„Da stimmt etwas anderes nicht“ — Anna starrte verzweifelt in den Kühlschrank und zweifelte an ihrem Verstand

Dieses stille Verschwinden ist erschreckend und ungerecht.
Geschichten

Sie meldete sich lediglich einmal telefonisch und jammerte über das Wetter. Die Lebensmittel blieben dort, wo Anna sie eingeräumt hatte. Nach und nach begann sie sich sogar einzureden, dass sie vielleicht tatsächlich vor lauter Müdigkeit zerstreut geworden war und manches einfach falsch in Erinnerung hatte.

Am Freitag in der Früh jedoch läutete Barbaras Name am Display auf.

„Anna, grüß dich“, säuselte die Schwiegermutter mit einer Stimme, die vor Freundlichkeit beinahe klebrig wirkte. „Ich komm heute sowieso bei euch vorbei, ich muss in die Apotheke. Soll ich kurz hineinschauen und die Blumen gießen? Euer Ficus lässt ja schon ganz traurig die Blätter hängen, hat der Lukas gesagt. Das arme Pflänzchen.“

„Barbara, ich hab ihn gestern gegossen“, versuchte Anna einzuwenden.

„Ach geh, du machst doch immer alles schnell, schnell, ein bissl da, ein bissl dort. Pflanzen brauchen Pflege, und vor allem eine erfahrene Hand. Mach dir keine Sorgen, ich bin ganz leise. Ich geh nur kurz rein und bin gleich wieder weg. Soll ich euch vielleicht einen Borschtsch kochen?“

„Nein, danke. Wir haben genug zu essen“, sagte Anna deutlich. Sie wollte unter keinen Umständen, dass ihre Schwiegermutter wieder in ihrer Küche herumwirtschaftete.

„Na, wie ihr meint. Also gut, ich muss weiter. Einen schönen Tag, mein Kind.“

In der Arbeit ist Anna den ganzen Tag wie auf Nadeln gesessen. Die Zahlen in den Tabellen verschwammen vor ihren Augen, und sie konnte sich kaum auf die Berichte konzentrieren. Immer wieder stellte sie sich vor, wie Barbara mit ihrem eigenen Schlüssel die Wohnungstür aufsperrte und eintrat. Was tat sie dann? Öffnete sie die Kästen? Durchsuchte sie Taschen? Oder ging sie schnurstracks zum Kühlschrank?

Als Anna am Abend heimkam, stellte sie nicht einmal ihre Tasche ordentlich ab. Sie lief sofort in die Küche. Ihr Herz schlug so heftig, als säße es ihr im Hals.

Der Kühlschrank empfing sie mit einer eisigen Leere.

Der Bratenaufschnitt war weg. Die Packung Butter mit dem winzigen Punkt war verschwunden. Von den zehn Eiern lagen nur noch zwei in der Halterung. Und was Anna am meisten traf: Auch das Glas roter Kaviar, das sie im Angebot gekauft und für Silvester ganz hinten im Fach hinter den eingelegten Gurken versteckt hatte, war nicht mehr da.

Langsam ließ sie sich auf den Küchenhocker sinken und presste beide Hände vors Gesicht. Das war nicht mehr lächerlich. Das war dreist. Unverschämt. Das war Diebstahl, ganz einfach. Und das Schlimmste daran war, dass sie nicht wusste, wie sie Lukas davon überzeugen sollte. Einen Beweis hatte sie nicht. Barbara konnte jederzeit behaupten, sie habe nichts genommen. Oder Anna habe alles selbst gegessen und es vergessen. Oder dieser Kaviar sei überhaupt nie im Kühlschrank gewesen.

Am Abend kam es zu einem schweren Gespräch.

„Lukas, der Kaviar ist weg. Und das Fleisch. Und die Butter auch“, sagte Anna, während ihr Mann aß. Sie hatte notgedrungen Tiefkühl-Teigtascherln gekocht, weil das geplante Fleisch verschwunden war.

Lukas legte die Gabel zur Seite. Sein Gesicht wurde hart.

„Schon wieder? Anna, langsam machst du mir Angst. Vielleicht solltest du wirklich einmal zum Arzt gehen. Zu einem Neurologen oder so. Wie soll denn bitte Kaviar einfach verschwinden?“

„Deine Mutter war heute da.“

„Und? Sie ist gekommen, um die Blumen zu gießen! Glaubst du ernsthaft, meine Mutter, eine gebildete Frau, ehemalige Lehrerin, bestiehlt ihren eigenen Sohn und nimmt ihm Lebensmittel weg? Wozu denn? Sie hat ihre Pension, und ich gebe ihr jeden Monat etwas dazu.“

Anna erstarrte.

„Du gibst ihr Geld? Wie viel?“

Lukas wirkte plötzlich verlegen und sah zur Seite.

„Na ja … so fünfzig bis siebzig Euro ungefähr. Für Medikamente, für die Betriebskosten. Allein ist es halt nicht leicht für sie.“

„Fünfzig bis siebzig Euro … Lukas, wir zahlen unseren Wohnkredit ab. Wir waren seit drei Jahren nicht mehr am Meer. Und du gibst deiner Mutter heimlich Geld, ohne mir ein Wort zu sagen?“

„Sie ist meine Mutter!“, fuhr Lukas auf. „Ich muss mich doch nicht für jeden Euro rechtfertigen, den ich meinen Eltern gebe! Und hör endlich auf, sie zu beschuldigen. Wenn du so vergesslich bist oder nicht mit Geld umgehen kannst, dann schieb es nicht auf andere!“

In dieser Nacht legten sie sich zum ersten Mal seit langer Zeit ins Bett, ohne einander gute Nacht zu wünschen. Anna lag wach im Dunkeln, starrte an die Decke und hörte das beleidigte Atmen ihres Mannes neben sich. In ihr formte sich eine kalte, feste Entschlossenheit. Sie musste nicht nur herausfinden, was wirklich geschah. Sie musste es beweisen. Wasserdicht. So eindeutig, dass Lukas keine Ausrede mehr finden konnte.

Am nächsten Tag, einem Samstag, fuhr Anna in einen Elektrofachmarkt. Lange ließ sie sich beraten, verglich Modelle und stellte dem Verkäufer eine Frage nach der anderen. Sie brauchte etwas Kleines, Unauffälliges, mit Speicherkarte und Bewegungsmelder.

„Dieses Modell wäre passend“, sagte der junge Verkäufer im gelben T-Shirt und reichte ihr ein kleines schwarzes Kästchen. „HD-Qualität, Tonaufnahme, der Akku hält bis zu einer Woche. Man kann es auf ein Regal stellen oder hinter Büchern verstecken.“

Wieder daheim machte sich Anna an die Montage, während Lukas in der Garage beschäftigt war. Der beste Platz fand sich ganz oben in der Küchenzeile, dort, wo ein paar selten benutzte Vasen und ein altes Service standen. Sie stellte die Kamera zwischen die Zuckerdose und das Glas mit Lorbeerblättern und richtete das Objektiv genau auf den Kühlschrank und einen Teil der Arbeitsfläche. Von unten war nichts zu erkennen, doch der Blickwinkel war ausgezeichnet.

Jetzt fehlte nur noch der Köder.

Am Sonntag füllte Anna den Kühlschrank absichtlich und gut sichtbar vor Lukas’ Augen. Sie kaufte teuren Aufschnitt von geräucherter Wurst, ein Stück guten Käse, schon wieder, ein Kilo gekühltes Rindfleisch, Forelle, Obst und eine große Schachtel Pralinen.

Lukas machte große Augen.

Hedis Stube