Anna hat ihm fest in die Augen geschaut.

— Probier’s aus. Die Wohnung gehört mir, falls dir das entfallen sein sollte.

Die darauffolgenden Tage sind wie ein stiller Stellungskrieg vergangen. Lukas hat demonstrativ kein Wort mit ihr gewechselt und ist nachts aufs Sofa ausgewichen. Seine Verwandten haben mehrmals täglich angerufen, doch Anna hat keinen einzigen Anruf angenommen.

Am Freitagabend ist sie heimgekommen und hat in der Wohnung Maria und Sophie vorgefunden. Die beiden Frauen sind in der Küche gesessen, Lukas ist beim Fenster gestanden.

— Na, das ist ja eine interessante Runde — hat Anna trocken bemerkt. — Haltet ihr öfter Besprechungen in meiner Wohnung ab, ohne mich einzuladen?

— Anna, wir sind gekommen, um zu reden — hat Maria angesetzt.

— Dann redet.

— Du machst die Familie kaputt! — ist Sophie aufgefahren. — Wegen ein bisserl Geld!

Anna hat kurz aufgelacht.

— Ein bisserl? Sophie, in zwei Jahren hast du fast 500 Euro aus unserem Budget gezogen. Das ist also mein „bisserl“ Geld.

— Ich zahl’s ja zurück!

— Wann? Nenn mir ein Datum.

Sophie ist verlegen geworden.

— Na ja … sobald ich kann …

— Also nie. Sophie, du bist zweiunddreißig. Geh arbeiten.

— Ich hab Kinder!

— Und? Tausende Frauen ziehen Kinder groß und gehen trotzdem arbeiten. Du sitzt deinem Bruder auf der Tasche. Genauer gesagt: mir.

Maria ist empört aufgestanden.

— Wie kannst du es wagen, so mit uns zu sprechen! Wir sind Lukas’ Familie!

— Und ich bin Lukas’ Frau! — Auch Anna ist nun aufgesprungen. — Und ich werde keine gesunden, erwachsenen Menschen mehr durchfüttern!

— Lukas, sag doch endlich etwas! — hat Maria sich an ihren Sohn gewandt.

Lukas hat geschwiegen und hinaus auf die Straße gestarrt. Erst nach einer Weile hat er leise gesagt:

— Mama, Sophie, fahrt heim. Anna und ich müssen das unter vier Augen klären.

Als die beiden gegangen waren, hat Lukas sich Anna gegenüber an den Tisch gesetzt.

— Vielleicht hast du recht — hat er schwerfällig begonnen. — Aber sie sind meine Familie. Ich kann sie nicht einfach hängen lassen.

— Das verlange ich auch nicht. Ich verlange nur, dass du nicht MEIN Geld für IHRE Wünsche ausgibst.

— Aber ich hab kein eigenes Geld!

— Eben. Lukas, such dir eine ordentliche Arbeit, bleib dabei, verdien dein eigenes Geld. Dann kannst du helfen, so viel du willst.

Er hat den Blick gesenkt.

— Du zwingst mich also, mich zu entscheiden. Entweder du oder meine Familie.

— Nein. Ich gebe dir eine Wahl: Entweder du wirst ein erwachsener Mann, der Verantwortung übernimmt, oder wir gehen getrennte Wege.

In dieser Nacht ist Anna lange beim Fenster gesessen und hat auf die schlafende Stadt hinausgeschaut. In ihr war eine seltsame Leere. Kein Schmerz, keine Wut, nicht einmal Kränkung. Nur Leere. Als wäre etwas Bedeutendes zu Ende gegangen.

Am Morgen hat Lukas seine Sachen zusammengeräumt.

— Ich bleib eine Zeit lang bei meiner Mutter — hat er gesagt. — Ich muss nachdenken.

Anna hat nur genickt. Zum Streiten, Bitten oder Erklären hatte sie keine Kraft mehr.

Als die Tür hinter ihm ins Schloss gefallen ist, hat sie Erleichterung gespürt. Zum ersten Mal seit vielen Monaten. Es war, als wäre ihr ein schwerer Stein von den Schultern gerutscht.

Am Abend ist Anna allein in der Küche gesessen, vor sich ein Häferl Tee. Stille. Niemand hat angerufen, niemand hat Geld verlangt, niemand hat eine Szene gemacht. Nur Ruhe.

Anna wusste, dass schwierige Gespräche auf sie zukommen würden. Vielleicht sogar die Scheidung. Aber genau jetzt, in diesem Augenblick, hat sie sich frei gefühlt. Frei von fremden Schulden, fremden Problemen und fremden Manipulationen.

Und eines war ihr vollkommen klar: Was immer Lukas auch entscheiden mochte — Anna würde sich nie wieder zur Geldbörse für die Bedürfnisse anderer machen lassen. Es war genug. Jetzt war es an der Zeit, für sich selbst zu leben.

Hedis Stube