Um sechs in der Früh hat sie weitergemacht. Irgendwann ist ihr aufgefallen, dass da nicht einmal mehr Zorn in ihr war. Sie erledigte einfach, was zu erledigen war.
Zu Mittag ist ihre Schwester Julia vorbeigekommen. Als sie den Tisch gesehen hat, vollgestellt mit Dosen und Schüsseln, hat sie leise gepfiffen.
„Machst du ein Wirtshaus auf?“
„Für Lukas’ Familie. Zu Silvester.“
„Und du?“
„Ich bleib da. Allein. Eingeladen bin ich nicht, aber das Essen haben sie bestellt.“
Julia hat sich auf ein Stockerl gesetzt und lange kein Wort gesagt.
„Hör zu, ich wollte dir das schon ewig sagen. Weißt du noch eure Hochzeit? Ich hab damals zufällig gehört, wie Barbara beim Klo mit einer Freundin geredet hat. Sie hat gesagt: ‚Unser Lukaserl hat sich halt ein schlichtes Hascherl genommen. Na ja, immerhin kann sie kochen. Für die Küche reicht’s.‘“
Anna ist mitten in der Bewegung erstarrt. Das Messer blieb über dem Schneidbrett hängen.
„Zwölf Jahre hast du das für dich behalten?“
„Ich hab gedacht, es geht mich nichts an. Verzeih“, Julia rieb sich über den Nasenrücken. „Aber wenn ich das jetzt alles sehe, wird mir schlecht. Du willst ihnen wirklich das ganze Essen bringen und selber zu Silvester allein bleiben?“
„Ja. Genau das hab ich vor.“
Julia ist aufgestanden und hat beim Hinausgehen die Tür ins Schloss krachen lassen.
Um sieben am Abend hat Barbara angerufen. Ihre Stimme war zuckersüß, klebrig wie Karamell.
„Annerl, Liebes, mir ist eingefallen: Vielleicht könntest du noch Garnelen dazunehmen? Und roten Kaviar. Es ist ja Silvester, und die Gäste sind nicht irgendwer. Lukas gibt dir das dann schon irgendwann zurück.“
Irgendwann. Dann schon. In zwölf Jahren hatte Lukas ihr für die Einkäufe zu den Familienfeiern keinen einzigen Euro ersetzt.
„Natürlich, Barbara. Ich mach das.“
Anna legte auf. Danach saß sie gut zehn Minuten am Sofa und starrte ins Leere. Schließlich zog sie die Jacke an und ging hinaus. In der Apotheke an der Ecke kaufte sie zwei Fläschchen starkes Abführmittel, geschmacklos und geruchlos.
Daheim öffnete sie die erste Dose mit der Sulz. Ein paar Tropfen kamen in die Brühe, dann rührte sie langsam um und machte den Deckel wieder zu. Danach folgte der Heringssalat, Schicht für Schicht unter Mayonnaise versteckt. Noch ein paar Tropfen. Dann der Olivier, die Mimosa, die Sauce zum Fisch. Ihre Hände arbeiteten ruhig und gleichmäßig.
