und setzte Tee auf. Mit dem Häferl in der Hand setzte sie sich ans Fenster und schaute in den Hof hinunter. Die Laternen warfen blasse Lichtflecken auf die leeren Gehsteige, und der Wind fuhr durch die kahlen Äste.
Nach etwa einer Stunde läutete das Handy. Barbara stand am Display. Anna hob nicht ab. Kurz darauf rief Lukas an. Auch diesen Anruf drückte sie weg. Dann kamen die Nachrichten, eine nach der anderen:
„Bist du jetzt völlig verrückt geworden?“
„Meine Mutter ist fix und fertig!“
„Mach sofort die Tür auf!“
„Morgen komme ich vorbei, dann reden wir normal miteinander!“
Anna stellte das Handy lautlos und legte es in die Lade ihres Schreibtisches.
Am nächsten Morgen rief sie einen Schlüsseldienst an. Der Monteur war keine zwei Stunden später da, ein junger Bursch mit Werkzeugkoffer. Er arbeitete zügig, ohne neugierige Fragen zu stellen. Nach vierzig Minuten saß ein neues Schloss in der Tür. Glänzend, stabil, verlässlich. Der Handwerker reichte ihr zwei Schlüssel, nahm das Geld entgegen und verabschiedete sich.
Anna sperrte die Tür mit dem neuen Schloss ab und ging ins Zimmer. Aus dem Kasten holte sie eine Schachtel mit Christbaumschmuck. Ihre Eltern hatten den Baum jedes Jahr gemeinsam geschmückt, und Anna hatte alles aufgehoben. Glaskugeln, Girlanden, kleine Rentierfiguren.
Am Abend stand in der Wohnung ein kleiner Christbaum. Ein echter, dessen frischer Harzgeruch sich im Raum ausbreitete. Anna hängte die Kugeln auf, legte die Lichterkette um die Zweige und schaltete sie ein. Bunte Punkte flimmerten im Halbdunkel und spiegelten sich in den Fensterscheiben.
Am nächsten Tag meldete sich die Nachbarin. Elisabeth, eine Frau um die sechzig, die im Stock darunter wohnte.
„Anna, ist bei dir eh alles in Ordnung?“
„Ja, danke. Warum fragen Sie?“
„Ich hab gestern Abend deinen Mann vor dem Haus gesehen. Mit irgendeiner Frau. Sie sind dort gestanden und haben geredet. Dann wollten sie hinein, aber die Gegensprechanlage hat sie nicht durchgelassen.“
„Das war meine Schwiegermutter“, antwortete Anna ruhig. „Machen Sie sich keine Sorgen. Es passt alles.“
Nach einer kurzen Pause sagte Elisabeth: „Wenn du irgendwas brauchst … ich bin gleich in der Nähe.“
„Danke, Elisabeth.“
Anna legte auf und machte mit dem Putzen weiter. Nach und nach bekam die Wohnung wieder ihr altes Gesicht zurück. Jene Wärme, die ihre Eltern ihr hinterlassen hatten. Ohne fremde Sachen, ohne aufgezwungene Regeln. Nur vertraute Gegenstände, Stille und Frieden.
Am 31. Dezember schlief Anna lange. Draußen fiel Schnee, in dicken, weichen Flocken. Die Stadt bereitete sich auf den Abend vor. Lichterketten hingen an den Häusern, in den Fenstern standen geschmückte Bäume, und in den Geschäften herrschte geschäftiges Kommen und Gehen.
Sie machte sich Frühstück und setzte sich mit Kaffee an den Tisch. Seit zwei Tagen war das Handy stumm geblieben. Kein Anruf, keine Nachricht. Vielleicht hatte Lukas begriffen, dass eine Rückkehr keinen Sinn mehr hatte.
Am Abend deckte sie den Tisch. Nichts Aufwendiges: Salat, ein gebratenes Hendl, Obst. Sie schaltete den Fernseher ein und ließ die Feiertagssendungen laufen. Als die Uhr Mitternacht schlug, trat sie mit einem Glas Wein ans Fenster.
Draußen glitzerten Lichter. Irgendwo krachten Raketen, Lachen und Musik wehten herauf. Anna hob ihr Glas und stieß mit ihrem eigenen Spiegelbild in der Scheibe an.
„Prosit Neujahr“, flüsterte sie.
In der Wohnung war es still. Kein Lärm, keine fremden Stimmen, keine Ultimaten. Nur Ruhe. Echte Ruhe, wie sie sie schon lange nicht mehr gekannt hatte. Anna setzte sich in den Fauteuil, zog eine Decke über sich und schloss die Augen.
Zum ersten Mal seit langer Zeit war alles wirklich so, wie es für sie gut war.
Der Jänner brachte Kälte und Schneeverwehungen. Anna ging wieder arbeiten und fand rasch in ihren Alltag zurück. Die Kolleginnen und Kollegen fragten, wie die Feiertage gewesen seien, und sie antwortete knapp: schön, ruhig.
Lukas meldete sich erst Mitte Jänner. Seine Stimme klang müde.
„Anna … wir sollten reden.“
„Worüber?“
„Über uns. Vielleicht könnten wir uns treffen?“
„Wozu?“
Am anderen Ende blieb es einen Moment still.
„Ich hab verstanden, dass ich einen Fehler gemacht hab. Meine Mutter … sie ist zu weit gegangen. Lass uns neu anfangen.“
Anna blickte hinaus. Der Boden lag unter einer dicken Schneedecke, und die Äste der Bäume bogen sich unter dem Gewicht.
„Lukas, wir fangen nichts neu an. Du hast dich entschieden. Jetzt leb mit dieser Entscheidung.“
„Anna …“
„Nächste Woche reiche ich die Scheidung ein. Wir haben kein gemeinsames Vermögen, es gibt nichts aufzuteilen. Bei Gericht wird das rasch erledigt.“
„Meinst du das ernst?“
„Vollkommen.“
Lukas wollte noch etwas sagen, doch Anna beendete das Gespräch. Für sie war alles gesagt.
Einen Monat später waren sie offiziell geschieden. Lukas erschien mit finsterem Gesicht beim Bezirksgericht, unterschrieb die Unterlagen wortlos und ging, ohne sich zu verabschieden. Anna nahm den Scheidungsbeschluss entgegen, legte ihn in eine Mappe und fuhr nach Hause.
Die Wohnung empfing sie mit ihrer stillen Vertrautheit. Anna zog den Mantel aus und ging in die Küche. Sie machte Tee und nahm sich ein kleines Stück Kuchen. Dann setzte sie sich wieder ans Fenster und schaute in den Hof. Dort, wo im Herbst gelbe Blätter gelegen hatten, glänzte nun Schnee. Kinder rutschten den kleinen Hang hinunter und plumpsten lachend in die weiße Fläche.
Das Leben ging weiter. Ruhig, ausgeglichen, ohne fremde Erwartungen und ohne Druck. Anna nahm einen Schluck Tee und lächelte.
Zum ersten Mal seit sehr langer Zeit.
