Ich bin ohne ein Wort zur Lade mit den Rechnungen gegangen. Dort habe ich den passenden Zettel herausgezogen und ihn neben seinen Kassabon gelegt.
Einundvierzig Euro. Tankstelle. Vollgetankt.
„Was soll das sein?“, fragte Markus.
„Dein Tankbeleg. Von vorgestern.“
„Na und? Ich muss in die Arbeit fahren!“
„Bis zu deiner Arbeit sind es sieben Kilometer. Mit einem vollen Tank kommst du über sechshundert Kilometer weit, das reicht für drei Wochen. Du tankst aber jede Woche. Viermal im Monat. Also fährst du noch woanders hin. Zum See, zu Tobias, fischen. Einundvierzig Euro mal vier – das sind hundertvierundsechzig Euro im Monat. Nur fürs Benzin. Aber ich darf mir kein Shampoo um zwei Euro achtzig kaufen.“
Er ist rot geworden. Nicht aus Scham – bei Markus hat Scham anders ausgeschaut, dann hat er den Blick gesenkt. Jetzt aber hat er mich direkt angestarrt, und die Röte ist ihm von unten ins Gesicht gestiegen, vom Hals bis hinauf zur Stirn. An der Schläfe hat eine Ader zu zucken begonnen.
„Ich verdien das Geld!“, seine Stimme ist lauter geworden. „Ich hab auch das Recht, es auszugeben!“
„Du verdienst achthundertfünfzig Euro. Ich dreihundertachtzig. Von meinen dreihundertachtzig gehen zweihundertdreißig für deinen Kredit drauf. Mir bleiben hundertfünfzig. Du gibst mir hundert ‚für die Familie‘. Fünfzig lege ich für Mamas Medikamente zur Seite. Für mich selbst bleibt null. Null Euro, Markus. Seit acht Jahren.“
Er hat die Tür so zugeknallt, dass im Vorzimmer ein Bilderrahmen vom Regal gefallen ist. Das Glas bekam einen Sprung, ist aber nicht zerbrochen. Unser Hochzeitsfoto. Neunzehnhundertachtundneunzig. Ich vierundzwanzig, er sechsundzwanzig. Wir lächeln beide. Wir wissen noch nichts.
Ich habe den Rahmen aufgehoben und wieder hingestellt. Der Riss im Glas verlief genau zwischen uns: er links, ich rechts.
Dann bin ich zurück in die Küche gegangen und habe das grüne Heft aufgeschlagen.
„Feber. Shampoo – 2,80 €. Benzin M. – 41 €. Unterschied: vierzehneinhalbfach. Streit wegen meiner 2,80.“
Den Kugelschreiber habe ich so fest umklammert, dass meine Knöchel weiß geworden sind. Die Schrift ist trotzdem sauber geblieben. Dreißig Jahre Übung.
Am Abend hat Julia angerufen. Sie lebte in Graz und arbeitete als Innenarchitektin. Sechsundzwanzig Jahre alt, eigene Mietwohnung, eigenes Einkommen.
„Mama, warum bist du so still?“
„Ich bin müde. In der Arbeit war viel los.“
„Ist es wieder Papa? Wegen dem Geld?“
Ich habe meine Brille zurechtgeschoben. Die Gläser waren sauber, aber die Bewegung steckte mir in den Fingern: Wenn ich nervös werde, schiebe ich den Bügel immer höher auf die Nase.
„Nein, nein. Alles passt.“
„Mama. Ich hör’s doch.“
Sie hat es immer gehört. Schon als Schulmädchen hat sie bemerkt, dass ihre Mutter sich über dem Waschbecken selbst die Haare schneidet, während ihr Vater alle zwei Wochen eine neue Schachtel mit Blinkern und Angelzeug heimbringt.
„Wir reden später“, habe ich gesagt und aufgelegt.
Seinen Freitag in der Sauna hat Markus nie ausgelassen. Vier Männer: er, Tobias, Sepp und Simon. Fleisch vom Grill, Dampf, Bier, Gespräche über Fang, Motoren und wer welchen Köder verwendet hat.
Alle zwei, drei Monate ist die Runde bei uns zusammengekommen. Im Hof, unter der Laube. Fleisch auf dem Griller, Gurken aus dem Beet. Und das Badefass – aus Zedernholz, sechshundert Euro, vor drei Jahren aufgestellt. Auch auf Kredit. Auch von mir abbezahlt.
Das Fleisch für die Spieße kaufte Markus selbst. Da hat er nicht gespart: drei Kilo Schweinsschopf, eineinhalb Kilo Rindfleisch. Marinade, Saucen, Fladenbrot. Fünfzig, sechzig Euro auf einmal, ohne mit der Wimper zu zucken. Ich musste Aufschnitt und Brot hinaustragen. Nicht, weil ich wollte. Am Vormittag hatte er nur gesagt: „Richt den Tisch ordentlich her. Vor den Männern ist mir das sonst peinlich.“
Peinlich. Vor den Männern. Aber vor der eigenen Frau, die mit hundert Euro im Monat auskommen soll, war ihm nichts peinlich.
Ich stellte die Teller hin. Sepp, schwer und schweigsam, nickte mir zu. Tobias, der Jüngste in der Runde, murmelte: „Danke, Tante Barbara.“ Simon schenkte sich Bier ein und sagte gar nichts.
Markus kaute an seinem Fleischspieß und lehnte sich zufrieden im Sessel zurück. Satt, bequem, gelöst. Den obersten Knopf vom Hemd hatte er aufgemacht. An seinem Handgelenk blitzte die wuchtige Uhr – eine Casio um zweihundertzwanzig Euro. Ein Geschenk an sich selbst zum letzten Geburtstag. Wenn man genau rechnete, auf wessen Kosten, war es eigentlich mein Geschenk gewesen.
„Wisst ihr, wie sparsam meine ist?“, sagte er und stach mit der Gabel in die Luft, Richtung Haus, als würde ich hinter der Wand stehen. Dabei stand ich drei Meter entfernt, mit einem leeren Tablett in den Händen. „Hundert Euro im Monat, und sie lebt. Geht alles. Kommt zurecht! Solche Frauen müsstet ihr alle haben.“
Tobias gab ein unsicheres Schnauben von sich. Sepp starrte auf seinen Teller. Simon nahm einen Schluck Bier und schaute irgendwo an uns vorbei.
„Nein, im Ernst“, Markus machte weiter. „Ich erklär ihr immer: Man muss nach seinen Möglichkeiten leben. Wirtschaft ist wie Fischen – man muss warten können. Und sie schleppt ein Shampoo um fast drei Euro heim. Eine richtige Verschwenderin!“
Er lachte. Allein. Die anderen blieben still.
Ich stand da, das Tablett in den Händen. Meine Beine wurden schwer, als hätte mir jemand Blei in die Schuhe gegossen. Die Kehle zog sich zusammen. Acht Jahre lang hatte ich das hinuntergeschluckt. Sechsundneunzig Mal hatte ich das Geld für den Haushalt entgegengenommen und „danke“ gesagt.
Das Tablett legte ich an die Tischkante, langsam und sorgfältig.
