Behutsam, als dürfte dabei kein Laut entstehen.
„Markus“, sagte ich leise. Trotzdem erstarrten alle vier. „Wenn du schon vor allen zu rechnen anfängst, dann rechnen wir doch gleich weiter. Wie viel hast du im letzten Jahr für dein Angelzeug ausgegeben?“
Er hörte mitten im Kauen auf. Das Stück Fleisch auf seiner Gabel blieb irgendwo zwischen Teller und Mund hängen.
„Was soll das jetzt …“
„Tausendvierhundertzwanzig Euro. Die Spinnrute: dreihundertachtzig. Die Rolle: zweihundertsiebzig. Schnur, Wobbler, Blinker und der ganze Kleinkram: noch einmal zweihundertdreißig im Jahr. Dazu der Sprit für deine Ausfahrten. Neun Mal in einer Saison. Das macht weitere sechshundertvierzig Euro für Benzin und Weg.“
Meine Stimme blieb ruhig. Sachlich. So, wie in der Frühbesprechung, wenn ich Ausgaben nach Posten vorlese.
„Unterm Strich sind das zweitausendsechzig Euro für dein Hobby in einem Jahr. Mir hast du im selben Zeitraum tausendzweihundert Euro gegeben. Für Essen, Medikamente, Waschmittel, Putzzeug. Für alles. Für deine Angelruten hast du fast doppelt so viel ausgegeben wie für deine Frau. Und dann bin ich die Verschwenderin?“
Die Stille fiel auf den Tisch wie ein schwerer Deckel.
Sepp stellte sein Glas ganz langsam ab. Tobias räusperte sich und rieb sich den Hinterkopf. Simon starrte auf den Zaun, als hätte er in seinem ganzen Leben noch nie einen gesehen.
„Musst du das vor den Leuten machen?“ Markus presste die Worte zwischen den Zähnen hervor. Unter seiner Haut arbeiteten die Kiefermuskeln wie kleine harte Steine. „Geht’s noch?“
„Du hast es auch vor den Leuten gemacht. Mit der Verschwenderin. Das war in Ordnung?“
Er stand auf. Langsam. Der Stuhl scharrte mit einem Bein über die Fliesen. Dann ging er ins Haus. Die Tür machte er leise zu. Fest. Ohne Knall.
Und genau das war das Schlimmste. Wenn Markus eine Tür leise schloss, bedeutete das Schweigen. Drei Tage, eine Woche, so lang, wie er es für richtig hielt. Bestrafung durch Stille.
Nach ungefähr einer Viertelstunde begannen die Männer aufzubrechen. Tobias murmelte ein knappes „Servus“ und ging als Erster. Simon nickte mir zu und verschwand ebenfalls. Nur Sepp blieb noch beim Gartentor stehen. Er trat von einem Fuß auf den anderen, als suche er nach Worten. Dann streckte er mir wortlos die Hand hin.
Ich drückte sie. Seine Handfläche war warm, rau und kräftig.
Er sagte nichts. Es war auch nicht notwendig.
Ich ging zurück in die Laube. Räumte die Teller zusammen, stapelte sie in die Wanne, trug den Mist hinaus. Der Abend war warm, es roch nach Kohle und nach Dille aus dem Beet. Bei den Nachbarn lief ein Radio, irgendetwas Leises ohne Gesang. Ein ganz gewöhnlicher Sommerabend.
Nur in mir drinnen war es plötzlich so still, als hätte jemand ein Brummen abgedreht, das acht Jahre lang nie aufgehört hatte.
Ich setzte mich allein auf die Bank in der Laube und legte die Hände auf meine Knie. Ich wartete darauf, dass sie zu zittern begannen. Aber sie zitterten nicht. Sie lagen einfach da. Ruhig. Trocken, müde, abgearbeitet – Buchhalterinnenhände. Hände, die es gewohnt waren, einen Stift zu halten und Zahlen zu ordnen.
Jetzt hatten sie endlich zu Ende gerechnet.
Das Schweigen dauerte zwei Wochen.
Markus bewegte sich durch die Wohnung wie ein fremder Untermieter. Frühstück machte er erst, wenn ich schon fast auf dem Weg in die Arbeit war. Abendessen gab es für ihn in der Garage; er hatte einen Wasserkocher und eine Mikrowelle hinübergeschleppt. Unsere ganze Kommunikation bestand aus Zetteln am Kühlschrank, festgehalten von einem Magneten mit der Aufschrift „Dem besten Fischer“: „Ruf wegen dem Zähler bei der Hausverwaltung an.“ „Waschpulver ist fast aus.“
Ich antwortete auf denselben Papierstreifen: „Angerufen, sie kommen am Mittwoch.“ Und: „Waschpulver 3,40 €. Von welchen 100 € soll ich das nehmen?“
Den letzten Zettel zerknüllte er und warf ihn in den Kübel. Das Waschpulver kaufte er selbst. Zum ersten Mal seit acht Jahren.
Ich dagegen schlug jeden Abend mein Heft auf. Die Spalten wurden länger. Seine Ausgaben standen links: große Beträge, eine breite Kolonne. Meine rechts: kleine Summen, ein schmaler Rinnsal. Zwei Welten. Nebeneinander, aber nicht gemeinsam.
Auf der letzten Seite zog ich den Schlussstrich. Mit rotem Kugelschreiber umrahmte ich das Ergebnis doppelt.
In acht Jahren hatte ich für seine Kredite siebzehntausendsechshundert Euro überwiesen. Mein Gehalt von vier Jahren. Hingegeben für sein Boot, für den Motor und für dieses Badefass, in dem er mit seinen Freunden saß und schwitzte.
Er wiederum hatte mir in denselben acht Jahren neuntausendsechshundert Euro zugestanden. Hundert Euro mal sechsundneunzig. Zum Leben. Für Lebensmittel. Für alles.
Ich hatte für ihn fast doppelt so viel bezahlt, wie er mir für meine ganze Existenz gegeben hatte.
Und dann tat ich das, worauf ich drei Monate lang zugesteuert war. Vielleicht auch alle acht Jahre.
Ich hörte auf, seine Kredite zu bedienen. Beide. Vollständig.
Ich öffnete die Banking-App. Der Betrag stand dort wie immer: zweihundertdreißig Euro. Mein Finger schwebte über dem Display. Dann tippte ich auf „Abbrechen“. Ich löschte den Dauerauftrag und schloss die App.
In der ersten Woche passierte gar nichts. In der zweiten kam eine SMS; er löschte sie, ohne sie zu öffnen. In der dritten Woche rief jemand an. Er drückte den Anruf weg, weil er ihn für Werbung hielt. In der vierten Woche läutete das Handy wieder. Und dann noch einmal. Und noch einmal.
Dieser eine Anruf erwischte ihn im Vorzimmer. Ich stand in der Küche und schälte Erdäpfel. Das Messer glitt in gleichmäßigen Bahnen über die Schale. Zwischen uns war eine Wand, aber jedes Wort kam bei mir an.
„Ja, ich höre. Welche Rückstände? Fünfhundertvierzig Euro? Das muss ein Irrtum sein. Meine Frau zahlt … Also … Nein, warten Sie …“
Eine lange Pause folgte. Ich hörte, wie er die Hand mit dem Telefon langsam sinken ließ.
Dann kam er in die Küche. Sein Gesicht war weiß.
