– Wo ist denn der Käse hin? Ich hab doch gestern Abend ein ganzes Stück gekauft, sicher an die vierhundert Gramm. Extra für die Frühstückssemmerln, damit ich in der Früh nicht kochen muss.
Anna stand vor dem weit offenen Kühlschrank und spürte, wie in ihr ein dumpfer Ärger hochstieg. Die Kälte aus den Fächern strich ihr übers Gesicht, trotzdem brannten ihre Wangen. Auf der mittleren Ablage, wo am Abend zuvor noch der schwere Block Schnittkäse in gelber Verpackung gelegen war, standen jetzt nur noch eine einsame Zitronenhälfte und ein kleines Glas mit Resten von Paradeismark.
– Vielleicht hast du ihn gegessen und es vergessen? – rief Lukas aus dem Wohnzimmer, wo er vor der Arbeit verzweifelt nach der zweiten Socke suchte. – Oder ich bin in der Nacht aufgestanden … Nein, eigentlich nicht, ich hab nur Wasser getrunken. Anna, bitte, mach doch wegen einem Stück Käse kein Drama. Dann ist er halt weg.
Langsam drückte Anna die Kühlschranktür zu. Das leise Klicken klang in der morgendlichen Stille unnatürlich laut. Es ging ihr ja gar nicht um den Käse. Auch nicht um die Wurst, die vor drei Tagen wie vom Erdboden verschluckt gewesen war. Nicht einmal um das Glas mit dem teuren löslichen Kaffee, das genau zur Hälfte leer geworden war, während sie beide in der Arbeit gewesen sind. Das Beunruhigende war vielmehr, dass Anna allmählich an ihrem eigenen Verstand zu zweifeln begann. Ganz genau wusste sie noch, wie sie die Einkäufe aus den Sackerln genommen, sie in die Fächer eingeräumt und dabei schon den Speiseplan für die Woche im Kopf durchgegangen war. Und danach verschwanden diese Sachen. Still, unauffällig, immer nur ein bisschen.
– Lukas, ich kann doch nicht in einer Nacht fast ein halbes Kilo Käse verdrückt haben, – sagte sie, als sie ins Zimmer kam und sich die Hände an einem Geschirrtuch abtrocknete. – Und du auch nicht. Da wären wir beide geplatzt. Da stimmt etwas anderes nicht.

Endlich hatte Lukas die Socke unter der Couch gefunden und zog sie sich ächzend über den Fuß. Er war im Grunde ein guter Mann: ruhig, fleißig, friedliebend. Seine einzige Schwäche, die er selbst allerdings für eine Tugend hielt, war seine Mutter – Barbara.
– Fängst du schon wieder damit an? – Er hob den Blick, müde und ein wenig genervt. – Worauf willst du hinaus? Dass bei uns ein Hausgeistl wohnt? Oder dass Mama etwas mitnimmt? Anna, das ist doch lächerlich. Sie ist eine ältere Frau, sie hat ihre Pension, sie kommt damit aus. Sie schaut nur vorbei, um die Blumen zu gießen und den Kater zu füttern, wenn wir arbeiten sind. Sie hilft uns ja. Und du …
– Ich sag ja gar nichts, – fiel Anna ihm ins Wort, obwohl genau dieser Gedanke ihr im Kopf herumging. – Ich sag nur, dass es seltsam ist. Immer an den Tagen, an denen sie da war, fehlt danach etwas. Letzten Dienstag eine ganze Stange Servelat. Am Donnerstag das Hühnerfilet, das ich für Schnitzel aufgetaut hatte. Und jetzt der Käse.
– Vielleicht hat sie es einfach umgeräumt? – Lukas stand auf und strich sein Hemd glatt. – Oder Tschischka hat’s verschleppt?
– Der Kater hat den Kühlschrank geöffnet, den vakuumverpackten Käse herausgenommen und irgendwo versteckt? Lukas, bitte schalt einmal den Hausverstand ein.
– Gut, ich komm zu spät, – sagte er, gab ihr rasch einen Kuss auf die Wange und man merkte, dass er diesem unangenehmen Gespräch entkommen wollte. – Am Abend kaufen wir dir neuen Käse. Reg dich nicht so auf. Mama ist ein herzensguter Mensch, die würde ihr letztes Hemd hergeben, und du verdächtigst sie des Stehlens. Das ist nicht in Ordnung, Anna.
Als die Wohnungstür hinter ihm zugefallen war, setzte sich Anna im Vorzimmer auf einen Sessel. Plötzlich schämte sie sich wirklich. Barbara wirkte immer wie ein altes, harmloses Mütterchen: der abgetragene Mantel, die gestrickte Baskenmütze, die endlosen Erzählungen über Blutdruck, Kreuzweh und teure Medikamente. Sie wohnte im Nebenhaus und hatte einen eigenen Schlüssel zu ihrer Wohnung – „für den Notfall“, wie Lukas damals darauf bestanden hatte. Anfangs hatte Anna nichts dagegen gehabt. Praktisch war es ja, falls einmal ein Rohr platzt oder jemand vergessen sollte, das Bügeleisen auszustecken. Doch in letzter Zeit waren diese Besuche auffällig häufig geworden.
Anna arbeitete als Buchhalterin in einer großen Baufirma. Ihr Beruf verlangte Genauigkeit, Geduld und einen klaren Kopf. Vielleicht war es gerade diese Gewohnheit, jeden Betrag zu prüfen und Soll mit Haben abzugleichen, die sie nicht losließ. Ihr Haushaltsbudget kannte sie bis auf den letzten Euro. Sie und Lukas sparten auf ein neues Auto, deshalb waren die Ausgaben fürs Essen streng eingeteilt. In den vergangenen zwei Monaten aber war genau dieser Posten völlig unerklärlich angeschwollen. Das Geld verschwand, während der Kühlschrank ständig halb leer dastand.
Am selben Abend ging Anna nach der Arbeit noch in den Supermarkt. Die Preise taten richtig weh. Lange blieb sie vor der Feinkost stehen und überlegte, welches Stück Bratenaufschnitt sie nehmen sollte. Lukas mochte in der Früh belegte Brote mit Fleisch besonders gern. Schließlich seufzte sie und entschied sich für ein kleineres Stück. Sparen musste sie ohnehin bei sich selbst: statt ihres Lieblingsjoghurts nahm sie Kefir, statt Forelle nur günstigeren Fisch.
Daheim räumte sie die Einkäufe sorgfältig ein. Diesmal wollte sie einen Versuch machen. Sie nahm einen Marker und setzte winzige, kaum sichtbare Punkte auf den Boden des teuren Pastetenglases und auf die Packung Butter. Es kam ihr albern vor, fast wie ein kindisches Spionagespiel, aber sie musste endlich wissen, was wirklich vor sich ging.
Die nächsten zwei Tage verliefen ruhig. Barbara kam nicht vorbei.
