„Sie erwartet also, dass ich für zwanzig Leute koche, aber an den Tisch darf ich nicht“ sagte sie bloß laut, um zu hören, wie es klang

Beschämend ungerecht, dennoch bewundernswert liebevoll.
Geschichten

— Meine Mutter meint, du bleibst besser daheim. Heuer feiern wir nur im engsten Familienkreis.

Lukas sah nicht einmal vom Handy auf. Anna stand mitten in der Küche wie angewurzelt, den Putzfetzen in der Hand. Der siebenundzwanzigste Dezember, noch drei Tage bis Silvester, und eben war sie wieder aus der Familie gestrichen worden.

— Wie bitte — ich soll daheimbleiben?

— Na ja, so halt. Du passt dort ohnehin nicht mehr hinein, oder? Mamas Wohnung ist kein Gummiband. — Erst jetzt löste er den Blick vom Display, ehrlich erstaunt, als hätte sie etwas völlig Abwegiges gefragt. — Dafür hat sie gebeten, dass du kochst. Hier ist die Liste.

Er reichte ihr ein Blatt, vollgeschrieben mit Barbaras runder Schrift. Anna nahm es nur mit zwei Fingern.

Sulz. Drei verschiedene Salate. Fisch aus dem Rohr. Fleischpasteten und Apfelkuchen. Feine kalte Platten. Ganz unten stand noch: „Und bitte hübsch anrichten, liebe Anna. Es kommen ja Gäste.“

Gäste. Für Gäste war Platz. Für sie nicht.

— Sie erwartet also, dass ich für zwanzig Leute koche, aber an den Tisch darf ich nicht.

Es war keine Frage. Anna sagte es bloß laut, um zu hören, wie es klang.

— Genau. Du verstehst das doch. Die haben ihren eigenen Kreis. Du würdest dich dort nur unwohl fühlen.

Zwölf Jahre Ehe. Zwölf Jahre hatte sie für diese Verwandtschaft gekocht: zu jeder Feier, jedem Geburtstag, jedem Namenstag. Mit am Tisch hatte sie vielleicht dreimal sitzen dürfen. Sonst hieß es: aufwärmen, hinstellen, abräumen, abwaschen.

— Gut, — sagte Anna.

Lukas nickte und versank wieder in seinem Handy.

Am neunundzwanzigsten stand sie im Supermarkt vor dem Fleisch für die Sulz. Ein halbes Monatsgehalt. Genau das Geld, das sie für einen Wintermantel zurückgelegt hatte. Anna nahm das Fleisch und legte es ins Einkaufswagerl. Danach kamen Lachs, Avocados und Ananas für die Salate dazu. Barbara mochte es, wenn alles „wie bei ordentlichen Leuten“ aussah.

Zu Hause kochte, schnitt und mischte Anna weiter, fast ohne nachzudenken. Ihre Hände wussten längst, was zu tun war. Am Dreißigsten ist sie erneut aufgestanden.

Hedis Stube