Nicht rot vor Zorn. Sondern weiß wie ein Blatt Papier.
„Du hast nicht gezahlt?“, fragte er. Ganz ruhig. Viel zu leise.
„Nein.“
„Seit wann?“
„Seit drei Monaten.“
Markus ließ sich auf den Hocker sinken. Das Holz gab ein langes, müdes Knarren von sich, als hätte auch es keine Kraft mehr.
„Da kommen Mahnspesen dazu. Verzugszinsen. Das weißt du schon, oder?“
„Natürlich weiß ich das. Ich bin Buchhalterin. Null Komma eins Prozent pro Tag auf den offenen Betrag.“
Er sah mich an, als stünde nicht seine Frau vor ihm. Nicht die Frau, die acht Jahre lang schweigend überwiesen hatte. Sondern jemand Fremder.
„Warum?“, brachte er schließlich heraus.
Ich zog die Lade im Küchentisch auf, nahm das grüne Heft heraus und legte es vor ihn hin.
„Schlag es auf.“
Langsam blätterte er darin. Eine Seite nach der anderen. Spalten, Daten, Beträge. Meine Schrift war klein, sauber, ohne einen einzigen Patzer. Dreißig Jahre Berufserfahrung – da zittert die Hand nicht.
„Die letzte Seite“, sagte ich.
Er blätterte nach hinten. Dort standen zwei Zahlen, eingerahmt.
17.600 Euro.
9.600 Euro.
„Die erste Summe ist das, was ich für dich bezahlt habe“, sagte ich. „Die zweite ist das, was du mir zum Leben gegeben hast. Im selben Zeitraum. Acht Jahre.“
Er sagte nichts. Er blätterte zurück, als würde irgendwo ein Rechenfehler auf ihn warten. Er fand keinen.
„Du hast gesagt: Leb von hundert Euro. Also habe ich davon gelebt. Ich habe Suppe aus Hühnerhälsen gekocht. Mir die Haare selbst über dem Waschbecken geschnitten. Strumpfhosen nur zweimal im Jahr gekauft. Vier Jahre lang dieselben Schuhe getragen. Und du hast dir Angelruten, Rollen und Zubehör gegönnt, bist für sechshundert Euro in dein Saunafass gestiegen, hast deinen Geländewagen um hundertsechzig Euro im Monat vollgetankt und mich vor deinen Freunden eine Verschwenderin genannt.“
Das grüne Heft lag zwischen uns auf dem Tisch. Abgegriffen, mit umgebogenen Ecken, von der ersten bis zur letzten Seite vollgeschrieben.
„Ab jetzt zahlst du selbst. Deine Kredite. Deine Einkäufe. Dein Leben. Wie ein erwachsener Mann.“
„Aber die verkaufen die Forderung ans Inkasso …“
„Kann sein.“
„Barbara, wir sind eine Familie!“
Ich rückte meine Brille zurecht. Langsam, mit der vertrauten Bewegung. Der Bügel glitt über meinen Nasenrücken.
„In einer Familie teilt man der Frau keine Ration zu. Man kontrolliert nicht die Rechnungen in ihren Einkaufssackerln. Man prahlt nicht damit, wie billig die eigene Frau im Unterhalt ist. Und man kauft sich keine Angelrute um dreihundertachtzig Euro, wenn die Frau sich nicht einmal ein Shampoo um zwei Euro achtzig leisten kann.“
Er stand auf und ging in die Garage. Bis in die Nacht kam er nicht zurück.
Ich legte das Heft wieder in die Lade und sperrte sie zu. Mit dem kleinen Schlüssel vom alten Koffer meiner Mutter.
Dann setzte ich mich ans Fenster. Draußen wurde es dunkel. Unter dem Garagentor lag ein schmaler Streifen Licht. Markus telefonierte mit irgendwem – wahrscheinlich mit seiner Mutter. Oder mit Tobias. Er suchte jemanden, der ihm kurzfristig Geld borgte.
Ich saß da und atmete. Tief, langsam, bis in die Brust hinein. Und auf einmal merkte ich, dass meine Schultern nach unten sanken. Ganz von selbst. Acht Jahre lang hatte ich sie hochgezogen gehalten. Jeden einzelnen Tag. Ohne es überhaupt zu bemerken.
Vor dem Fenster zirpten die Grillen. Die Erde roch noch warm vom Tag, und irgendwo lag ein süßer Blütenduft in der Luft – der Jasmin am Zaun war aufgegangen. Ich saß allein in der stillen Küche, und zum ersten Mal seit sehr langer Zeit wollte ich weder rechnen noch etwas notieren noch irgendwem etwas beweisen. Ich wollte einfach nur sitzen.
Zwei Monate sind vergangen.
Markus hat sich von meiner Mutter vierhundert Euro ausgeborgt und damit eine überfällige Rate beglichen. Mir hat er kein Wort davon gesagt. Meine Mutter hat selbst angerufen: „Barbara, der Markus war da. Er hat gefragt, ob ich ihm bis zum Gehalt etwas leihen kann. Ich hab’s ihm gegeben, er ist ja kein Fremder.“ Ich umklammerte das Telefon so fest, dass meine Finger weiß wurden. Aber ich schwieg. Mit Mama werde ich noch eigens reden. Später.
Den zweiten Kredit hat er bei der Bank umschulden lassen. Noch einmal auf fünf Jahre gestreckt. Die Monatsrate ist auf hundertzwanzig Euro gesunken. Die zahlt er jetzt selbst. Pünktlich, auf den Tag genau, ohne Verzug. Offenbar haben ihm die Anrufe aus der Mahnabteilung mehr beigebracht als meine acht Jahre Schweigen.
Die japanische Angelrute steht in der Garage, im Futteral, unberührt. Fischen war er in diesen zwei Monaten kein einziges Mal. Der Sprit ist teuer, und freies Geld gibt es nicht mehr. Die Sauna hat er auf zweimal im Monat reduziert. Bier kauft er flaschenweise, nicht mehr kistenweise.
Wir wohnen weiter in derselben Wohnung. Wir reden wenig, nur das Nötigste. Die Zettel am Kühlschrank sind geblieben, nur rechnet jetzt auch er. Gestern habe ich ihn im Geschäft gesehen: Er stand beim Brot und überlegte zwischen zwei Laiben. Das helle um zwei Euro vierzig und das dunklere um zwei Euro zehn. Er nahm das billigere.
Ich weiß nicht, ob es besser geworden ist. Leiser ist es geworden, das sicher. Ruhiger vielleicht auch. Aber Wärme ist keine da. Und ein richtiges Gespräch auch nicht. Er meint, ich hätte ihn verraten. Ich glaube, er hat mich acht Jahre lang verraten – mit jedem Schein, den er mir vorgezählt hat, mit jeder kontrollierten Rechnung, mit jedem einzelnen Wort „Verschwenderin“.
Claudia hat in der Arbeit gesagt: „Richtig so, Barbara. Soll er einmal am eigenen Leib spüren, wie das ist, wenn man zwischen dem teureren und dem billigeren Brot entscheiden muss.“
Meine Schwester Andrea hat angerufen, davon erfahren und nur ausgeatmet: „Na, du bist mir eine. Inkasso ist schon hart. Hättet ihr euch nicht einfach hinsetzen und wie normale Leute reden können? Du machst doch eure Familie kaputt.“
Und ich weiß es nicht. Ehrlich. Ich weiß es nicht.
