„Dann lernst du halt sparen“ hat er gesagt und zog seine Jacke an, ohne mich anzusehen

Unverschämt und ungerecht, wie Vertrauen still geplündert wird.
Geschichten

„Hundert Euro“, hat Markus gesagt und die Scheine wie Spielkarten fächerförmig auf den Tisch gelegt. „Für den ganzen Monat. Das reicht.“

Ich habe auf das Geld hinuntergeschaut. Zwei Fünfziger. Einer zerknittert, der andere beinahe frisch aus dem Bankomaten. Davon sollten Lebensmittel bezahlt werden, Waschmittel und Putzzeug, meine Blutdrucktabletten, die Fahrkarten und alles, was man so schlicht „Leben“ nennt.

„Und wenn es nicht reicht?“, habe ich gefragt.

„Dann lernst du halt sparen“, hat er gemeint, ohne sich überhaupt zu mir umzudrehen. Er war schon dabei, in seine Jacke zu schlüpfen, und tastete nach den Garagenschlüsseln. „Andere kommen auch zurecht und jammern nicht dauernd.“

Vor acht Jahren hat er diesen Satz zum ersten Mal gesagt. „Hör endlich auf, das Geld beim Fenster hinauszuwerfen.“ Damals hatte ich mir Winterstiefel gekauft, um vierzig Euro – von meinem eigenen Lohn. Eineinhalb Stunden lang hat er mich verhört. Wozu neue, wenn die alten noch irgendwie gingen? Seit damals war es Monat für Monat dasselbe: Geld auf den Tisch, eine Summe hingeworfen, dann war er weg.

Ich habe als Buchhalterin bei einer Hausverwaltung gearbeitet. Dreihundertachtzig Euro im Monat. Kein Reichtum, gewiss nicht, aber auch nicht gar nichts. Nur ist mein Gehalt nie wirklich bei mir angekommen. Jeden Monat habe ich zweihundertdreißig Euro an die Bank überwiesen – für seine Kredite. Zwei Kredite, die Markus auf seinen Namen aufgenommen hatte. Der eine für ein Boot, der andere für den Motor dazu. Bezahlt habe aus irgendeinem Grund trotzdem ich.

Wie es dazu gekommen ist? Wie so etwas eben passiert – schleichend. Zuerst hat er mich gebeten, „nur eine Rate zu übernehmen, nächsten Monat geb ich’s dir zurück“. Zurückgegeben hat er nichts. Dann hat er wieder gefragt. Und noch einmal. Irgendwann hat er einfach aufgehört zu zahlen. Die Bank hat begonnen, mich anzurufen, weil ich als Kontaktperson eingetragen war. Ich habe Angst bekommen. Also habe ich überwiesen. Und so ist es sechsundneunzig Monate lang weitergegangen.

An jenem Abend ist er aus der Garage mit einer Schachtel hereingekommen. Lang war sie, bunt verpackt, mit fremden Schriftzeichen darauf.

„Was ist das?“, habe ich gefragt.

„Eine Spinnrute“, sagte er und strich mit beiden Handflächen über den Karton, vorsichtig, beinahe zärtlich, als wäre es eine Katze. „Carbon. Japanisch. Dreihundertachtzig Euro. Aber die hält ja Jahre! Das ist eine Investition.“

Dreihundertachtzig Euro. Mein gesamtes Monatsgehalt. Auf einmal. Und mir standen für mein ganzes Leben hundert zu.

Ich bin beim Herd gestanden und habe in einer Suppe aus Hühnerhälsen gerührt, weil sich Hühnerkeulen im Budget nicht ausgingen. Der Löffel schabte über den Topfboden. Ich rechnete. Berufskrankheit einer Buchhalterin: Man rechnet immer und überall, auch wenn niemand darum bittet.

Dreihundertachtzig – die Angel. Zweihundertdreißig – der Kredit. Hundert – für mich. Sein Gehalt lag bei achthundertfünfzig Euro. Wohin verschwanden die restlichen hundertvierzig? In Benzin für den Geländewagen. In die Sauna mit den Männern am Freitag. In Bierkisten. In sein eigenes, gut eingerichtetes Leben, das neben meinem existierte.

Mein Leben hingegen war hundert Euro im Monat wert. Weniger als eine einzige Rolle für seine Angel.

In der Nacht habe ich kein Auge zugetan. Ich lag da und hörte seinem Schnarchen zu. Irgendwann bin ich leise aufgestanden, in die Küche gegangen und habe aus der hintersten Lade ein altes Heft herausgenommen – grün, kariert, noch aus meinen Buchhaltungskursen. Auf die erste Seite schrieb ich: „Jänner 2026. Kreditrate M. – 230 €. Von meinem Gehalt.“

Mehr nicht. Ich habe keinen Beschluss gefasst. Ich habe es einfach festgehalten.

Am nächsten Morgen habe ich das Geld nicht an die Bank überwiesen. Zum ersten Mal seit sechsundneunzig Monaten.

Die Banking-App war offen. Der Betrag war eingetippt. Mein Finger schwebte über „Bestätigen“. Fünfzehn Sekunden lang starrte ich auf das Display. Dann schloss ich die App, steckte das Handy in die Manteltasche und ging in die Arbeit.

Drei Tage später kam auf seinem Handy eine SMS an. Er stand unter der Dusche, das Telefon lag auf dem Küchentisch neben meinem Häferl. Der Bildschirm leuchtete auf: „Sehr geehrter Kunde, zu Ihrem Kreditvertrag wurde ein Zahlungsrückstand festgestellt …“

Ich las die Nachricht und drehte mich zum Fenster. Markus kam aus dem Bad, nass, nur ein Handtuch um die Hüften, griff nach dem Handy und überflog den Text. Er verzog das Gesicht. Gesagt hat er nichts. Wahrscheinlich hielt er es für irgendeinen technischen Fehler.

Noch eine Woche verging. Eine ganz gewöhnliche. Frühstück, Arbeit, Abendessen. Er kaufte sich geräucherte Makrele um vier Euro zwanzig das Stück. Ich kochte Buchweizen mit Zwiebeln. Wir saßen nebeneinander am selben Tisch. Er zerlegte den Fisch, zog die goldbraune Haut ab, und der Geruch füllte die ganze Küche. Auf meinem Teller lag Buchweizen. Ohne Butter – Butter war teurer geworden, und hundert Euro ließen sich nicht dehnen wie Gummi.

Dann kam die Sache mit dem Shampoo.

Ich hatte ein Shampoo um zwei Euro achtzig gekauft. Ein ganz normales aus der Apotheke. Nichts Ausländisches, nichts Modisches – nur eines, von dem meine Kopfhaut nicht brannte und mir keine Schuppen auf die Schultern rieselten. Die billigen hatte ich schon probiert. Drei verschiedene Marken. Von allen hatte mein Kopf so gejuckt, dass ich mir am liebsten mit den Fingernägeln die Haut heruntergerissen hätte.

Markus fand den Kassabon im Sackerl vom Supermarkt. Nicht in meiner Geldbörse – im Sackerl. Er kontrollierte meine Einkäufe. Seit acht Jahren.

„Zwei Euro achtzig für ein Shampoo?“, fragte er und hielt den Zettel mit zwei Fingern, als wäre er etwas, das stank. „Geht’s dir noch gut? Es gibt welche um neunzig Cent. Ganze Regale voll.“

„Davon bekomme ich Ausschlag. Das hab ich dir schon erklärt.“

„Blödsinn. Daran gewöhnst du dich schon. Alle gewöhnen sich irgendwann daran.“

Hedis Stube